Thema SMAD Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD)

Akten der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD)

Gemeinschaftsprogramm zum Studium, zur Auswertung und zur Reproduktion der Akten der SMAD

Das sowjetische Hauptquartier in Berlin-Karlshorst, in dem die bedingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte unterzeichnet wurde, 1945.

Das sowjetische Hauptquartier in Berlin-Karlshorst, in dem die bedingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte unterzeichnet wurde, 1945.

Quelle: BArch Bild 183-E0406-0022-029

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Die SMAD-Akten, deren Hauptmasse im Umfang von rund 10.000 Aktenbänden im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) in Moskau verwahrt wird, waren bis in die 90er Jahre hinein gesperrt. Weitere bedeutende Überlieferungsteile liegen in den Archiven des russische Außenministeriums, des Verteidigungsministeriums und des heutigen Staatsarchivs für sozialpolitische Geschichte, dem früheren zentralen Parteiarchiv. Ein Erlass des russischen Präsidenten Jelzin vom Oktober 1995 ermöglichte dem Bundesarchiv (zugleich im Namen der Archivverwaltungen Berlins, Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns, Sachsens, Sachsen-Anhalts sowie Thüringens) und dem Föderalen Archivdienst Russlands (ROSARCHIV) ein "Arbeitsprotokoll zur Durchführung eines deutsch-russischen Gemeinschaftsprogramms zum Studium, zur Auswertung und zur Reproduktion der Akten der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (1945-1949)" zu unterzeichnen.

Nachdem zu Beginn des Jahres 2000 die Akten deklassifiziert worden waren, konnte mit der gemeinsamen Bearbeitung und Erforschung einzelner thematischer Schwerpunkte begonnen werden. Das Bundesarchiv und ROSARCHIV kamen zunächst überein, das Gemeinschaftsprogramm mit dem Thema "Kulturpolitik der SMAD" zu beginnen, weil hierzu im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) inzwischen der größte Teil der Akten der SMAD und der SMA der Länder offengelegt waren. Das Programm für die Bearbeitung dieses Themas sah die Schaffung eines elektronischen Kataloges der SMAD-Akten, die Veröffentlichung von Dokumentenpublikationen sowie die Herstellung von Mikrofilmen vor, wobei diese Arbeiten nach Möglichkeit parallel erfolgen sollten. Auf russischen Wunsch kam die Digitalisierung der in das Projekt einbezogenen SMAD-Akten und die Erstellung eines elektronischen Katalogs der zu verzeichnenden und zu verfilmenden SMAD-Dokumente hinzu. Mit der Kombination der elektronischen Kataloge auf Band- und Dokumentenebene und ihrer Verbindung mit den digitalisierten Dokumenten zielt das SMAD-Projekt auf die Schaffung eines "elektronischen Archivs". Zum Abschluss der Beratungen kamen die Seiten überein, zunächst in einem Pilotprojekt von deutschen und russischen Archivaren und Historikern Verfahrensmethodik und -abläufe zu testen. An dem Projekt, das in der Zeit vom November 2000 bis zum Februar 2001 durchgeführt wurde, beteiligten sich das Bundesarchiv, das Sächsische Staatsarchiv Chemnitz, ROSARCHIV, GARF, das Institut für Zeitgeschichte und das Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Auf der Grundlage der positiven Ergebnisse des Pilotprojekts wurde zum 1. März 2001 der nahtlose Übergang zur dauerhaften Fortsetzung des Erschließungs-, Verfilmungs- und Digitalisierungsprojektes vollzogen.Seitdem werden kontinuierlich, in durch jährliche Arbeitspläne festgelegten Umfängen, die Erschließungsdaten in der Datenbank ebenso wie die verfilmten und digitalisierten Dokumentenmengen erhöht. In der Gemeinsamen Kommission zur Erforschung der neueren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, ohne deren Haushaltsmittel das Programm nicht hätte begonnen werden können, wies die russische Seite ausdrücklich darauf hin, dass das Projekt "Kulturpolitik" nur ein erster Schritt für eine Reihe von Projekten sei.

Die Bearbeitung weiterer Themen wurde durch umfangreiche Herabstufungen von SMAD-Akten im GARF bedeutend erweitert.

Eine Bilanz der bisherigen Arbeiten zum Ende des Jahres 2010 zeigt gute Fortschritte. Der elektronische Katalog der SMAD-Akten im Umfang von ca. 9 800 Eintragungen wurde fertiggestellt und liegt als zweibändige, von Rosarchiv, GARF und Bundesarchiv herausgegebene und von Tatiana Tsarevskaja-Diakina sowie Kai von Jena bearbeitete Publikation gedruckt vor:

  • Fondy Sovetskoj voennoj administracii v Germanii v Gosudarstvennym archive Rossijskoj Federacii. Moskau 2004. B dvuch 2-ch častjach:
    • Čast´ 1. Katalog del fonda Sovetskoj voennoj administracii v Germanii (R-7317). 1945-1953 gg.
    • Čast´ 2. Katalog del fondov upravlenij Sovetskoj voennoj administracii v provincijach i federal´nych zemljach, drugich sovetskich organizacij v Germanii i Kontrol´nogo soveta Sojuznoj kontrol´noj vlasti. 1945-1950 gg.

Mit der Herausgabe dieses Findmittels steht der Forschung zum ersten Mal ein Verzeichnis zur Verfügung, das rund 95% aller SMAD-Akten im GARF auflistet.

Der elektronische Katalog der SMAD-Akten auf Dokumentenebene umfasst inzwischen nahezu 280.000 Eintragungen. Damit ist es möglich, einen umfassenden Überblick über die im GARF vorhandene Überlieferung zu gewinnen. Diese elektronischen Hilfsmittel können sowohl in Moskau als auch in Berlin-Lichterfelde genutzt werden.

Im Verlauf des Projektes wurden außerdem mehr als 1,2 Millionen Mikrofilmaufnahmen hergestellt. Nahezu die gleiche Anzahl von Digitalisaten wurden in das "elektronische Archiv" integriert. Alle diese Arbeitsergebnisse stehen Benutzern des Bundesarchivs in Berlin-Lichterfelde zur Verfügung.

