| Enteignung |
| Von H.-W. Graf - 04.09.2001 |
| Systembruch - eine Illusion | |
|
Auch wenn dies desillusionierend wirken mag - es ist völlig sinnlos,
an "das Gewissen" oder den "guten Willen" unserer
sechs mitgliederstärksten Parteien oder deren Mitglieder zu appellieren;
nicht weil dort nur "böse Menschen" oder Dummsäcke
sitzen, sondern weil sie schlicht nicht können. Dieses System ernährt
sie - geistig, seelisch und (ab einer gewissen Hierarchiestufe) auch
physisch(finanziell - und in einem Maße, wie sie es im freien
Arbeitsmarkt wohl nie schaffen würden). Der Erhalt dieses sie nährenden
Systems ist für sie elementar, buchstäblich überlebenswichtig.
Ihm opfern sie ihre Ethik (zugunsten der Moral), zu seinem Erhalt stellen
sie alle Bedenken und aufkommendes Unwohlsein, verdrängen bis zur
geistigen Debilität - den Rest erledigen (gerade bei Politikern)
Alkohol und Freßsucht (was dann mit "Feinschmecker"
oder "Genieser" euphemisiert wird). Daß damit die Entwicklung
einer echten Persönlichkeit nachhaltig verunmöglicht wird,
fällt diesen Marionetten des Systems gar nicht auf - sie werden
ja von ihresgleichen, dem Parteien-Fußvolk und denen, die sich
an ihrer "Mutterbrust" nach oben saugen wollen, gefeiert und
hofiert.
Der Mensch - in seine schiere Existenz hineingeboren - empfindet und fühlt. Die meisten seiner Aktionen und Reaktionen sind instinktiv gelenkt. Er nimmt in immer steigendem Maße seine Umgebung, die in seinem Umfeld agierenden Menschen und Gegenstände wahr. Seine Grundbedürfnisse bestimmen sein Tun und Handeln. Dies betrifft neben dem Bedürfnis nach Speis' und Trank, der Suche nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, Wärme und Liebe auch seinen Bewegungsdrang, Sexualität und seine Neugier. Die Befriedigung seiner Bedürfnisse wird jedoch - und dies sehr schnell - durch verschiedene Parameter eingegrenzt und beschränkt. Die Abwesenheit von Mutter und Vater - und sei dies auch nur kurzfristig - schafft das Bewußtsein allein gelassen zu sein - erste Verlustängste entstehen. Reagiert die Umwelt auf die ersten Fehlversuche unwirsch, setzt es eventuell sogar böse Worte und Prügel, so mündet dies in erste Schuldgefühle, Versagens- und Schmerzängste. Tausende von kleineren und größeren Animationen - positive und negative - bilden ein unentwirrbares Sammelsurium von Erfahrungen. Liebe und Zuwendung, aber auch Bannbotschaften, Verbote und Regeln - all dies nennt man Erziehung - prägen das kleine Menschlein. Es lernt, mit Hoffnungen und Gewißheiten, Zweifel und Einsicht, Vertrauen und Glauben zu leben - es paßt sich an. Mit dem physischen Wachstum und mit Hilfe gesammelter Erfahrungen begreift der junge Mensch allmählich auch seine Machtpotentiale. Den ersten Prägungen entsprechend setzt er diese forsch oder zögerlich, verhalten oder mutig ein, beobachtet ihre Auswirkungen, gewinnt hieraus neue Erkenntnisse und steckt allmählich sein Terrain ab. Bereits in recht jungen Jahren zeigt sich die Ausprägung von Charaktereigenschaften. Das Ur-Struktogramm bildet sich. Das Maß eigenen Selbstwertempfindens bestimmt auch Qualität und Quantität der Wünsche, die sich unser junger Mensch zubilligt und die er in sich wachsen läßt. Sein Mut und seine Entschlußkraft bestimmen, inwieweit er Wünsche zu Zielen werden läßt und die Kraft, mit der er diese zu verwirklichen sucht. Seine Denkbereitschaft - geistige Bereitschaft, Mittel und Wege zur Verwirklichung seiner Ziele und Pläne zu finden - wird jedoch immer wieder eingegrenzt und blockiert durch die Summe der verschiedenen Ängste, denen auch bei perfektester Erziehung niemand ganz entgehen kann. Stellen wir uns diese Grenze als einen Fluß vor:
Dort angekommen, also am Weitergehen gehindert, blicken wir begehrlich
auf die andere Seite. Der Natürlichkeit allen organischen Lebens
entspräche es, sich zu bemühen, weiter nach vorne zu gehen.
Wir finden jedoch eben diese Sperre vor. Dieser Fluß
ist zu breit, als daß man ihn einfach überspringen könnte.
