Gerhard Heeren
Enteignung
Von H.-W. Graf - 14.06.2002
Das Frankenstein-Syndrom

- Der Feind meines Feindes ist mein Freund -


Die USA sind zum Spezialisten in der Disziplin „Monster kreieren“ geworden. Osama Bin Laden ist nur als jüngster in einer ganzen Reihe von US-unterstützten Despoten, Diktatoren und Verbrechern gegen die Menschlichkeit anzusehen. Unzählige Male haben die USA Training, Logistik und finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, um Führer an die Macht zu bringen, die Menschenrechte mit Füßen treten, ausgedehnten Drogenhandel betreiben, demokratische Grundrechte mißachten oder Massaker und Völkermord als Mittel zum Zweck einsetzen.
Weltweit unterlaufen den Vereinigten Staaten hierbei jede Menge böser Schnitzer - gewöhnlich auf der Schiene der Central Intelligence Agency (CIA). Saddam Hussein gegen den Iran aufzubauen, erwies sich ebenso als Fehler wie die vorhergehende Unterstützung des Schahs von Persien. Die Beteiligung der CIA an der Ermordung Lumumbas und beim Überfall auf Kuba, die Unterstützung Manuel Noriegas, Pinochets und Dutzender anderer Potentaten, Militärführer und Guerillas in Süd- und Mittelamerika war ebenso ein Fehler wie die Unterstützung der Taliban - als Speerspitze gegen die Russen. Die CIA setzte dabei als Büttel der US-Waffenlobby und der Rohstoffkartelle oftmals auf die falschen „Pferde“, was dann zu schwerwiegenden Rückstoß-Effekten führte. Im Englischen gibt es hierfür das Wort Blowback.
Keiner dieser Führer war mal „gut“, um später „böse“ (evil) zu werden. Alle diese Führer waren bereits vorher korrupt, antidemokratisch, ruchlos und zumeist schon als Mörder bekannt, lange bevor sie die Hand der sie fütternden USA zu beißen begannen. In der Tat waren es bereits diese Charakterzüge, die sie überhaupt erst zu empfänglichen Kandidaten für die Unterstützung der USA werden ließen, wobei die Unterstützung der Amerikaner oftmals erst dann eingestellt wurde, wenn diese Heloten für die Ziele der Amerikaner nicht länger nützlich schienen oder „ungehorsam“ wurden.
Die Liste der dieserart als nützliche Marionetten und Idioten der Welteroberungspläne der Amerikaner mißbrauchten Figuren ist lang; allein im 20. Jahrhundert mischten sich die USA in mehr als 60 Ländern ungeniert mit Milliarden und ohne die geringsten Skrupel in die dortigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ein, natürlich vor allem aus einem sehr egoistischen Grund, leider jedoch auch mit einem sehr engen Horizont. Die Lusitania-Affäre im Ersten Weltkrieg, die aufstrebenden Diktaturen in Spanien, Italien und nachgerade die Finanzierung Hitlers, Korea, die Philippinen, Kuba, Japan, Taiwan - keinem der Präsidenten der USA und den führenden Köpfen im Wirtschafts- und Verteidigungsministerium wurde bisher die (so oft beschworene) göttliche Eingebung zuteil, einmal zu hinterfragen, mit welchem Recht die USA vermein(t)en, sich den Rest der Welt untertan zu machen. In Wahrheit ist der US-Präsident nur Gallionsfigur der knallharten und brutal agierenden Mafia der Finanz-, Rohstoff- und Waffenkonzerne. Kaum ein US-Bürger weiß, daß die Familie Bush ihr Vermögen W.’s Großvater und dessen wirtschaftlichen Aktivitäten in NS-Zeiten verdankt. Ebensowenig wissen sie wohl, daß Bush senior der Aufsichtsratsvorsitzende des größten Rohstoffkartells (American-Anglo/Carlyle) ist, das auf vier Kontinenten, vor allem im Kongo skrupellos fremde Rechte ausbeutet und die dortigen Unruhen nützt und schürt.
Allen Lesern des zeitreport, die sich nicht devot und politisch desinteressiert dem Schröder’schen Diktum der „uneingeschränkten“ Solidarität zu unterstellen bereit sind, darf ich an dieser Stelle das Buch „Ein Imperium verfällt - Ist die Weltmacht USA am Ende?“ (Autor: Politikwissenschaftler Prof. Chalmers Johnson, ehem. Berater der CIA und Professor an der University of California, heute Präsident des „Japan Politic Research Institute“, Goldmann-Verlag, ISBN 3-442-15158-9) dringend empfehlen.