Kontakt:

Frau Kerstin Weller
Tel.: 03018/7770-523
E-Mail: k.weller@bundesarchiv.de

Weitere Informationen:

SMAD-Findbücher(pdf, ~77.51KB)
(Stand: Oktober 2010)

 

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Befehle der SMA Mecklenburg (-Vorpommern) 1945 - 1949

 

Hinweis:

 

Detlev Brunner. Inventar der Befehle der Sowjetischen Militäradministration Mecklenburg (-Vorpommern) 1945-1949. München: K.G. Saur, 2003. 157 S. EUR 78.00 (gebunden), ISBN 978-3-598-11621-6.

Reviewed by Lutz Prieß
Published on H-Soz-u-Kult (May, 2003)

 


 

D. Brunner (Hg.): Inventar der Befehle der SMAD

Für die Erforschung der Geschichte der Landesverwaltungen der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) liegt mit dem „Inventar der Befehle der Sowjetischen Militäradministration Mecklenburg (-Vorpommern), 1945-1949“ ein neuer beachtenswerter Beitrag vor. Erinnert sei u.a. an das von Klaus Geßner und Wladimir W. Sacharow nach der Überlieferung im Staatsarchiv der Russischen Föderation bearbeitete „Inventar der offenen Befehle der Sowjetischen Militäradministration des Landes Brandenburg“ (2002).

Das hier vorliegende Inventar ist Teil des umfassenden Editionsvorhabens „Landesregierung und Landespolitik in Mecklenburg-Vorpommern in der SBZ/DDR. 1945 bis 1952“, das am Historischen Institut der Universität Rostock in Kooperation mit dem Landeshauptarchiv Schwerin (LHAS) erarbeitet und von der VW-Stiftung gefördert wird. Es enthält eine komplette Übersicht über die nicht als geheim klassifizierten SMA-Befehle des Landes, die im Landeshauptarchiv Schwerin und dem Moskauer Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) überliefert sind. Die Publikation umfasst eine Einleitung über die Sowjetische Militäradministration des Landes Mecklenburg (-Vorpommern) und das eigentliche Inventar.

 

 

 

 

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 SMAD-Befehl Nr. "64" vom 18.April 1948

 


 

N E U E S     D E U T S C H L A N D

Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands

 

 

Berlin, Sonntag, 18. April 1948

 

S e q u e s t r i e r u n g e n   b e e n d e t

 

Befehl des Obersten Befehlshabers der Sowjetischen Besatzungstruppen und

des Obersten Chefs der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland

 

Berlin, 17.April (SNB).

 

Durch den Volksentscheid in Sachsen

sowie durch die dem Volkswillen entsprechenden Beschlüsse der Regierungen der übrigen Länder der sowjetischen Besatzungszone

wurden Betriebe und sonstiger Besitz der Nazi- und Kriegsverbrecher, darunter auch aller großen Monopolvereinigungen, enteignet und in die Hände des deutschen Volkes übergeführt.

 

Nach den von der Deutschen Wirtschaftskommission vorgelegten Angaben wurden

acht Prozent aller meldepflichtigen Industriebetriebe, die zusammen etwa 40 Prozent der gesamten Industrieproduktion der Zone erzeugen, in den Besitz des deutschen Volkes übergeführt.

 

Diese Betriebe gehörten vor allem den großen Monopolherren

– G ö r i n g , S i e m e n s, F l i c k  und  a n d e r e n -.

die

die bedeutendsten industriellen Reichtümer des Landes

in ihren Besitz gebracht und zur imperialistischen Aggression genutzt hatten.

 

 

Als  E i g e n t u m  d e s  V o l k e s 

werden jetzt diese Betriebe zur Grundlage für den Wiederaufbau und die Entwicklung der F r i e d e n s w i r t s c h a f t in der sowjetischen

Besatzungszone.

Sie werden nicht mehr für imperialistische Aggressionen und zum Schaden

des deutschen Volkes ausgenutzt werden können.

 

Die Deutsche Wirtschaftskommission teilte mit,

dass das Eigentum der Kriegs- und Naziverbrecher sowie der Monopolherren wirklich sequestriert und in den Besitz des Volkes übergeführt worden ist

und

dass sie es deshalb für unzweckmäßig halte, das Sequesterverfahren weiterhin anzuwenden und die Kommission zur Verteilung des sequestrierten Eigentums weiter bestehen zu lassen.

 

Unter Berücksichtigung der Vorschläge der Deutschen Wirtschaftskommission 

 

b e f e h l e   i c h :

 

1., Die von der Deutschen Wirtschaftskommission vorgelegten Listen der Betriebe der Monopolisten und anderen Kriegs- und Naziverbrecher, die gemäß den Beschlüssen der Länderregierungen auf Grund der von den Kommissionen des Blocks der demokratischen Parteien und der gesellschaftlichen Organisationen in der sowjetischen Besatzungszone gemachten Vorschläge enteignet und in den Besitz des Volkes übergeführt wurden, werden bestätigt.

 

2. Es wird festgelegt, dass das Volkseigentum unantastbar ist. Dementsprechend wird der Verkauf oder die Übergabe von in das Eigentum des Volkes übergegangenen Industriebetrieben an Privatpersonen und Organisationen verboten. Bei der Deutschen Wirtschaftskommission ist ein Ausschuß zum Schutze des Volkseigentums zu schaffen, wobei für die Länder Bevollmächtigte dieses Ausschusses zu benennen sind. Die Deutsche Wirtschaftskommission hat die juristische Eintragung der volkseigenen Betriebe in kürzester Zeit zu gewährleisten.

 

3. Alle Betriebe, die ohne genügenden Grund sequestriert wurden und die nicht in die durch Punkt 1 dieses Befehls bestätigten Listen aufgenommen wurden, sind den früheren Besitzern bis zum 30. April d.J. zurückzugeben.

 

4. Die Deutsche Wirtschaftskommission und entsprechend ihren Anweisungen die Landesregierungen sind verpflichtet, bis zum 15. Mai d.J. eine Entscheidung über den sonstigen sequestrierten Besitz (sequestrierte Häuser, Grundstücke usw.) zu treffen, wobei zu Unrecht sequestrierter Besitz den früheren Eigentümern zurückgegeben wird. Ebenso hat sie auch die Frage des Resteigentums der Betriebe, die als Rüstungspotential oder durch ein anderes in den Potsdamer Beschlüssen vorgesehenes Verfahren liquidiert wurden, eine Entscheidung zu treffen in den Fällen, wenn über einen derartigen Besitz eine solche nicht getroffen wurde.

