| 86jähriges Opfer der SBZ-Bodenreform
klagt in einem »Offenen Brief« an FAZ
Eine alte Dame klagt Unrecht an. Sie tut es in einem „Offenen
Brief“. Es ist die 86 Jahre alte Brigitte von Bila. Das Unrecht
begeht der deutsche Staat an den Opfern politischer Verfolgung in der
einstigen sowjetischen Besatzungszone (1945–1949). Er begeht es,
seit er die deutsche Wiedervereinigung ins Werk gesetzt hat, also seit
nunmehr über 15 Jahren. Er begeht es auch an der Familie von Brigitte
von Bila.
Die alte Dame ist die Witwe von Otto-Heinrich von Bila. Dieser Rittmeister
der Reserve gehörte zu den Widerstandkämpfern der deutschen
Wehrmacht, die sich am Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligten.
Da es mißglückte, brachten die Nationalsozialisten die meisten
dieser Verschwörer um, nur ganz wenige blieben unentdeckt. Einer
davon war Bila.
Aber 1945 wurde auch sein 250 Hektar umfassendes Gut in Gerbitz an der
Saale in Sachsen-Anhalt Opfer der kommunistischen Bodenreform. Allerdings
sollte die Familie 50 Hektar ihres Eigentums behalten und weiterbewirtschaften
dürfen, weil Bila ein im Ort bekannter Gegner der Nationalsozialisten
gewesen war. So hatte es die sogenannte Bodenkommission entschieden.
Dann jedoch, im Oktober 1945, drohten seiner Frau und den drei Kindern
plötzlich doch die Verhaftung und Deportation nach Rügen,
und Brigitte von Bila floh mit ihren Kindern in den Westen.
Bis heute hat die Familie – wie alle anderen Hundertausende von
Opfern der politischen Verfolgung von damals – ihr Eigentum nicht
zurück-bekommen. Jetzt hat die alte Dame, nach wie vor lebhaft
und mit wachem Verstand, ihre Empörung über das Unrecht des
vermeintlichen Rechtsstaates öffentlich gemacht.
Aktueller Anlaß dafür ist das Buch von Uwe Müller „Super-Gau
Deutsche Einheit“. Die Tageszeitung Die Welt hat gerade einige
Kapitel daraus im Vorabdruck gebracht.
Frau von Bila ist wie auch andere überzeugt, daß der „Aufbau
Ost“ auch deshalb nicht vorangekommen ist, weil der deutsche Staat
die von den Kommunisten vertriebenen Familien des Bürgertums daran
gehindert hat, ihr Eigentum wieder in Besitz zu nehmen und am wirtschaftlichen
Aufbau mitzuwirken.
Sie schreibt im Brief: „Mit der Erfahrung von 86 Lebensjahren
und fünf deutschen Staatsformen stelle ich fest: Ohne verstehbare
und praktische Urteile, die noch mit dem Recht der Bundesrepublik vor
der Wiedervereinigung erkennbar zu tun haben, wird es zu keinem wirtschaftlichen
Aufschwung in
Mittel- und Ostdeutschland kommen.“
Sie klagt an, daß unschuldige Bürger als „Nazi- und
Kriegsverbrecher“ behandelt werden, obwohl sie Gegner des Hitler-Regimes
waren; ferner, daß zwar das Urteil in den schlimmen Waldheim-Prozessen
gegen ihren Bruder 1993 für nichtig erklärt wurde und Rußland
ihn 1995 rehabilitiert hat, aber der deutsche Staat der Familie die
Rückgabe ihres Eigentums trotzdem verweigert; daß die Opfer
des Eigentumsraubes 15 Jahre lang schikaniert wurden und die Täter
unbehelligt geblieben sind; daß Regierung, Verwaltung und Justiz
die heimatverdrängten Unternehmer am Wiederaufbau gehindert haben,
„wodurch Arbeitgeber mit Arbeitsangeboten fehlen und deshalb die
Jugend die neuen Bundesländer verläßt“.
Seit 1992 hat die Familie Bila zusammen mit einer anderen Familie rund
500 Hektar des eigenen Ackerlandes vom Staat gepachtet. Es sind jene
Teile, die 1945 bei der „Bodenreform“ nicht aufgesiedelt
worden waren und 1990 in den Besitz der Treuhandanstalt übergegangen
sind. In den seitdem 13 Pachtjahren, schreibt Frau von Bila, „haben
wir 1,5 Millionen Euro an die
Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) gezahlt, die besser für
Aufbauarbeiten und Arbeitsplätze hätten genutzt werden können.
Bedauerlicherweise mußten wir alles erarbeitete Geld in das ‚Schwarze
Loch‘ der BVVG stecken.“
Die Tätigkeit der BVVG darf man Hehlerei nennen, hat das Kammergericht
in Berlin entschieden. Hehlerei, von Bürgern begangen, ist strafbar.
Diese Hehlerei begeht der Staat. Er kommt bisher davon.
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