| Enteignung |
| Von Hans Schwenke 2. Dezember 2000 |
Man hat oft den Eindruck, die Täter sind interessanter als die OpferInterview mit dem Journalisten Gerhard Löwenthal
FG: Herr Löwenthal, zehn Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung trifft man Sie, der sich eigentlich einen gemütlichen Ruhestand verdient hat, als Podiumsmitglied bei einer Veranstaltung der Verbände ehemaliger politischer Häftlinge aus der SBZ/DDR. Gehören diese Aktivitäten zu Ihrem Alltag? G. Löwenthal: Mehr oder
weniger, denn da sich ja 20 Jahre lang das ZDF Magazin für die
Wiedervereinigung eingesetzt hat und wir uns mit der Realität der
kommunistischen SED-Diktatur und insbesondere mit der Verfolgung politisch
Andersdenkender beschäftigt hatten, fühle ich mich verpflichtet, mit für die
Aufarbeitung des SED-Terrors zu sorgen und vor allem für eine wirklich
angemessene Entschädigung der politisch Verfolgten zu kämpfen. Ich halte es für
einen Skandal, daß die Bundesregierungen - egal unter welcher parteipolitischen
Führung - die Entschädigungsfragen völlig unzulänglich geregelt haben. Von
Angemessenheit kann jedenfalls keine Rede sein. FG: Für die Vereinigung der Opfer des Stalinismus waren Sie besonders in der Zeit Ihrer engagierten Fernseh- und sonstigen Öffentlichkeitsauftritte in den 60-er und den 70-er Jahren ein Partner und Fürsprecher. Welche Gründe hatten Sie für die Zusammenarbeit? G. Löwenthal: Es ging um den Kampf gegen ein totalitäres System, das die eigene Bevölkerung terrorisierte und die eingegangenen Verpflichtungen zur Einhaltung der UN-Menschenrechtscharta und des Helsinki-Abkommens nicht erfüllte. Als Verfolgter des Naziregimes war es für mich selbstverständlich, auch eine neue Diktatur in einem Teil Deutschlands, wenn auch diesmal in Rot statt in Braun, zu bekämpfen. So wurde die VOS zum Partner in der Auseinandersetzung mit dem militanten Kommunismus. FG: Die Vereinigung der Opfer des Stalinismus hat Sie auch zu einem ihrer Deutschlandtreffen eingeladen. Durch Ihre Teilnahme wurde dem Treffen ein großes öffentliches Aufsehen zuteil, das jedoch nicht nur positive Aspekte hatte. Die Veranstalter und die Gastredner wurden u. a. als „berüchtigte Faschisten“ bezeichnet. Haben Sie diese und ähnliche Anfeindungen jemals gestört? G. Löwenthal: Diese Diffamierungen
und Verleumdungen, die sich ja nicht nur im Verbalterrorismus äußerten -
schließlich stand ich 30 Jahre unter Polizeischutz in der Sicherheitsstufe 1 -
haben mich schon deshalb nicht stören können, weil das alles Lügen waren, sie
waren für mich eher der Beweis dafür, daß meine politischen Analysen richtig
waren, denn sonst hätten sie den Gegner nicht so aufgeregt. FG: Welche Kontakte gab es insgesamt zur VOS? G. Löwenthal: Es gab immer
wieder Kontakte und Zusammenarbeit im gemeinsamen Kampf gegen die SED-Diktatur
und in den Bemühungen, den SED-Opfern zu helfen. FG: Herr Löwenthal, Sie gehören einer Generation an, die die Teilung Deutschlands und danach viele politische Ereignisse bewusst miterlebt hat. Haben Sie nach dem 17. Juni 53 und dem 13. August 61 als realistisch denkender Mensch noch an eine Wiedervereinigung geglaubt? G. Löwenthal: Ich habe
immer daran geglaubt, weil keine Diktatur überlebensfähig ist. Im Januar 1989
z.B. habe ich mit Studenten ein „Deutsches Manifest“ verfaßt mit einem Appell
an die damalige Bundesregierung, endlich eine aktive Deutschlandpolitik zu
betreiben, die nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Juli 1973 zu
der Frage der Vereinbarkeit von Grundvertrag zwischen Bonn und Ostberlin mit
dem Grundgesetz nur aktive Wiedervereinigungspolitik sein durfte. Die
Deutschlandpolitik der damaligen Zeit war aber nur eine Politik zur Linderung
der Teilungsfolgen, sicher auch notwendig, aber eben keine vom obersten
deutschen Gericht vorgeschriebene Wiedervereinigungspolitik. FG: Wann stand für Sie das Ende der SED-Herrschaft und damit der DDR fest? G. Löwenthal: Das Ende der
SED-Herrschaft wurde für mich absehbar, als Gorbatschow 87/88 zu erkennen gab,
daß die Sowjetunion im Falle eines Übergreifens der Demokratiebewegung aus
Osteuropa in die DDR nicht mehr militärisch eingreifen würde nach dem Muster
des 17. Juni 1953, weil dies ja seine ganze Politik von „Glasnost und
Perestroika“ ruiniert hätte. FG: Haben Sie jemals daran geglaubt, dass eine DDR, ein Sozialismus überhaupt, als reformierte, demokratische Gesellschaftsordnung hätte bestehen können? G. Löwenthal: Nein, der
von der SED praktizierte Kommunismus-Sozialismus war nicht demokratisierbar. FG: Durch die Massendemonstrationen in Leipzig und anderen Städten der DDR wird in der Öffentlichkeit stets davon gesprochen, dass der Fall der Mauer allein durch die Bürgerrechtsbewegungen der DDR erreicht wurde. Die ehemaligen politischen Häftlinge werden in diesem Zusammenhang nicht genannt. Halten Sie das für richtig? G. Löwenthal: Nein, denn