 

5. Der Befehl der SMAD Nr. 124 vom 30. Oktober 1945 wird nunmehr nach seiner Durchführung außer Kraft gesetzt und jegliche weitere Sequestrierung von Eigentum auf Grund des erwähnten Befehls verboten.

 

6. Die Kommission für Sequestrierung und Beschlagnahme bei der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland sowie alle zentralen und örtlichen deutschen Kommissionen für Sequestrierung und Beschlagnahme, die zur Durchführung des Befehls Nr. 124 geschaffen wurden, sind aufzulösen, da sie die Aufgaben erfüllt haben.

 

7. Die Deutsche Wirtschaftskommission wird beauftragt, Maßnahmen auszuarbeiten, die einen schnellen Wiederaufbau und die vollständige Ausnutzung aller volkseigenen Betriebe sowie des übrigen Volkseigentums im Interesse der Bevölkerung gewährleisten.

 

8. Die Deutsche Wirtschaftskommission wird beauftragt, zur Durchführung des Befehls Richtlinien zu erlassen und andere entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

 

9. Der Befehl tritt mit dem Tage seiner Veröffentlichung in Kraft.

 

              Oberster Chef der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland

                                                           und

Oberbefehlshaber der Gruppe der Sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland

 

                   Marschall der Sowjetunion           W. S o k o l o w s k i j

 

 
            Chef des Stabes der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland

 

                              Generalleutnant        L u k j a n t s c h e n k o

 

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U n s e r e   M e i n u n g

 

Der oben wiedergegebene Befehl zieht für die sowjetische Besatzungszone den Schlussstrich unter eine ganze Epoche der deutschen Geschichte.

Dieses Mal sind die Versäumnisse von 1918 nicht wiederholt worden. Zum zweiten Male sind die kapitalistischen Kriegsbrandstifter, ohne deren tatkräftige finanzielle Unterstützung der Hitlerfaschismus unmöglich gewesen wäre, nicht wieder ungestraft davongekommen.

 

Um ihr Entmachtung, um ihre wirtschaftliche Ausschaltung ging es bei den jetzt abgeschlossenen Sequestrierungen in erster Linie.

 

Das  beweist am  beste  die  Tatsache, 

daß nur acht Prozent  der gesamten  Betriebe  der  Ostzone  unter  die  Enteignung  fallen. 92  Prozent  bleiben  nach wie vor Privatbesitz.

 

Jeder wirkliche Antifaschist, der sich für den Wiederaufbau der deutschen Friedenswirtschaft und die Eingliederung Deutschlands als gleichberechtigter Partner in den Kreis der Nationen einsetzt, wird die jetzt abgeschlossnen Maßnahmen in der sowjetischen Besatzungszone begrüßen.

Mit Trauer und Empörung aber muß man feststellen, dass die Uneinigkeit der Arbeiterklasse die Abrechnung mit den monopolistischen Kriegsgewinnlern in Westdeutschland bis heute verhindert hat.

Selbst der „Telegraf“ musste vor zwei Tagen berichten, dass Herr Dr. Reusch, der Generaldirektor des Gute-Hoffnunghütten-Konzerns „zum maßgeblichen Fachmann in der soeben gebildeten bizonalen Stahlkommission ernannt worden“ ist.

Der „Telegraf“ sagte diesmal nichts anderes als wir, wenn er feststellte, dass „diese alten Kämpfer der Schwerindustrie sich auch auf dem neuen Posten im Sinne ihrer Auftraggeber ´bewähren´ werden.“

Daß es aber angesichts der Trümmer unserer Städte dahin kommen konnte, dass in Westdeutschland Reusch, Zangen, Kost, Panzer-Rohland und andere wieder die Führung übernehmen können, ist nicht zuletzt Schuld derer, die durch ihre systematische Hetze gegen die Sowjetzone und den angeblich  dort herrschenden „Totalitarismus“ mit dazu beigetragen haben, dass man im Westen nicht ebenso radikal mit den Kriegsverbrechern und Konzernherren Schluß gemacht hat, wie bei uns in der sowjetischen Besatzungszone.

 

Große Genugtuung erfüllt uns. Mit der jetzigen Beendigung der Sequestrierungen können wir sagen: Ein großer Schritt vorwärts ist getan.

 

Die  deutsche   Friedenswirtschaft   steht   im  Osten   auf   feste  Füßen.

       

 

 

 

 

 

 

SMAD-Befehl  Nr. 124/ 126 vom Oktober 1945

    weiter

"Herrenloses Gut"

 

  ging in die provisorische Verwaltung der sowjetischen 

  Militäradministration über.


Insbesondere der letzte Punkt des Befehls Nr. 124 öffnete willkürlichen Enteignungen natürlich Tür und Tor.

Zunächst jedoch blieb alles ruhig, im Plauener Rathaus herrschte Unklarkeit darüber, wie der Befehl Nr. 124 überhaupt umzusetzen wäre. Deshalb wartete man zunächst nähere Erläuterungen ab.

Am 16. November 1945 veröffentlichte die Landesverwaltung einen "Aufruf an die Bevölkerung des Bundeslandes Sachsen", in dem der zu verfolgende Personenkreis konkretisiert wurde und der zugleich als Ausführungsbestimmung für die Kommunalverwaltungen gedacht war.

 

Nach dem Aufruf fielen unter Punkt 1 b) des Befehls Nr. 124

Personen, die:

a) vor oder nach dem Zusammenbruch der Hitlerherrschaft geflüchtet sind;

b) sich des Kriegsverbrechens oder der Mithilfe an einem solchen schuldig gemacht haben;

c) aktive Mitglieder der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen gewesen sind oder die Terrorherrschaft des Hitlerregimes in Wort und Schrift oder Bild unterstützt oder verteidigt haben;

d) wichtige Funktionen im Staats-, Wirtschafts- oder Verwaltungsapparat ausübten mit Einschluß derartiger Funktionen in den von Hitler überfallenen fremden Länder;

e) gegenüber deutschen und ausländischen Arbeitern beziehungsweise Kriegsgefangenen oder deutschen und ausländischen politischen Gefangenen durch Handlungen oder

Unterlassungen gegen Menschlichkeit und Sittlichkeit verstoßen haben;

f) gegenüber Personen wegen derer Rasse oder politischer Überzeugung sich schuldig gemacht und das Wohl und Eigentum von Antifaschisten und ihre Angehörigen gefährdet haben;

g) vor dem 1. März 1933 zur Finanzierung der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen beigetragen haben.

