Gerhard Heeren
Enteignung
Von H.-W. Graf - 28.06.2001
Ein Hoch auf MeloKaz Schröder

Es ist wirklich an der Zeit, unserer sozial-, wirtschafts-, innen-, außen-, umwelt-, wissenschafts- (vor allem gen-), unterhaltungs- und spaßpolitischen Allzweckwaffe, Bundesmanager Schröder, den längst erarbeiteten Lorbeerkranz zu winden (halt, nein, das war ja der Jungfernkranz. Aber egal.).
Reminisziere man doch nur seine Vorgänger, die Brandts und Schmidts und Kohls - allsamt Zeitgenossen, die sich eigene Ansichten und Meinungen leisteten, in schierer Überheblichkeit meinten, diese dann auch noch vertreten zu müssen und uns, die devoten Wahlbürger, damit zu beglücken. Pfui, welch’ eitle Faune. Vor allem der Letztgenannte war ja nur noch damit beschäftigt, eigenen Ruhm und geschichtlichen Wert zu mehren, bösartig aus dem Weg zu räumen, was immer sich ihm entgegenstellte.
Wie ganz anders hingegen unser aller Gerhard! In einer Oskar-verdächtigen Mischung aus vorgespiegelter Ernsthaftigkeit und innerer Anteilnahme, fundierter Themendurchdringung und spitzbübisch zur Schau getragener Leutseligkeit gibt er nun seit 800 Tagen den Bundesmanager. Das soll ihm irgendeiner der übrigen Polit-Mimen erst mal nachmachen. Wer vermag so geistreich-bedächtig Worthülsen abzusondern, so mutig in die Grenzbereiche niedrigster Intellektualität vorzustoßen und sich über Ambra Grisea ebenso flüssig auszulassen wie über die Unsterblichkeit der Cepa . Kein noch so (un)wichtiges Thema ist ihm fremd - abzulesen, was ihm Fachleute vor die nickelig bebrillte Nase legen, vermag er glänzend. Lebt er uns nicht in geradezu idealer Weise tagtäglich das Potpourri aus vorgespiegelter Omniscienz und hedonistischer Gemütlichkeit vor, an der es uns deutschen Trübsalblasern, Weltverzweiflern und neurotischen Pessimisten so allzumal gebricht?
Unser Gerhard im Glück, weltweit bestauntes orthopädisches Phänomen , ölt sich behend durch jede Ritze aller sich ihm in den Weg stellenden Hindernisse. Gekonnt schlägt er jede noch so fiktive Brücke zwischen allen noch so divergierenden Differenzen. Fernab aller ideologischer Bremsen, zementierter Überzeugungen oder hemmender eigener Meinungen genießt er den Raum, den ihm seine undefinierbare Allseitigkeit eröffnet - was sonst hätte er denn werden sollen?
Dieses charmante Flair ungenierter Hochstapelei, diese rührend-gestelzte Ausdrucksweise, dieser behende Tanz unserer Politballerina zwischen Gewerkschaften und Großkapital - auf den Nasen der Klein- und Mittelständler, die dies kaum wahrnehmen.
Wer ihm neidvoll-hilflos vorwirft, er schlurfe in eigentlich zu großen Pantoffeln herum, irrt gewaltig; um in unserer bundesdeutschen filzokratischen Vermengung von Parteiendemokratur und geschichtsbedingter Unmündigkeit leistungslos überleben zu können und sich wichtig zu machen, zählt nur ein Höchstmaß an meinungsentleerter Anpassungsfähigkeit und der ausgeprägte Wille, sich wirklich jedem Bedürfnis einer sich auch nur halblaut äußernden Lobby willenlos unterzuordnen.
Keine Sorge, MeloKaZ Schröder wird mit dem snobistischen Blair ebenso leicht fertig, wie mit dem aufgeblasenen Bush oder dem Stoiker Putin. Ob er Arafat, Sharon oder Kara Ben Nemsi die Füße küßt, Hundt oder Zwickel herzlich umarmt, ist Gerhard völlig egal. Doris’ Bewunderung ist ihm allemal sicher. Die ist nicht so bockbeinig und eigensinnig wie Hildrud, und sollte sie mit 60 Gerhard nicht mehr ins Konzept passen oder noch mehr Kindergequassel von sich geben, tauscht der sie sicher flugs gegen drei 20-jährige ein.
Nein, MeloKaZ mag nur äußerlich klein und gedrungen wirken und den Anschein nichtssagender Bedeutungslosigkeit haben. In Wahrheit ist er der Größte. Ob der selbstgefällige Fischer noch großspurig meint, sich als Privatmann, Grüner, Landespolitiker und Bundesminister jeweils völlig unterschiedliche Meinungen leisten zu müssen, geht Gerhard den geraden Weg: er hat einfach gar keine!

Gerhards wahre Größe haben sie alle noch nicht erkannt. Er könnte den Papst zum Islam konvertieren lassen, Saddam Hussein zu einer Popkornvertreterkarriere überreden, die Palästinenser mit den Israelis einen und die neuen Bundesländer zur genomischen Versuchsstation mutieren lassen - wenn man ihn denn nur ließe.

Grüne und Rote beißen die Zähne zusammen, wenn Gerhard I. wieder mal alle vorherigen Zusagen, großspurigen Versprechungen oder nicht ernst gemeinten Äußerungen vergessen, einmal mehr der Wahrheit ein Schnippchen geschlagen hat. Man feiert ihn als den kleinen Gernegroß, der’s von ganz unten richtig nach oben gebracht, Kohl vom Thron gestoßen und die Grünen vor den Karren gespannt hat. Struck und Müntefering agieren als Schirrmeister und Bodyguard, Trittin ist längst politisch kastriert und wenn Fischer aufmuckt - ein Wink mit Madeleine Albrights Telefonnummer genügt; sie droht Joschka dann mit einer Taxilizenz in der Bronx.

Der Salon-Sozi hat derzeit weder eine halbwegs ernstzunehmende Opposition noch innerpolitische Konkurrenten zu fürchten. Gerhard ist zeitlos und beliebig. Alles faustische ist ihm fern, und wenn wir Verona Feldbusch gestatten, auf unser aller Kosten glänzend Karriere zu machen, so hat dies unser aller Bundesmanager doch mindestens ebenso verdient.
Gönnt ihm doch sein Titelchen und die damit verbundene Kohle. Sein Unterhaltungswert ist mindestens ebenso hoch, wie der von Michael Schumacher, Thomas Gottschalk und Mike Tyson. Immerhin dürfen wir ihn tagtäglich genießen - beim Tanz auf dem Drahtseil.

Ironymus

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