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Hupertz
Heimatkunde Teil 6

Abschrift einer Eingabe mit allen Behördenvermerken vom 7. Juli 1948

 

Enteignete Bauern u. Siedler aus den Gemeinden

Pantelitz, Pütte u. Zimkendorf,  Krs. Stralsund

Betr.: Enteignungen in obigen Gemeinden

 

An den Landtag des Landes Mecklenburg, - Eingabenausschuss

Schwerin

 

Die Unterzeichneten bitten den Herrn Landtagspräsidenten im Namen aller enteigneten Familien aus den Gemeinden Pantelitz, Pütte u. Zimkendorf nachstehendes Schreiben dem Landtag zur Kenntnis bringen zu wollen, in der Absicht, eine Prüfungskommission aus Vertretern aller Parteien bilden zu lassen, um die in unseren Gemeinden willkürlich und widerrechtlich durchgeführten Enteignungsmaßnahmen an Ort und Stelle nachprüfen zu wollen. Die Unterzeichneten bringen diese Bitte vor die gesetzlich gewählte Landesvertretung, da alle Versuche auf dem Rechtsweg über die Kreis- und Landesbehörde eine Nachprüfung der Vorfälle zu erreichen, bis in die jüngste Zeit hinein ergebnislos geblieben sind. Die von einer Gruppe von ortsfremden, verbrecherischen Elementen eigenmächtig durchgeführten Enteignungsaktionen werden kurz wie folgt geschildert:

                  Von Sept. 45 bis Jan. 46 wurden in den obigen 3 Dörfern insgesamt 19 Enteignungen ausgesprochen und gleichzeitig wegen Einschüchterung 13 Personen                                                                           durch Verleumdungen der politischen Polizei der Besatzungsmacht übergeben. Eine weitere bereits vorbereitete große Enteignungsaktion wurde von der Landesregierung nicht mehr zugelassen. In den ersten Fällen wurde die Enteignung nur mündlich im Namen der KPD ohne jegliche Begründung ausgesprochen; später mittels eines vom Bürgermeister unterschriebenen Enteignungsbeschlusses ohne Angabe einer gesetzlichen Bestimmung, einer Begründung und ohne Auftrag und Wissen des Landrats. Die Betroffenen wurden  unter Bedrohung mit Totschlag, Auslieferung an die GPU, Abtransport in die polnische Zone u.a. in mehreren Fällen unter Misshandlungen innerhalb von 2 Stunden wie Schwerverbrecher  von den Höfen vertrieben, wobei nur Handgepäck mitgenommen werden durfte und die gesamte Wohnungseinrichtung  zurückblieb. Die Art und Weise der Durchführung in unseren Gemeinden ist nur vergleichbar mit den Ausschreitungen gegen die Juden im Nov. 38, die auch mitten im Frieden  stattfanden und die Betroffenen zum Freiwild der organisierten „Volkswut“ machten. Unser verlassener Besitz wurde dann unter den Rädelsführern aufgeteilt, Vieh entnommen, schwarz geschlachtet, Inventar abgeholt, Möbelstücke verschleppt oder erbrochen usw. Zur nachträglichen Begründung dieser Gewaltmethoden wurden dann Verleumdungen und haltlose Lügen erfunden, Unterschriften von den Mitgliedern der Ortskomitees unter Drohungen mit der GPU erpresst und diese sodann als amtliche Stellungnahmen an die Behörden weitergeleitet. Da der Haupttäter Karl Lewerenz  sich selbst 2 Siedlungen in Zimkendorf aneignete, zugleich Kreisleiter der KPD und Kreissekretär für die Bodenreform war, waren alle Beschwerden bei der Kreis- und Landesbehörde zwecklos. Der Posten des Leiters der Abt. Bodenreform beim Landratsamt in Stralsund war von Herrn Dcziobek besetzt, der Duzfreund des Lewerenz war und jetzt als Treuhänder die Wirtschaft  des Lewerenz verwaltet, da dieser z.Z. eine 2 jährige Zuchthausstrafe wegen eines Sittlichkeitsverbrechens  abbüßt.

Bei den Enteigneten handelt es sich um kleine Bauern und um Siedler aus der Gemeinde Zimkendorf mit Höfen von 10 – 20 ha Fläche, die nicht unter die Bestimmungen der Bodenreform fallen. Alle waren gute Landwirte die ihren Ablieferungs– u. Arbeitsverpflichtungen nachgekommen sind. Politisch waren einige parteilos, andere nominelle PG. aus den Jahren 33 – 38. Teilweise wurden Betriebe enteignet, die den angeblichen Belasteten gar nicht gehörten.