Zum Vermögen dieser Personengruppen, das zur Beschlagnahme freigegeben wurde, zählten Grundbesitz, Unternehmen, bewegliches Eigentum, Anteile an Industrieeigentum, Wertpapiere und Zahlungsmittel einschließlich Bargeld. Ausgenommen blieben lediglich Hausrat, Wäsche, Kleidung und Mobiliar. /1/


Unverzüglich ließ Oberbürgermeister Hensel nun an alle Wirtschaftsunternehmen Fragebogen verteilen, um diejenigen Geschäftsinhaber, die unter

  • Punkt 1 b) des Befehls Nr. 124 fielen, zu registrieren.

Bei der Ausfüllung und Rückgabe wurde zur Eile gedrängt, denn aus der Kommandantur war der Befehl gekommen, bis zum 20. November 1945 die Gesamtliste des zu beschlagnahmenden beziehungsweise unter provisorische Verwaltung zu stellenden Eigentums vorzulegen. Informationen aus der Bevölkerung waren bei der Erfassungsaktion ausdrücklich erwünscht, die Verwaltung forderte die Einwohner deshalb auf, den zuständigen Behörden Kenntnisse über verschwiegene Vermögenswerte mitzuteilen. /2/ 7


Daß die Liste, die Hensel der Militärverwaltung am 20. November 1945 bei der Militärverwaltung ablieferte, bereits eine vollzählige Aufstellung aller Unternehmen enthielt, die nach Befehl Nr. 124 zu beschlagnahmen waren, ist wenig wahrscheinlich. Die Komplettierung der Übersicht dürfte erst durch das am 27. November 1945 gebildete Amt für Betriebsneuordnung, das die registrierten Unternehmen anschließend auch überprüfte, vorgenommen worden sein. /1/

Von der Erfassung unberücksichtigt blieben Betriebe, die gemäß alliierter Vereinbarungen in sowjetisches Eigentum übergingen. Über deren Zukunft verfügte allein die Siegermacht. Den überwiegenden Teil dieser Kriegsbeute, dazu zählten nicht nur Industriemaschinen und -ausrüstungen, sondern zum Beispiel auch Eisenbahnschienen und Telefonkabel, ließen die Sowjets abbauen.

Andere Demontageunternehmen wurden in Sowjetische Aktiengesellschaften (SAG) umgewandelt, denn Abbau, Transport über Tausende von Kilometern und Wiederaufbau hätten monatelange Produktionsausfälle zur Folge gehabt, wenn die Anlagen überhaupt noch einsatzfähig angekommen wären. Zudem gab es in der Sowjetunion selbst zu wenige Facharbeiter zur Bedienung der Maschinen. Auch im Uranbergbau entstand mit der Wismut eine zunächst Sowjetische Aktiengesellschaft.
Eine dritte Variante der materiellen Wiedergutmachung war die Entnahme von Reparationsleistungen aus der laufenden Produktion deutscher Betriebe. /2/


b) Amt für Betriebsneuordnung


Die Enteignung von Unternehmen, die unmittelbar in das nationalsozialistische Herrschaftssystem integriert waren oder Naziführern gehörten, war für die kommunistischen Machthaber nur der Anfang.
Schließlich ging es perspektivisch um die Verstaatlichung großer Teile von Industrie, Handel, Handwerk und Gewerbe.
Aus diesem Grund wurde die Entnazifizierung im Herbst 1945 auf die gesamte Wirtschaft ausgedehnt.
Zur Bestandsaufnahme forderte die sowjetische Besatzungsmacht im Befehl Nr. 72 vom 25. September 1945 die Registrierung aller Industriebetriebe in der SBZ, die nach dem Stand vom 10. Oktober 1945 mehr als zehn Arbeiter beschäftigten oder deren Umsatz im Jahre 1944 über der Grenze von 100.000 Reichsmark gelegen hatte. Auch Handwerksbetriebe - außer denen, die für den Konsum der Bevölkerung produzierten - fielen, wenn sie diese Bedingungen erfüllten, unter den Befehl. Als Termin für die Ausführung wurde den Kommunalverwaltungen der 25. Oktober 1945 gesetzt. /3/ 8


Der Registrierung folgte die Selektion. Eigens dafür wurde am 27. November 1945 bei der Stadtverwaltung das bereits erwähnte Amt für Betriebsneuordnung gebildet. Die Leitung des Amtes übernahm Dr. Hans Schatter im Range eines Stadtrates, weiter zählten dessen Stellvertreter Karl Lürßen sowie drei Mitarbeiter zum Personal.

Das Amt für Betriebsneuordnung war, so Oberbürgermeister Herbert Hensel, als Institution zur Säuberung "der gesamten Wirtschaft in der Kreisstadt Plauen von nazistischen Elementen" ins Leben gerufen worden. Gleichzeitig sollte aber die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft "keinesfalls beeinträchtigt werden". /1/ In der Praxis bedeutete dies vielfach, daß Führungskräfte zu Sachbearbeitern degradiert wurden.


Konkret fielen folgende Aufgaben in die Zuständigkeit des Amtes für Betriebsneuordnung:

  • 1) Die Entfernung politisch nicht tragbarer Personen aus leitenden wirtschaftlichen Stellungen;
  • 2) Die Beantragung des Entzuges von Gewerbescheinen beim Aktionsausschuß und die Überprüfung des Plauener Handwerkes auf nationalsozialistische Vergangenheit /2/;
  • 3) Die Durchführung der Befehle Nr. 124 und Nr. 126 der SMAD vom Oktober 1945. /3/

Im wesentlichen hatten Schatter und seine Mitarbeiter also Informationen für den Blockausschuß zu sammeln. Der im dritten Punkt umrissene Aufgabenkomplex war zudem als maßgebliche Vorarbeit für den Volksentscheid vom 30. Juni 1946 einzuordnen. Deshalb bestand ein erster Schwerpunkt der Arbeit der fünfköpfigen Abteilung darin, Gewerbetreibende und Antragsteller für eine Gewerbeerlaubnis auf ihre Vergangenheit im Dritten Reich zu überprüfen. Nach Abschluß der Untersuchungen wurden die recherchierten Daten zur Entscheidung an den Blockausschuß weitergegeben.
Dabei stützten sich die Männer um Schatter häufig auf Informationen aus der Bevölkerung - eine offensichtlich nicht versiegende Quelle, denn beinahe täglich erreichten anonyme oder auch mit Absender versehene Hinweise aus der Einwohnerschaft das Rathaus. Die Informanten handelten aus den unterschiedlichsten Motiven heraus, die vom Wunsch nach gerechter Bestrafung über persönliche Streitigkeiten bis hin zu unverhohlenem Neid und Mißgunst reichten.