das war ja nicht die Realität. Die ständig wachsende Zahl der politischen
Häftlinge und natürlich auch die massive Ausreisebewegung haben einen
mitentscheidenden Anteil am Zusammenbruch des Regimes gehabt. FG: Durch Ihre Sendung haben Sie nicht selten politischen Häftlingen in der DDR zur Ausreise in den Westen verholfen. Ernteten Sie dafür eher Dank oder Enttäuschung? Haben Sie Menschen kennen gelernt, die es bereut haben, aus der Haft in den Westen gekommen zu sein? G. Löwenthal: Nein, solche
Menschen kenne ich nicht, Im Gegenteil, es hat nicht wenige gegeben, die sich
direkt brieflich an mich oder das ZDF Magazin gewendet haben, weil sie wußten
oder sogar hofften, inhaftiert zu werden - denn es war ja bekannt, daß die
STASI die Post kontrollierte - und sie annahmen, daß sie auf dem Wege des
Freikaufs in den Westen gelangen könnten. FG: Haben Sie zu ehemaligen politischen Häftlingen heute noch engeren
Kontakt? G. Löwenthal: Ja, es gibt nach wie vor viele Kontakte. Über „Hilferufe von drüben“, unserer
Menschenrechtsorganisation, die hervorgegangen ist aus einem Sendebeitrag des
ZDF Magazins und die auch heute noch 10 Jahre nach der Einheit weiterbesteht,
um für die Rechte der Verfolgten zu kämpfen. Wir haben gerade wieder eine
Ausgabe unserer Zeitung „Hilferufe“ herausgebracht, und das Echo war
überwältigend in dem Sinne, daß die Leser, die den SED-Terror am eigenen Leib
erfahren haben, mitteilten, sie wollten eine solche Publikation weiter haben
und auch bereit sind, dafür zu spenden, damit so etwas weiter erscheinen kann. FG: Je weiter wir uns zeitlich von der Wiedervereinigung weg bewegen, um so schwächer wird die Erinnerung an die Repressalien der SED-Herrschaft und die unmenschlichen Auswirkungen der Teilung. Ist das normal, oder wird einfach zu wenig in den Medien und von den Politikern getan, um die erforderliche Geschichtsaufarbeitung zu leisten? G. Löwenthal: Aus meiner
Sicht wird in der Tat von der Politik und vor allem den Medien zu wenig getan
bei der Aufarbeitung und insbesondere bei der Würdigung der Opfer. Man hat ja
leider oft genug den Eindruck, daß die Täter interessanter sind als die Opfer.
Ich bestelle gerade die WELT AM SONNTAG ab, weil in der letzten Nummer eine
ganze Seite über Markus Wolf gebracht wurde, völlig unkritisch, eine gemütliche
Plauderei am Kamin. Und das in einer Zeitung, die sonst bisher durchaus im
Geiste Axel Springers gemacht wurde. Aber einen der Hauptverantwortlichen für
den Terrorapparat der SED-Diktatur sozusagen auf eine Ebene mit den Chefs der
Nachrichtendienste demokratischer Staaten zu heben, ist eine unglaubliche
Beleidigung der Opfer der kommunistischen Geheimpolizei STASI, für die Wolf
mitverantwortlich war. FG: Welche Rolle spielt für Sie die PDS, und halten Sie in der PDS den Kurs der Hardliner oder den der so genannten Abweichler, der etwa von Gregor Gysi vertreten wird, für gefährlicher? G. Löwenthal: Die
Fortsetzungspartei der SED spielt bedauerlicherweise wieder eine politische
Rolle in Deutschland. Ich gehe aber davon aus, daß die SED-PDS in einigen
Jahren, wenn sich die Lage in Gesamtdeutschland stabilisiert haben wird und die
blühenden Landschaften überall zu sehen sein werden und die Menschen in
Deutschland - Ost wie West - angekommen sein werden, daß dann diese Partei
wieder da sein wird, wo kommunistische Parteien in Deutschland immer waren,
also unter 5%. Dazu wird es schon deshalb kommen, weil die Gallionsfiguren Gysi
und Bisky weg sind, die kann keiner ersetzen, und das was da übrig bleibt wird
keinen hinter dem Ofen hervorlocken. FG: Nochmals zu den SED-Opfern. Warum tut sich die Bundesrepublik – nicht nur seit der Wende – so schwer, die ehemaligen Häftlinge, Zwangsarbeiter und Verfolgten des Kommunismus in puncto Entschädigung und Rehabilitierung auf eine Stufe mit den Opfern des Nationalsozialismus zu stellen? G. Löwenthal: Dafür habe
ich auch keine Erklärung. Ich war der Erste, der Anfang 1991, als die
Entschädigungsdiskussion begann, dem damaligen Bundesjustizminister Kinkel die
Gleichbehandlung der Opfer der beiden Diktaturen in Deutschland vorgeschlagen
hat und anregte, nicht neue Entschädigungsgesetze zu verfassen, sondern das
Bundesentschädigungsgesetz von 1953, das die Entschädigung der Opfer des
Nationalsozialismus regelte, auch auf die Opfer der SED-Diktatur anzuwenden, mit
eventuell notwendigen Novellierungen, die nach so einer langen Zeit nötig sein
würden. Ich habe ihm als vom damaligen Entschädigungsverfahren betroffener Jude
ausführlich dargelegt, warum ich dies für die gerechteste Lösung halten würde
und daß eine Menge Zeit und bürokratischer Aufwand gespart werden könnte.