Der hauptsächliche Anlass zu den zahlreichen Enteignungen war die persönliche Bereicherung und Ausbeutung der enteigneten Wirtschaften. Wer gestellte Forderungen auf Vieh und Inventar ablehnte, wurde enteignet und die Betriebe nur solchen, oft Nichtlandwirten übergeben, die vorher bereit waren, von dem mühelos erworbenen Neubesitz das Geforderte abzugeben. Nach geglückter Aktion wurde entsprechend gefeiert. Auf diese Weise sind z.B. durch den Stall des Hauptschuldigen Lewerenz  innerhalb eines Jahres etwa 50 Stück Großvieh gegangen, das teils schwarz geschlachtet, teils weiterverkauft oder zu Bestechungen verwendet wurden. Das alles geschah in einer Zeit, in der der größte Teil des Volkes bittere Not litt.

  1. Karl Lewerenz aus Anklam, von Beruf Steinmetz, angeblich Bildhauer, gehörte der SS an, arbeitete während des Krieges in der GT, behauptete 12 Jahre politischer Häftling gewesen zu sein. Er verstand es durch falsche Darstellungen über seine Vergangenheit und durch sein energisches Auftreten sich das Vertauen der russischen Besatzungsbehörden und der deutschen Behörden und Polizeidienststellen zu erschleichen, wurde Kreisleiter der KPD und Kreissekretär für Bodenreform, in welcher Eigenschaft er alle seine Willkürakte decken konnte. Er besaß einen großen Einfluss bei Behörden, besaß viel Duzfreunde und verstand es, seine Gegner mühelos zu beseitigen. Es war daher unmöglich gegen ihn vorzugehen. Ein Zivilprozess gegen ihn wurde nicht zugelassen. Obgleich über 50 Anklagen bei einen Stralsunder Anwalt gegen Lewerenz vorlagen. Er führte einen unmoralischen Lebenswandel, unterhielt verschiedene Liebschaften, kümmerte sich wenig um seine Landwirtschaft und war viel mit dem Auto unterwegs. Im Mai 47 wurde er bei einem Notzuchtverbrechen auf frischer Tat  ertappt, verfolgt und am nächsten Tage in den Häuserruinen in Stralsund verhaftet. Im Mai 48 wurde er vom Landgericht Greifswald hierfür mit 2 Jahren Zuchthaus und 4 Jahren Ehrverlust bestraft. Die Landeszeitung berichtete hierüber in Nr. 101 vom 11 Mai 1948 unter der Überschrift: Mit den Banditen wird aufgeräumt. Die Person des Lewerenz wird ebenfalls in Beziehung gebracht zu den zahlreichen Sittlichkeitsverbrechen in Stralsund und Umgebung in den Jahren 45 und 46. Lewerenz zahlte die auf den übernommenen Siedlungen ruhenden Rentenbankzinsen nicht, obwohl er bei seiner Verhaftung 17000,-- RM Kaution für seine Freilassung anbot. Lewerenz wurde nach seiner Verhaftung aus der SED ausgeschlossen. Für alle Übergriffe und das Unrecht dass er zahlreichen Familien zufügte, ist er bisher nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Nach seiner Festnahme soll man in seiner Wohnung Belastungsmaterial gegen ihn gefunden haben, das er sich von Behörden eingefordert haben soll.
  2. Anton Bitter aus Stettin, früher Ortsgruppenleiter der NSDAP in Stettin-Süd, nach dem Kriegsende Gruppenleiter der KPD in Pütte, sprach Enteignungen lediglich mündlich im Namen der KPD aus, war an allen Aktionen als rücksichtsloser Mensch beteiligt, hat sich an dem Eigentum der Enteigneten bereichert und an den Einbrüchen teilgenommen. Wohnt jetzt in Niepars.
  3. Otto Gregorschowski, Heimatort unbekannt, von Beruf Schweizer, ließ sich als Dorfpolizist in Pantelitz einsetzen, angeblich KZ-Häftling, ließ Lehrerwitwe und Flüchtlinge aus dem voll von ihm in Anspruch genommenen Hause entfernen, um ungestört ein wildes Organisieren, Diebstähle und Einbrüche zu betreiben. Wer sich seinen Erpressungen widersetzte wurde mit der GPU bedroht. Er sprach polnisch und verkehrte viel mit russischen Soldaten, die von ihm sagten, er wäre ein großer Bandit. Wegen zahlreicher Übergriffe, Schwarzschlachtungen, Misshandlungen usw. wurde er Anfang 46 seines Postens enthoben.
  4. Hans Gütschow aus Stralsund, von Beruf Schuhmacher, eignete sich in Pantelitz ein Gärtnereigrundstück an, war Gruppenleiter der KPD in Pantelitz, in Stralsund als Trinker und untüchtig bekannt, war bei allen Aktionen als gewalttätiger und roher Mensch maßgebend beteiligt, misshandelte und drohte ebenfalls mit Totschlag, hat sein Grundstück stark vernachlässigt, Obstbäume und Beerensträucher verkauft zur Erlangung von Geld für seine Trinkgelage. Ist jetzt nach Stralsund zurückgekehrt.