Das Amt für Betriebsneuordnung konnte in vielen Fällen selbst nicht feststellen, ob es sich bei den vorgebrachten Anschuldigungen um wahre Angaben oder Denunziationen handelte.

Die Art und Weise der Ermittlungen ließ allerdings unschwer erkennen, daß der jeweils betroffene Gewerbetreibende auf einen unparteiischen, objektiven Gang der Untersuchung nicht hoffen konnte. Denn Personen, die während der Herrschaft des Nationalsozialismus ein Unternehmen führten und Mitglied der NSDAP waren, galten in der Bewertung des Blockausschusses prinzipiell als belastet. /4/9 Deshalb genügte schon der geringste Hinweis aus der Bevölkerung, um die Ermittlungsmaschinerie auf Touren zu bringen.

Dazu leitete das Amt für Betriebsneuordnung den Fall an die Kripo weiter, die einen Fahndungsbericht erstellte, aus dem in der Regel NSDAP-Mitgliedschaft, politische Aktivitäten vor, während und nach der NS-Herrschaft sowie der Leumund hervorgingen. Auf der Grundlage der polizeilichen Ermittlungen gab das Amt für Betriebsneuordnung abschließend seine Stellungnahme zu dem Antrag ab, wobei in aller Regel die Zugehörigkeit zur NSDAP für eine Ablehnung ausreichte. Die endgültige Entscheidung schließlich traf schließlich der Blockausschuß, der jedoch nicht etwa im Sinne einer juristischen Instanz die Argumente beider Seiten prüfte und beurteilte, sondern im Gegenteil noch straffere Kriterien zugrunde legte.
Zum Beispiel bestand der Ausschuß im Unterschied zum Amt für Betriebsneuordnung auch dann auf dem Entzug des Gewerbescheines, wenn dessen Inhaber lediglich vor 1933 Mitglied der NSDAP gewesen war und später aus der Partei ausgeschlossen wurde.


Dem Verlust des Gewerbescheines folgte die Beschlagnahme des Unternehmens. Familienangehörige erhielten prinzipiell keine Erlaubnis, das Geschäft weiterzuführen.

Es folgten entweder die Schließung oder die Übergabe an einen Treuhänder, wobei in diesem Falle Verfolgte des NS-Regimes bevorzugt berücksichtigt wurden. In Einzelfällen konnte sogar der Informant selbst das enteignete Geschäft übernehmen. /1/


Neben der Überprüfung der Gewerbescheine war dem Amt für Betriebsneuordnung eine zweite, perspektivisch bedeutungsvollere Aufgabe zugedacht worden. Im Kern der Entnazifizierung in der Wirtschaft stand die Verstaatlichung der Industrieunternehmen bevor, und als Vorarbeit mußten zunächst die Betriebe festgelegt werden, die auf der Grundlage der schon erwähnten Befehle Nr. 124 und 126 der SMAD vom 30. und 31. Oktober 1945 für die Enteignung in Frage kamen. /2/
Auch hier hatte das Amt für Betriebsneuordnung nur ein Vorschlagsrecht, das entscheidende Wort sprachen die Parteien gemeinsam mit dem FDGB. /3/ 10


c) Volksentscheid


Obwohl die KPD gegenüber der Bevölkerung überaus bemüht war, die Enteignungen im Herbst 1945 als gerechte Strafe für Nazi- und Kriegsverbrecher darzustellen, blieb daran doch der fade Beigeschmack diktatorischer Willkür gegenüber dem privaten Unternehmertum haften. 1946 ändern die Kommunisten deshalb ihre Taktik und verbrämten die Verstaatlichung mit dem Deckmantel demokratischer Legitimation.

Dazu sollte der "Volksentscheid über die Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes" dienen.

Öffentlich verkündete Hermann Matern, Politischer Sekretär der Bezirksleitung Sachsen der KPD, den Vorschlag für einen Volksentscheid erstmalig am 14. Februar 1945 auf der Konferenz der Sekretäre der KPD des Landes Sachsen. /1/ Den nächsten Schritt unternahm Ulbricht selbst:
Auf der ersten Reichskonferenz der KPD am 2. und 3. März 1945 erklärte er, daß die sowjetische Besatzungsbehörde dem Vorschlag der sächsischen Genossen der Sozialdemokratischen Partei und der Kommunistischen Partei, die Betriebe der Kriegsinteressenten durch ein Volksbegehren und einen Volksentscheid der Landesverwaltung zu übereignen, mit Wohlwollen gegenüberstehe, wenn "von einer genügend großen Zahl demokratischer Kräfte der Wunsch nach einem Volksbegehren (...) an die Landesverwaltung geäußert wird". /2/


Von Ulbrichts unverbindlicher Ankündigung bis zum Befehl Nr. 97 der SMAD vom 29. März 1946, mit dem die Vorbereitungen zum Volksentscheid ausgelöst wurden, vergingen nur noch 26 Tage - ein viel zu geringer Zeitraum, um "den Wunsch der demokratischen Kräfte" in den Städten und Gemeinden zu registrieren, der Landesleitung zu übermitteln und von dort an die SMAD weiterzuleiten. Ulbrichts Argumentation vom Volk als Ausgangspunkt politischer Entscheidungen entpuppte sich einmal mehr als propagandistische Lüge, derer sich die KPD-Führung bereits bei der Bodenreform bedient hatte und die sich die kommunistischen Machthaber später in der DDR permanent zu eigen machten, wenn es auch nie gelang, das eigene Volk von der Diktatur der SED als einer Volksherrschaft zu überzeugen.