Leider war das vergeblich, warum verstehe ich bis heute nicht. FG: Sind Sie der Meinung, dass Deutschland nicht die moralische Pflicht hätte, jene Menschen, die für Freiheit und Demokratie eingetreten sind und dafür durch die Haft büßen mussten, vor dem Fall in die soziale Armut zu bewahren? G. Löwenthal: Natürlich bin ich dieser Meinung und ich halte es für einen Skandal, wie schäbig die Politiker mit dieser Frage umgehen. FG: Sind Sie Leser der „Freiheitsglocke“ und des „Stacheldrahts“? Braucht
das heutige Deutschland solche Zeitschriften? G. Löwenthal: Ja, ich lese diese Publikationen und finde es gut, daß es sie gibt und daß sie immer wieder auf die noch lange nicht gelösten vielfältigen Probleme bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur und der angemessenen Entschädigung eingehen. Das muß fortgesetzt werden, und es muß noch viel härter und deutlicher darüber geschrieben werden. Die Lautstärke der Opferverbände muß erheblich verstärkt werden. FG: Braucht das heutige Deutschland Verbände wie die VOS, zumal viele ehemalige politische Häftlinge gar kein Interesse an einer Mitgliedschaft haben, und müssten sich die einzelnen Verbände zu einer Gemeinschaft mit einer Zeitung zusammenschließen, oder ist ein paralleles Wirken effektiver? G. Löwenthal: Ich denke, es wird noch längere Zeit notwendig
sein, daß die Opferverbände ihre Arbeit fortsetzen, einmal um denen, die
Anspruch darauf haben, daß ihr Widerstand gegen die kommunistische Diktatur gewürdigt wird, Gerechtigkeit widerfährt und zum
zweiten, damit die Aufarbeitung dieses Teils der deutschen Geschichte
fortgesetzt wird, denn es darf ja wohl nicht wahr sein, daß wir 55 Jahre nach
dem Verschwinden der Hitler-Diktatur diese immer noch lautstark „aufarbeiten“
sollen, während die SED-Diktatur, die durchaus vergleichbar ist mit der
NS-Diktatur, nach nur 10 Jahren möglichst rasch in die Vergessenheit versinken
soll. Damit dieses Geschichtskapitel gründlich und gerecht aufgearbeitet werden
kann, halte ich eine effektive Koordinierung der Arbeit der Verbände durch eine
Zusammenarbeit in Form einer Arbeitsgemeinschaft, in der jeder Verband seine
Eigenständigkeit behält, aber die gemeinsame Aufgabe auch wirklich gemeinsam
durchgeführt werden kann, für zweckmäßig. FG: Was wünschen Sie Deutschland in den nächsten Jahren? Was wünschen Sie
sich selbst? G. Löwenthal: Deutschland
wünsche ich, daß seine Menschen zu einer selbstbewußten Nation zusammenwachsen,
die im Rahmen des sich vereinigenden Europas eine an seinen Interessen
orientierte Rolle übernimmt, mir wünsche ich gesundheitliche Stabilität, damit
ich noch ein wenig miterleben kann, daß meine Kinder und vor allem Enkelkinder
eine friedliche Zukunft in diesem Europa haben und von den Gefahren totalitärer
Ideologen verschont bleiben mögen. FG: Herr Löwenthal, wir danken für dieses Interview und Ihre jahrzehntelangen Aktivitäten und wünschen Ihnen im Namen aller in der VOS und den anderen Opferverbänden organisierten ehemaligen politischen Häftlingen persönlich alles Gute und noch viele politische und journalistische Erfolgserlebnisse. Interviewfragen: A. Richter Vor-Abdruck-Gestaltung: Wolfgang Stiehl - VOS-Landesgruppe Sachsen-Anhalt
Hans Schwenke e-Mail schwenke-berlin@t-online de
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