Presse
Von Heiko Peters - NZZ Leserbrief am 30. Januar 2002
Hohe Enteignungsschäden in Ostdeutschland
Obwohl die USA von allen vom kommunistischen Joch befreiten Staaten verlangen, gestohlenes Eigentum aus Staatsbesitz an die Privateigentümer zu restituieren, ist dies bis heute zum grössten Teil unterblieben. Besonders der deutsche Staat weigert sich vehement, die rechtswidrig erlangte Beute herauszurücken. Er schädigt damit insbesondere den ehemaligen Mittelstand als rechtmässigen Eigentümer, betreibt gerichtlich festgestellte Hehlerei und verschwendet damit Unsummen von Steuergeldern.

Die Folgen sind vielfältig. Das Rechtsbewusstsein der DDR-Bevölkerung wurde im Fundament geschädigt. Politisch haben die bürgerlichen Parteien in Deutschland (CDU/CSU und FDP) am meisten unter der missratenen Lage zu leiden. Es gibt laut Statistik der damit beschäftigten Behörden über 2,1 Millionen Restitutionsbegehren, denen in lediglich 400 000 Fällen stattgegeben wurde, in rund 1,75 Millionen Fällen nicht. Ein erheblicher Teil des Aderlasses der bürgerlichen Parteien bei den letzten Wahlen dürfte mit der Unfähigkeit der leitenden deutschen Politiker zu erklären sein, sich nicht nur von dem begangenen Unrecht zu distanzieren, sondern auch auf schnellstmögliche Korrektur zu drängen.

Die wirtschaftlichen Folgen für die neuen Bundesländer einerseits, für die Steuerbegehrlichkeit des gesamten Landes anderseits sind immens. Da der ehemalige Mittelstand flächendeckend an der Rückkehr gehindert wurde, bestehen die Ideen der Planwirtschaft latent weiter, und die soziale Marktwirtschaft konnte ihre Segnungen nur in stark eingeschränktem Rahmen erfüllen. Es ist sicher nicht übertrieben, auf dieses Konto mindestens eine halbe Million fehlender Arbeitsplätze zu verbuchen. Diese verursachen jährliche Soziallasten von gegen 17,5 Milliarden Mark. Dabei sind die menschlichen Frustrationen und Entbehrungen nicht beziffert, die sich hinter diesen Zahlen verbergen. - Der soziologischen Gliederung der Bevölkerung der ehemaligen DDR fehlt bis heute der Mittelbau. Rote Barone und wenige Vereinigungsgewinnler stehen oben. Die Steuerstatistik belegt diese Fehlentwicklung eindrucksvoll. Der Wiederaufbau hätte den selbsttragenden Aufschwung genauso in Gang gesetzt wie zur Zeit des Wirtschaftswunders in Westdeutschland. Stattdessen kann man noch heute in den Zentren ehemaliger Klein- und Mittelstädte ganze Strassenzüge voller ruinierter Häuser beschauen, da die ungeklärten Eigentumsverhältnisse den wirtschaftlichen Aufschwung gravierend behindern. Der wirtschaftliche Schaden in den letzten zehn Jahren ist mit einer Summe von über 500 Milliarden Mark sicher nicht falsch beziffert. Wie lange lassen die westdeutschen Länder es sich noch gefallen, für Fehlentwicklungen aus der Zeit der Wiedervereinigung zur Kasse gebeten zu werden?

Heiko Peters (Hamburg)

Neue Zürcher Zeitung, Ressort Briefe an die NZZ, 29. Januar 2002, Nr.23, Seite 60

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