Im wesentlichen verlangte der "Befehl Nr. 97 über die Schaffung einer zentralen deutschen Kommission für Beschlagnahmungen und Konfiszierungen in der SBZ" die Übergabe des gesamten auf Grund der Befehle Nr. 124 und Nr. 126 beschlagnahmten und konfiszierten Vermögens, mit Ausnahme einzelner Objekte, in die Verfügungsgewalt der Landesverwaltung. /3/ Für diese sowie für die Landesleitungen der Parteien und der Gewerkschaften kam der Befehl keineswegs überraschend. Bereits am Tage seiner öffentlichen Bekanntmachung, am 29. März, trafen deren führende Vertreter in Dresden zu einer Beratung zusammen, auf der sie ihre uneingeschränkte Zustimmung zum Volksentscheid bekräftigten und gleichzeitig die nach der Bodenreform größte Enteignungsaktion gesetzlich sanktionierten.
Das Gesetz bestand nur aus einem einzigen Artikel, nach dem "Betriebe und Unternehmen, die als Kriegsinteressenten anzusehen sind, oder zu Naziverbrechern, aktiven Nazis oder Kriegsinteressenten gehören oder am 8. Mai 1945 gehörten" zugunsten des Landes Sachsen enteignet wurden sowie Rechte, Beteiligungen und sonstige Ansprüche an solchen Betrieben und Unternehmen entschädigungslos erloschen. /4/ 11

Die demokratische Tradition der Weimarer Republik, nach der einem Volksentscheid zunächst ein Volksbegehren vorausging, umging das Präsidium der Landesverwaltung mit einer am 4. April 1946 erlassenen "Verordnung über Volksbegehren und Volksentscheid". In deren erstem Teil hieß es zunächst, daß die Landesverwaltung den Volksentscheid herbeiführen muß, wenn einem zugelassenen Volksbegehren mindestens ein Zehntel der Stimmberechtigten des Bundeslandes beitritt. /1/ Dieses Zehntel zu mobilisieren wäre gewiß möglich gewesen, hätte jedoch neben dem personellen und materiellen Aufwand den Zeitplan für die Durchführung des Volksentscheides erheblich verzögert. Deshalb folgte im weiteren Wortlaut eine Alternativklausel, nach der "die gemeinsame Einbringung eines Volksbegehrens von allen Parteien des antifaschistisch-demokratischen Blocks und dem FDGB die Entscheidung der Bevölkerung überflüssig" machte. /2/


Wie in ganz Sachsen ging auch in Plauen die Durchführung des Volksentscheides Anfang April 1946 in ihre konkrete Phase. Das Amt für Betriebsneuordnung hatte bis dahin die in der Stadt ansässigen Unternehmen entsprechend der in den Befehlen Nr. 124 und Nr. 126 festgelegten Kriterien überprüft. Im Ergebnis dieser Untersuchung waren 72 Plauener Betriebe vorläufig beschlagnahmt worden.
Über die weitere Zukunft dieser überwiegend mittelständischen Firmen entschied eine im April 1946 aus SED, LDP, CDU und FDGB gebildete "Kreiskommission zur Durchführung des Befehls Nr. 97 und zur Vorbereitung des Volksentscheids über die Enteignung von Naziverbrechern", die in ihrer personellen Zusammensetzung identisch war mit dem Blockausschuß. /3/


Die Kommission ordnete die Betriebe in zwei Kategorien ein: Liste A (belastet) und Liste B (gering- bzw. unbelastet). 26 Unternehmen wurden bereits im ersten Überprüfungsgang als "unbelastet" in die Liste B eingetragen, weitere sieben folgten als "gering belastet" wenige Tage vor dem Volksentscheid, so daß in Plauen insgesamt 33 Betriebe an ihre Eigentümer rücküberführt wurden. /4/ In den anderen 39 Fällen entschied die Kreiskommission auf "belastet" und damit auf Eintrag in die Liste A.
Bis Anfang Juni 1946 wurde diese Einstufung von der Landes-Entnazifizierungskommission Sachsen bestätigt.
Unmittelbar vor dem 30. Juni 1946 mußten auf Befehl der Sowjets elf Betriebe wieder von der Liste A gestrichen werden, sie blieben unter Kontrolle der SMA. Somit standen in der Stadt Plauen 28 Unternehmen zum Volksentscheid. /5/. 12


Die Begründungen der Kreiskommission für die Einstufung in Liste A verdeutlichten in vielen Fällen, daß die Nähe von Unternehmensführungen zum nationalsozialistischen Regime oder zur Partei vielfach konstruiert wurde, um die Industriebetriebe in das Eigentum des Landes oder der SMA zu überführen.

Da wurden Mitläufer zu aktiven Nazis erklärt, geschäftliche Kontakte zur NSDAP oder zu staatlichen beziehungsweise kommunalen Ämtern und Behörden als ausreichender Beweis politischer Belastung bewertet, andererseits entlastenden Stimmen keinerlei Gehör geschenkt.
An nur einem Beispiel soll dies näher dargestellt werden: Unter den zur Enteignung vorgesehenen Betrieben befand sich auch die Plauener Aktien-Brauverein AG. In der Stellungnahme der Kreiskommission hieß es, daß der Hauptaktionär, Direktor Saß, 1936 der NSDAP beitrat und bereits 1934 in der Uniform des NSKK in Plauen gesehen wurde. Er hätte durch seine Parteizugehörigkeit bei Gastwirten erheblich für sein Unternehmen geworben und damit Geschäfte gemacht. Auch unterhielte er besondere Beziehungen zur Kreisleitung der NSDAP. Weiter warf die Kommission Saß vor, den Wagenpark des Aktien-Brauvereins am 1. Mai 1933, nicht aber zur Maifeier 1946 zur Verfügung gestellt zu haben. /1/


Diese "Beweisführung" reichte aus, um das Urteil zu sprechen - Enteignung. Da half es auch nichts, daß Saß von seiner Belegschaft Rückendeckung bekam. So sagte der Maschinenmeister der Brauerei, ein politisch unbescholtener Mann, aus, daß der Festwagen 1946 nicht fuhr, "weil die Aufforderung zu spät kam und außerdem das Handpferd wegen Beschälverletzungen nicht einspannfähig" war. Bestätigt wurden diese Angaben von dem Tierarzt, der das Pferd behandelt hatte. /2/


