Gerhard Heeren
Archiv
Von Dr. Thomas Gertner - 16.07.2003
Die Absetzung von Hermes und Schreiber am 19.12.1945

Ich bin sehr dankbar, dass der 125. Geburtstag von Andreas Hermes in diesem Forum thematisiert wird. Dies entspricht einem Anliegen, was ich schon seit Langem verfolgt habe. Ich habe einen Artikel an die CDU sowie eine Presseerklärung verfasst, die an den 50. Jahrestag der Absetzung von Andreas Hermes und Walther Schreiber als Parteivorsitzende der CDU mahnen und erinnern sollte (19.12.1945). Das Interesse war gleich null. Die CDU hat zu den Junkern und Großgrundbesitzern ein sehr gespaltenes Verhältnis. Das beweist nicht zuletzt das Antwortschreiben der Konrad-Adenauer-Stiftung an Dr. Madaus. Die CDU, bekanntlich die politische Nachfolgerin der Zentrumspartei, macht "die Junker und Großgrundbesitzer" als organisierte, verschwörerische Personengruppierung dafür verantwortlich, dass von Papen unter der Regie von Kurt von Schleicher und Reichspräsident von Hindenburg den Zentrumspolitiker Brüning als Reichskanzler, der sich ohnehin nur mittels Notverordnungen des Reichspräsidenten hat halten können, stürzte. Hinter diesen Personen standen als Drahtzieher ein Personenkreis aus vornehmlich ostpreußischen Rittergutsbesitzern um den greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der ja erst spät in den "Junkerstand" aufgestiegen ist, indem ihm ein großes Gut in Ostpreußen schenkweise übereignet worden war. Da in der Politik sehr komplexe Vorgänge oft sehr vereinfacht werden, wurde das Urteil, die Junker und Großgrundbesitzer seien die Steigbügelhalter für Hitlers Machtergreifung gewesen, geboren und hält sich hartnäckig bis heute. Ist das der Grund, warum Schäuble die Junker und Großgrundbesitzer mit einem rational kaum begreifbaren Hass verfolgt? Denn wahrscheinlich hätte Brüning mit seinem rigiden deflationistischen Kurs Deutschland wieder in besseres Fahrwasser gebracht. Viele Programme, die Brüning hat ausarbeiten lassen, z.B. den Bau von Reichsautobahnen, wurden von Hitler verwirklicht.

Unter der Überschrift "Die Hermes-Schreiber-Affäre" beschreibt Erich Gniffke, der zur fraglichen Zeit Mitglied des Parteivorstandes der SPD (Ost) war und die Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD im Jahre 1946 nicht hat verhindern können, wie es zur Absetzung des Vorsitztenden der CDUD (nachstehend: CDU) und seines Stellvertreters Walther Schreiber kam (Erich W. Gniffke, Jahre mit Ulbricht, Taschenbuchausgabe, 1966, S. 74 f). Die CDU hatte ein - wie wohl auch heute - ein sehr gespaltenes Verhalten zur Bodenreform, wie sie dann in der SBZ durchgeführt worden sind. Jakob Kaiser und Ernst Lemmer, die Nachfolger von Hermes und Schreiber, hatten nämlich aus den vorstehend geschilderten Gründen durchaus Sympathien mit der radikalen, als Strafmaßnahme gegen die Betroffenen konzipierten Bodenreform gehabt. Sie sind erst später zurückgetreten und in die Westzonen übergesiedelt, als die Industrieenteignungen anstanden. Sie genossen wegen ihrer wohlwollenden Haltung zur Behandlung der Junker und Großgrundbesitzer zu diesem Zeitpunkt das uneingeschränkte Vertrauen der sowjetischen Besatzungsmacht. Es ist bezeichnend, dass Kaiser und Lemmer dann im Kabinett Adenauer nacheinander den Posten eines Bundesministers für gesamtdeutsche Fragen innehatten. Ich zitiere aus den Lebenserinnerungen von Gniffke auszugsweise:

"Aus gelegentlichen Äußerungen Tulpanows (Leiter der Informationsverwaltung der SMAD, nachstehend: Tjulpanow, Anm. von mir) wie auch seines Verbindungsoffiziers, des Majors Romm, mussten wir schließen, dass man bei der SMAD die Entwicklung innerhalb der CDU mit Sorge beobachtete. Man befürchtete angeblich eine 'Unterwanderung' durch Reaktionäre, die Hermes und Schreiber zur Last gelegt wurde.