Seine Tiefe ist uns ebensowenig bekannt, wie die in ihm lauernden Untiefen
und Strudel. Vielleicht wimmelt es von Alligatoren und Schlangen, Piranhas
und anderem gefährlichen Ungetier. Balthasar ist traurig; er spürt einen starken Drang danach, auf
die andere Seite des Flusses zu kommen. Neugier und Unzufriedenheit stauen sich in Balthasar immer mehr auf. Balthasar baut sich einen Ansitz und wartet auf eine günstige Gelegenheit. Als er dann auf der anderen Seite des Flusses eines Menschen gewahr wird, ist es soweit: Er katapultiert seine Flasche über den Fluß und beobachtet durch den Feldstecher, daß der Mensch auf der anderen Seite der zerborstenen Flasche den Zettel entnimmt, diesen sorgfältig liest und dann zu ihm herüberblickt. Und dann geschieht etwas Unglaubliches: Der Mensch auf der anderen Seite des Flusses schiebt einen Kahn ins Wasser, hängt die Ruder ein und gleitet über den Fluß - geradewegs auf Balthasar zu. In seiner Freude versucht Balthasar, alle um ihm Stehenden darauf aufmerksam zu machen. Doch wen er auch anspricht und wem er das kleine, sich nähernde Boot zeigt - alle wenden sich ab, ja einige versuchen sogar, ihn vom Fluß wegzuziehen. Sie beschwören ihn und warnen, sie schimpfen auf den sich nähernden Menschen und ziehen sich - wütend und ängstlich zugleich - von der Böschung zurück. Balthasar ist völlig verwirrt und läßt sich - eigentlich gegen seinen Willen - von den Anderen vom Ufer wegziehen. Das Boot legt an und der in ihm sitzende Fremde blickt zu Balthasar. Er winkt ihm zu und ruft: Komm!. Nur dieses eine Wort: Komm!. Balthasar versucht, sich frei zu machen und wehrt sich gegen die Hände,
die ihn halten und die beschwörenden Worte, die ihn fesseln wollen.
Der Fremde blickt ihn an und wartet. Am nächsten Morgen ist Balthasar traurig. Zwar verwöhnen ihn die Anderen nach besten Kräften, loben ihn dafür, der Versuchung widerstanden zu haben und sie versuchen, ihn davon zu überzeugen, daß er auf dieser Seite des Flusses doch sehr zufrieden sein könne. Ihnen gehe es doch auch sehr gut, sie hätten keine Not zu leiden und jede Menge Unterhaltung. Man habe nicht immer nach den Sternen zu greifen, solle sich mit dem begnügen, was man habe und zufrieden sein. Balthasar spürt, daß er alles andere als zufrieden ist. Wieder am Ufer, blickt er sehnsüchtig nach drüben. Er geht an eine andere Stelle des Flusses, etwas abseits von den Anderen und baut ein neues Katapult. Diesmal muß er etwas länger warten, bis er im Fernglas wieder eine Gestalt auf der anderen Seite findet. Auch diesmal erreicht seine Flasche ihr Ziel. Auch diesmal liest der Empfänger seine Zeile, schiebt ein Boot ins Wasser und kommt auf Balthasar zu. Doch kurz bevor der Nachen des Fremden das Ufer erreicht, werden wiederum einige seiner Freunde aufmerksam und versuchen ihn mit aller Kraft vom Ufer wegzuzerren. Doch diesmal wehrt sich Balthasar mit Leibeskräften. Der Fremde erreicht das Ufer, richtet sich in seinem Kahn auf und winkt. Balthasar ruft, so laut er kann: Ich will dort hinüber. Was soll ich tun?. Mit ruhiger Stimme antwortet der Fremde: Mach Dich von Deinen Ängsten frei!. Die schimpfenden Stimmen, die beschwörenden Worte und die zerrenden Hände um sich herum, ruft Balthasar: Wie? Da steigt der Fremde aus dem Boot, und als er den Boden berührt, umgibt ihn ein gleißendes Licht. Balthasar spürt, daß die ihn haltenden Hände schwächer werden. Er reißt sich los und läuft ans Ufer. Der Fremde erzählt ihm von der Welt auf der anderen Seite des Flusses. Zu Balthasars Erstaunen schildert er eine Welt, die so ganz anders ist, als all das, was ihm bisher erzählt wurde. Der Fremde spricht von Idealen, die zu verwirklichen es jedoch harter Arbeit bedarf. Er spricht von Verantwortung, die zu tragen oftmals Opferbereitschaft und Verzicht bedeuten, jedoch andererseits in eine grenzenlose Freiheit münden. Er berichtet von Ruhe und Gelassenheit, die