Abgeschlossen war die Angelegenheit Saß mit dieser Entscheidung jedoch nicht. Denn mit der Einstufung des Brauereidirektors als politisch belastet ging die Aberkennung des aktiven und passiven Wahlrechts zu den Gemeindewahlen am 1. September 1946 einher /3/, und dagegen erhob Saß bei der Landes-Entnazifizierungskommission Einspruch. Als Fürsprecher konnte er den Plauener Rechtsanwalt Dr. Müller gewinnen, der der Kommission als Vorstandsmitglied des CDU-Landesverbandes Sachsen angehörte. Dieser erklärte auf der Sitzung der Landeskommission am 21. Mai 1946, daß er sachlich nicht einwandfrei unterrichtet worden wäre. Er hätte seine Unterschrift auf Grund des Protokolls des Amtes für Betriebsneuordnung in gutem Glauben gegeben, wäre nach Einsichtnahme in die Unterlagen von Saß /4/ jedoch zu der Auffassung gekommen, daß die Anschuldigungen des Amtes für Betriebsneuordnung teilweise nicht der Wahrheit entsprachen und "leichtfertig und ohne Überprüfung" erhoben worden waren. Insbesondere wäre die für die Enteignung maßgebliche Anschuldigung, daß der Brauereidirektor unter Ausnutzung seiner Zugehörigkeit zum NSKK Kundenwerbung betrieben hätte, in keiner Weise aufrechtzuerhalten. Aus diesen Gründen, so Müller zusammenfassend, zöge er seine unter falschen Voraussetzungen gegebene Unterschrift zurück und würde im Falle einer Wiederaufnahme der Angelegenheit Saß gegen die Enteignung stimmen. /1/


Zu einer Wiederaufnahme kam es jedoch nicht, die Entscheidung war auf politischer Ebene längst gefallen.

Beschlagnahme und Enteignung hieß die Zielstellung der KPD.

Deshalb fanden die Entnazifizierungsausschüsse bei Inhabern von Unternehmen, die zur Verstaatlichung vorgesehen waren, in aller Regel, was sie finden wollten: die Verstrickung in Partei und Staat während des Dritten Reiches.


Neben der Überprüfung der Betriebe, die weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit stattfand, wurde die Vorbereitung des Volksentscheides in Plauen wie in ganz Sachsen mit einer seit Kriegsende unbekannten Propagandakampagne in Szene gesetzt. /2/ Den Auftakt bildete die Maikundgebung 1946 anläßlich des Tages der Arbeit im Plauener Stadion. Der kommunistische Redner Adalbert Hengst, neben Arthur Helbig einer der Vorsitzenden der erst wenige Tage zuvor gegründeten SED-Kreisorganisation /3/, forderte vor mehreren tausend Zuhörern die strengste Bestrafung aller Kriegsschuldigen. Die Demonstration, so der Hengst weiter, fände für die Enteignung der Kriegsverbrecher statt. Darüber sollte "das Volk in einem Volksentscheid demnächst entscheiden". /4/


Von nun an stellte der Volksentscheid das zentrale Thema in der Öffentlichkeitsarbeit der Parteien, Organisationen und der Stadtverwaltung dar. Die Agitation, gleich auf welcher politischen Ebene, lief meist darauf hinaus, den vermeintlichen Zusammenhang zwischen Friedenssicherung, wofür die Deutschen unmittelbar nach Kriegsende besonders sensibilisiert waren, und Enteignung zu erläutern.
Auch Parolen wie "Jugend will leben! Deshalb beim Volksentscheid Ja!" oder "Tritt für die Einheit Deutschlands ein" /5/ sollten unschlüssige oder ablehnende Teile der Bevölkerung von der grundsätzlichen Bedeutung der Bürgerabstimmung überzeugen. 14


Am 25. Mai 1946 verbreiteten die Blockparteien und der FDGB des Landes Sachsen unter der Losung "Sichert den Frieden" einen offiziellen Aufruf zum Volksentscheid. Gleichzeitig "ersuchten" sie die Landesverwaltung, den 30. Juni 1946 als Termin für die Abstimmung festzulegen. /1/ In den nun noch folgenden Wochen jagte eine Großveranstaltung die andere. Politische Prominenz am laufenden Band sollte die Bevölkerung an die Wahlurnen agitieren. Am 5. Juni 1946 sprach in der Festhalle der Präsident der Landesverwaltung Sachsen, Dr. h.c. Rudolf Friedrichs.
Das Thema seines Vortrages lautete: "Sichere den Frieden durch Dein Ja zum Volksentscheid." Der aus Plauen stammende Politiker zog Tausende von Zuhörern an, so daß die Festhalle nicht ausreichte, um den Besucherstrom zu fassen. Viele Kundgebungsteilnehmer mußten auf dem Festplatz davor ausharren und die Rede Friedrichs" über Lautsprecher verfolgen. /2/
Zwei Wochen später trat Vizepräsident Fritz Selbmann, in der Landesverwaltung für Wirtschaft verantwortlich, an gleicher Stelle vor Vertretern von Industrie und Handel auf.
Seine Ausführungen gipfelten in der Botschaft, "daß dieser (der Volksentscheid - A. K.) nicht der Anfang vom Ende des Privateigentums ist. Der Volksentscheid bringt das Privateigentum nicht in Gefahr, sondern schützt es". /3/

Den anwesenden Unternehmern, ja selbst den Wirtschaftsfunktionären von SED und FDGB dürfte es auch bei bestem Willen schwergefallen sein, dieser Argumentation zu folgen.


Zweifelsfrei zum Höhepunkt der propagandistischen Vorbereitung des Volksentscheides wurde eine Großkundgebung mit Wilhelm Pieck am 28. Juni 1946 auf dem Festplatz. Die Veranstaltung stand unter der Losung: "Volksentscheid ist Volksgericht". Der SED-Vorsitzende hatte sich für den Besuch in Plauen einen ganzen Tag Zeit genommen. Am Vormittag ließ er sich während eines Stadtrundganges über das Ausmaß der Zerstörung informieren und stattete einigen Betrieben eine Kurzvisite ab. Für den Nachmittag war dann die Großkundgebung geplant. Der Arbeitsschluß wurde in der ganzen Stadt auf 15 Uhr vorverlegt, so daß den Arbeitskollektiven, allen voran der Stadtverwaltung mit Oberbürgermeister Alfred Dittel an der Spitze, ausreichend Zeit blieb, über die Reichenbacher Straße vorbei am Krankenhaus geschlossen zum Versammlungsort zu marschieren. Kurz nach 16 Uhr trat der in der Bevölkerung beliebte Wilhelm Pieck ans Mikrofon. Erwartungsgemäß enthielt seine Rede keine neuen Aspekte, vielmehr schärfte der SED-Chef den Zuhörern 48 Stunden vor der Abstimmung noch einmal den untrennbaren Zusammenhang von Friedenssicherung und Volksentscheid ein. /4/ 15