Schreiber war im Herbst 1945 auf Versammlungstournee gegangen. Er hatte u.a. in Weißenfels, Halle und Bitterfeld gesprochen. Es war eine anstrengende Reise. Des Öfteren wurde er von den Kommandanten eingeladen und bei diesen Gelegenheiten betrunken gemacht. In Bitterfeld, der letzten Station dieser Rundreise, war seine Hose 'verschwunden'. Ohne Hose musste er nach Berlin zurückkehren.

Am 19. Dezember 1945 wurden zu einer für Russen unmöglichen Zeit, nämlich um 7 Uhr früh, Jakob Kaiser und Ernst Lemmer nach Karlshorst geholt, und zwar einzeln, ohne dass der eine vom anderen wusste. Sie wurden abwechselnd von Oberst Tjulpanow und Oberstleutnant Nasarow darauf hingewiesen, dass Hermes und Schreiber wegen ihrer reaktionären Haltung für die SMAD nicht mehr tragbar seien. Erst beim Mittagessen brachte Tjulpanow Kaiser und Lemmer zusammen. Beide hatten erklärt, dass sie dem Vorstand ihrer Partei über die Unterredung berichten wollten, selbst jedoch keine Entscheidung treffen könnten.

Das Essen zog sich bis gegen 4 Uhr nachmittags hin. Dann trafen mehrere Vorstandsmitglieder der CDU, die inzwischen zusammengeholt werden konnten, in Karlshorst ein, darunter Dr. Friedensburg und Otto Nuschke aus Berlin, Dr. Grosse aus Thüringen, Herwegen von Sachsen-Anhalt, Professor Hiekmann aus Sachsen und Lobedanz aus Mecklenburg.

Ernst Lemmer berichtete später, dass Tjulpanow die herangeholte CDU-Hilfstruppe aus der Zone sehr bald 'überfahren' hatte. Er verlangte, dass noch am gleichen Abend um 10 Uhr im Parteibüro in der Jägerstraße eine Vorstandssitzung abgehalten werde, an der auch Hermes und Kaiser teilnehmen sollten. Tjulpanow erschien zu dieser Sitzung in Begleitung mehrerer Offiziere, die er auf dem Flur zurückließ, während er selbst den Vorsitz in der Sitzung übernahm.

Wieder behauptete Tjulpanow, dass Hermes und Schreiber eine reaktionäre Politik betrieben. Als Hermes um eine nähere Begründung dieser Beschuldigung bat, entspann sich folgender Dialog zwischen Tjulpanow und Hermes:

Tjulpanow: 'Die Feststellung genügt, treten Sie zurück!'
Hermes: 'Ich bitte um eine Begründung. Solange Sie mir diese nicht geben, trete ich nicht zurück.'
Tjulpanow: 'Ich sage Ihnen nochmals: Treten Sie zurück!'
Hermes: 'Ist das ein Befehl?'
Tjulpanow: 'Ja, es ist ein Befehl der SMAD!'
Hermes: 'Einem Befehl muss ich mich beugen.'

Tjulpanow, der weiterhin den Vorsitz behielt, forderte daraufhin den Vorstand auf, neue Vorsitzende zu wählen. Der CDU-Vorstand bestimmte Jakob Kaiser zum Ersten und Ernst Lemmer zum Zweiten Vorsitzenden. Beide erbaten eine 48stündige Bedenkzeit. Nach Ablauf dieser Frist nahmen sie die Wahl an."

Nach dem Tod seines Förderers Andrej Zhdanow am 31.08.1948 wurde Tjulpanow vom Zentralkommitee der KPdSU abberufen und auf einen politisch bedeutungslosen Inlandsposten in der Militärgeschichtsforschung versetzt. Tjulpanow war ein insbesondere in der DDR hoch geehrter sowjetischer Offizier gewesen, dem bezeichnenderweise aber von der Kreml-Führung niemals eine Ausreisegenehmigung erteilt worden ist, um Dekorationen der SED-Führung in Empfang zu nehmen.

In seinen Lebenserinnerungen ("Deutschland nach dem Kriege") schweigt sich Tjulpanow, dem der Vorwurf "linksabweichlerischer Eigenmächtigkeiten" zum Verhängnis geworden ist (Ist Zhdanow deswegen möglichweise auf Betreiben von Stalin und Berija vergiftet worden?), über diesen Vorfall vom 19.12.1945 aus. Zur Frage der Bodenreform und den Industrieenteignungen enthält sein Werk nur belanglose Sprechblasen.

Zur Hauptseite   Inhaltsverzeichnis