von tiefer Selbsterkenntnis getragen sei. Er gebraucht Begriffe wie Freundschaft und Liebe in ganz anderer Weise, als Balthasar diese bisher kennengelernt hat. Hinter ihm hetzt und geifert, droht und warnt, schimpft und schreit die Meute derer, die Balthasar in ihrem Kreis behalten, ihn nicht aus ihrem Bann entlassen wollen. Doch diesmal steht Balthasars Entschluß fest: er nimmt die ihm dargebotene Hand des Fremden und steigt in das Boot. Hallen ihm anfangs noch die Schreie und Rufe der Anderen nach, so wird es bereits in der Mitte des Flusses wesentlich ruhiger. Am anderen Ufer angekommen erwarten Balthasar die nächsten Überraschungen: Nicht laute Hektik, aufgesetzte Geselligkeit und Trubel, marktschreierisch tönende Trotzigkeit bestimmen hier den Ton. Hier scheint jeder beschäftigt zu sein - aktiv und fleißig, freundlich und konsequent. Die Gesichter der Menschen, ihr miteinander-Umgehen, ihre Sprache - all dies wirkt auf Balthasar völlig anders. Noch etwas unschlüssig steht er am Ufer herum. Was soll ich tun?, bittet er seinen Begleiter um Auskunft. Suche Dir Vorbilder und Ziele, entscheide Dich verantwortungsvoll für Deinen Weg, lerne zu verstehen und erwirb Dir die Freiheit, die Du hiermit geschenkt bekommen hast, antwortet sein Fährmann ... Wir wissen nicht, ob Balthasar auf dieser Seite des Flusses bleibt. Bereits nach kurzer Zeit bedrückt ihn der Gedanke an diejenigen, die er auf der anderen Seite zurückgelassen hat. Heimweh und die Sehnsucht nach der früher genossenen Bequemlichkeit lassen ihn noch oft über den Fluß zurückblicken. Natürlich kann er sich ein Boot ausleihen und wieder zurückrudern. Niemand hindert ihn daran und die Versuchung ist groß. Haufenweise erreichen ihn Flaschen mit Zetteln darin auf denen verlockende Argumente für seine Rückkehr stehen. So ganz unbeeinflußt lassen ihn diese Botschaften von der alten Seite des Flusses nicht und seine neuen Kameraden versuchen nicht einmal, ihn am Lesen dieser Botschaften zu hindern. Er hat die Freiheit, sich auf dieser Seite des Flusses ein Leben aufzubauen, wirklich selbständig sein Leben zu entwickeln und in die Hand zu nehmen. Er hat aber auch die Freiheit, sich in den bequemen Schoß der Gemeinschaft auf der anderen Seite des Flusses zurück zu begeben. Je mehr Balthasar jedoch diese Freiheit spürt, neugierig die anfangs ungewohnte Gegend erforscht und Wissen sammelt, desto besser gefällt es ihm auf dieser Seite des Flusses. Wenn auch anfangs immer wieder Versuchungen über ihn kommen, er in Trauer und Bequemlichkeit zurückzufallen droht, ihn seine Gier falsche Wege einschlagen und ab und zu ungeduldig werden läßt, so schwinden diese Momente immer mehr. Er lernt mit Begriffen umzugehen, die zu begreifen Geduld und Verzicht, Bescheidenheit und harte Arbeit an sich selbst verlangen. Er lernt sich selbst zu hinterfragen, sich selbst zu verstehen, sich selbst zu erkennen. Je häufiger und intensiver er die Kommunikation mit denen sucht, die bereits seit langer Zeit auf dieser Seite des Flusses leben, um so sicherer und fester wird sein Wissen, sein Erkennen und Verstehen. Er begreift, was Menschlichkeit und Menschenliebe, was zweckfreie Güte und Freundschaft, was Moral und Ethik wirklich sein können. Je weiter sich Balthasar vom Fluß entfernt, desto mehr wird ihm bewußt, daß hier, auf dieser Seite, das aktive Leben erlebt und gelebt wird, während auf der anderen Seite re-agiert und überlebt wird. Vielleicht kommt irgendwann sogar der Tag, an dem Balthasar - reich und stark aus der selbst erarbeiteten und selbst erlebten Freiheit - auch zum Fährmann wird, zum Fluß zurückkehrt, frei von der Angst, den oberflächlichen Verlockungen der anderen Seite nicht widerstehen zu können, ein Sammler von katapultierten Flaschen mit Hilfe-Rufen wird, ins Boot steigt und für andere zum Fährmann über den Fluß werden kann ... |
| Zur Hauptseite | Inhaltsverzeichnis |