Parallel zu den propagandistischen Großkundgebungen wurden eine Vielzahl von Veranstaltungen durchgeführt, in denen Kommunalpolitiker zu den Bürgern Plauens sprachen. Allein die SED-Kreisparteiorganisation lud in der Stadt und im Landkreis zu sieben Funktionärskonferenzen, 33 Mitgliederversammlungen, 14 Großkundgebungen, 14 Bauernversammlungen, zwölf Handwerkerversammlungen, sieben Versammlungen für Intellektuelle, 33 Frauenversammlungen, 171 Einwohnerversammlungen und 389 Betriebsversammlungen ein. /1/


Die lokale Presse begleitete die Propagandakampagne nach Kräften. In den letzten vier Wochen vor dem 30. Juni 1946 widmete die "Freie Presse" dem bevorstehenden Ereignis täglich einen Leitartikel, in dem die Bevölkerung angehalten wurde, mit Ja zu stimmen. Auch Wortmeldungen von Bürgern, die den Volksentscheid mit Begeisterung unterstützten, waren zur Genüge zu lesen.

Allerdings hatte die euphorische Berichterstattung mit der realen Stimmung unter den Einwohnern nicht allzuviel zu tun. Dies spürten insbesondere die Hausvertrauensleute bei der Verteilung der Wahlbenachrichtigungen. Auf die sich dabei bietende Gelegenheit zur individuellen Agitation legte die SED großen Wert, da ihr natürlich nicht entgangen war, daß Teile der Bevölkerung dem Entscheid ablehnend gegenüberstanden. /2/ Dabei hatten die Hausvertrauensleute als letztes Glied in der Kette des Propaganda-Apparates einen schweren Stand, vor ihnen machten die Menschen ihrem Unmut häufig Luft.

Es fielen auch Aussagen wie: "Für mich kommt ein klares Nein in Frage. Man hat mich aus meiner Wohnung vertrieben, das ist erst der Anfang der Entrechtungen" oder: "Man sollte dem Stimmzettel mit einem Hakenkreuz antworten."

Besonders verbreitet war bereits im Frühsommer 1946 die Auffassung, daß es sowieso egal wäre, ob man mit Ja oder Nein stimmen würde, da ohnehin 95 Prozent Ja-Stimmen herauskämen.
Ihre Zweifel am demokratischen Charakter des Volksentscheides begründeten viele damit, daß die sowjetische Militärregierung die Wahlen kontrolliert und beeinflußt. Häufig wurden die Agitatoren auch mit der handfesten Aufforderung konfrontiert, die politisch Verantwortlichen sollten "lieber etwas zu essen heranschaffen" als "immerfort Versammlungen und Aufklärungen" durchzuführen. /3/


Von der Großkundgebung mit Wilhelm Pieck bis zum Einzelgespräch - zur propagandistischen Vorbereitung des Volksentscheides zogen Parteien, politische Organisationen und Stadtverwaltung alle Register. Nach Einschätzung eines SED-Referenten arbeiteten dabei SED, LDPD und CDU reibungslos und "harmonisch" zusammen. /4/ 16


Offensichtlich verfehlte diese ideologische Großoffensive ihre Wirkung nicht. Insbe-sondere die ständigen Appelle zur Friedenssicherung dürften gerade im ersten Nach-kriegsjahr bei der Mehrheit der Bevölkerung auf offene Ohren gestoßen sein.

57.283 der
59.608 abstimmungsberechtigten Einwohner Plauens, das entsprach 96,1 Prozent, gaben am 30. Juni 1946 in einem der 44 Wahllokale ihre Stimme ab. 78,7 Prozent beantworteten die Frage auf dem Wahlschein "Stimmen Sie dem Gesetz über die Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes zu?" mit Ja, 16,5 Prozent mit Nein. Ungültig waren 4,8 Prozent der abgegebenen Stimmen. /1/
Damit gingen 28 Betriebe in das Eigentum des Landes Sachsen beziehungsweise der Stadt Plauen über, weitere 11 verblieben unter der Leitung der SMA. /2/ Die enteigneten Unternehmen machten einen wesentlichen Teil der Plauener Industrie aus, unter anderem gerieten auch die bedeutendsten Textilhersteller, die den wirtschaftlichen Aufstieg Plauens nach der Jahrhundertwende verkörperten, unter staatliche Kontrolle.


Wenige Tage nach dem Volksentscheid legte die Stadtverwaltung dem Land ihre Vorschläge zur Aufteilung der Betriebe von Liste A, die zunächst von Bevollmächtigten des Landes verwaltet wurden, vor. Danach sollten 15 Unternehmen in städtisches Eigentum übergehen, drei dem Land Sachsen zugesprochen und zehn an Opfer des Faschismus übergeben werden. Die Pläne der Stadt fanden im wesentlichen Zustimmung aus Dresden. /3/


Als Schlußakt des Volksentscheides trieb das Amt für Betriebsneuordnung die Unterschriften unter die Enteignungsurkunden ein. /4/

Selbstverständlich rechnete die Landesverwaltung damit, daß viele der enteigneten Unternehmer sich dieser letzten Willkürmaßnahme verweigern würden. In diesen Fällen wären die Betreffenden "durch die Kreispolizeibehörde (...) zu zwingen".
Konkret wurde in der Anordnung mit Zwangsarbeit gedroht.

Das Amt für Betriebsneuordnung hatte in Verweigerungsfällen beim Arbeitsamt nachzufragen, ob die Betreffenden entsprechend einer Anweisung des Vizepräsidenten der Landesverwaltung Sachsen Fritz Selbmann bereits "körperlicher Arbeit zugeführt worden waren". Sollte dies noch nicht geschehen sein, dann müßten "diese Versäumnisse bei der Arbeitszuteilung" durch die Arbeitsämter unverzüglich nachgeholt werden. /5/ 17

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Sowjetische Militäradministration in Deutschland ( SMAD). 1945-1949.

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Buchtip Biographisches Handbuch der SBZ / DDR 1945-1990