Es hat nichts mit Weltverschwörungstheorie zu tun, wenn man die USA als die übelste Ausprägung geostrategischen Staatsterrorismus’ der Gegenwart bezeichnet. Nirgendwo sonst feiern größenwahnsinnige Selbstüberschätzung, ein bigottes Gefühl göttlicher Auserwähltheit und intellektuelle Kurzsichtigkeit so fröhliche Urständ wie in „Gods own country“.

Daß die europäischen Statthalter US-amerikanischer Militär- und Wirtschaftspolitik, insbesondere Großbritannien und die Niederlande, amerikanischem Größenwahn wohl niemals in den Arm fallen werden, darf als grundsätzlich und historisch begründet vorausgesetzt werden. Aber auch von Seiten der übrigen europäischen Vasallen, insbesondere der Bundesrepublik, ist mit wenig Gegenwehr zu rechnen. Wenn egozentrischer Dummheit made in USA wirksam Einhalt geboten werden soll, dann nur über eine breite Bewußtseinserweiterung derjenigen, die bislang die Gefährlichkeit amerikanischer Destabilisierungspolitik und die reale Kriegsgefahr, die von der ungehemmten Expansionspolitik der USA ausgeht, nicht sehen.
Daß die Hemmschwelle für grenzüberschreitende Attacken und Kriegsdrohungen vor allem aufgrund der blindwütigen Kreuzzugsmentalität eines wildgewordenen Texaners und der ihn mit Jubelschrei unterstützenden Militärclique heute so niedrig liegt, wie seit 25 Jahren nicht mehr, wird vielen Menschen wohl erst bewußt werden, wenn die in Schwarzafrika verübten Genozide eine neue Qualität erreichen, Saudi-Arabien explodiert, Pakistan und Indien mit Millionenheeren aufeinander losstürmen, der nächste Nahost-Krieg ausbricht, die beiden Chinas ihrem ideologischen Geplänkel militärische Tatsachen folgen lassen und auch Südamerika unter dem wirtschaft- und finanzpolitischen Druck der nordamerikanischen Globaldiktatur in eine zunehmende Destabilisierung, bis hin zu realen Bürgerkriegen, trudelt.

Die USA verkennen in ignoranter Hybris, daß sie inzwischen einen Großteil der weltweiten Sympathie und des Mitgefühls nach den Geschehnissen des 11. September eingebüßt oder gar gänzlich verloren haben. Dies erfahren diejenigen US-Amerikaner, die den Blick oder gar den Fuß jenseits US-amerikanischer Grenzen setzen, nur glaubt ihnen zuhause kaum einer. Der genuine Kampf der rund 270 Millionen Amerikaner gegen „das Böse“ im Rest der Welt verschleiert, wie mächtig der Feind im eigenen Lande, wie groß die Gefahr inneramerikanischer Unruhen und schwelender Probleme längst ist. Man kann Chalmers Johnson nur zustimmen: Das US-amerikanische „Weltreich“ steht nur noch auf tönernen Füßen und kurz vor dem Einsturz. Doch wer in den USA kennt schon die Geschichte Roms und Griechenlands, Ägyptens und Spaniens, Persiens und der Türkei, der Niederlande, Portugals und Großbritanniens?!?

H.-W. Graf

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