Es würde zu weit führen, alle anderen beteiligten Personen hier namhaft zu machen oder die einzelnen Maßnahmen der Beschuldigten zu schildern. Die in unseren Gemeinden durchgeführten Enteignungen sind nicht zu vergleichen mit den Maßnahmen gegen politische Aktivisten in den Nachbargemeinden, weil bei uns eine Gruppe ortsfremder, brutaler und gewissenloser Hochstabler und Verbrecher ihr Unwesen trieb, unter Ausnutzung  der unsicheren Rechtsverhältnisse nach dem Zusammenbruch.

Die einzelnen Akteure haben sich durch gewissenlose Handlungsweise, einer nach den anderen selbst zu Fall gebracht; ihre Straftaten in den Gemeinden jedoch wurden bisher nicht nachgeprüft und abgeurteilt. Im Gegenteil weigert sich die Abteilung Bodenreform bei der Landesregierung noch heute irgendwelche Maßnahmen gegen die Beschuldigten einzuleiten.

Alle unsere schriftlichen Eingaben und die unserer Rechtsanwälte blieben unbeantwortet, unsere vielen persönlichen Berichte ohne jedes Ergebnis. Eine von der Landesregierung Anfang 46 durchgeführte Beweisaufnahme durch Herrn Glasow wurde durch den Einfluss von Lewerenz sabotiert und Herr Glasow seines Postens enthoben, obwohl er altes Mitglied der KPD war. Während seiner Beweisaufnahme in Pantelitz erschien Lewerenz mit der GPU und versuchte Herrn Glasow  sofort verhaften zu lassen. Ebenso erging es dem Polizeichef von Stralsund, der Lewerenz gedroht hatte, gegen weitere Übergriffe  mit schärfsten Maßregeln einzuschreiten.

Die Vorgänge in unseren Gemeinden, insbesondere der Fall Lewerenz, sind in weiten Teilen des Landes bekannt geworden und schädigen das Ansehen unserer Behörden schwer, weil die geschilderten Ereignisse in einem demokratischen Rechtsstaate undenkbar sind.

Im Namen aller enteigneter Familien bitten die Unterzeichneten nochmals höflich die geschilderten Vorfälle an Ort und Stelle nachprüfen zu wollen und versichern, dass die hier niedergelegten Angaben nach besten Wissen und Gewissen gemacht sind und durch Zeugen belegt werden können. Eine Vernehmung der Angehörigen der Beschuldigten und polizeiliche Ermittlungen über deren Vergangenheit würden voraussichtlich weiteres Belastungsmaterial erbringen. Wenn die Entsendung einer Prüfungskommission durch den Landtag aus irgendwelchen Gründen nicht möglich sein sollte, bitten wir die Landesregierung zwecks Nachprüfung dieser Vorfälle einwirken zu wollen.

Bei Antwortschreiben oder Rückfragen bitten wir die Anschrift von Herrn Magnus Hübenbecker, Stralsund, Rostocker Chaussee 56 benutzen zu wollen.

 

Hochachtungsvoll!

gez. 6 Unterschriften  ------------  Steno-Vermerke der Behörde  

 

 

Schwerin, de 10.Dezember1948

Hansch/Vo Tel 5051/377

 

E3 – Stralsund –

Tgb.Nr. L 143/48

 

An den Landtag Mecklenburg

über die Präsidialabteilung

im Hause

 

Betr.: Enteignete Bauern und Büdner in den Gemeinden Pantelitz, Pütte und Zimkendorf, Krs. Stralsund

Bezug: Verfügung des Landtages vom 6. u. 7.10. 48  - 6558/48 –

            Verfügung der Präsidialabt. Vom8.10.48  - Präs. – II  1408

 

Die beiden unter 6. u. 7.10.48 übersandten Eingaben Frau Paula Leesch z.Z. Juliusruh a./Rg. Vom 24.9. 48 werden hiermit zurückgereicht und ein Bericht des Regierungsvertreters Hansch vom 25.10.48 in dieser Sache in 2facher Ausfertigung beigefügt. Es wird gebeten den Beschwerdeführer unter Hinweis auf die Erledigung der Eingabe Hübenbecker durch die Landeskommission für Bodenreform an diesen zu verweisen.

5 Blatt   

Unterschrift. Minister Warnke

Unterschrift Ministerialdirektor  Kahmann                                 

 

 

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