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Leserbrief von Claudia May
Thüringer Landeszeitung vom 5. Januar 2000
"Frage des Vertrauens"
Sehr geehrter Herr Kazcmarek
mein Leserbrief "Diskussion um den Bürgerbeauftragten" wurde in der TA nicht veröffent-licht, deshalb meine Bitte um Veröffentlichung auf den heutigen Leserbrief von Herrn Wettstein.
Schade, dass Sie Ihren Leitsatz, den ich nur wiedergegeben habe, am Schluss wegließen - "Das Schwert, das er schwingt, kann nicht scharf genug sein." ist einfach toll! Trotzdem herzlichsten Dank für die Veröffentlichungen und dem TLZ-Team weiterhin alles Gute und bestes Gelingen auch im Jahr 2000.

Herr Wettstein, Vorsitzender der Vereinigung Opfer des Stalinismus, setzt sich kritisch mit der Vorgehensweise bei der Einrichtung des Bürgerbeauftragten in Thüringen auseinander. An der Stelle darf ich das Erinnerungsvermögen von Herrn Wettstein doch mal etwas auffri-schen und dringendst Fairness anmahnen. Als der Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehem. DDR, Herr Haschke, vom gleichen Ministerpräsidenten vorgeschlagen wurde, war vom Herrn Wettstein keine Aufforderung zur öffentlichen Diskus-sion zu vernehmen oder dass sich die Thüringer diesen LbStU selbst aussuchen sollten. Vie-le Betroffene hätten an dieser Stelle, zumal es um eine sensible und hochdotierte Besetzung ging, lieber einen Vertreter aus den Reihen der DDR-Opfer gesehen. Herr Haschke kann z. B. keine Rehabilitierung wegen zu Unrecht erlittener Verfolgungsmaßnahmen vorweisen. Mit seinem Hochschulabschluss und sicherlich auch ausgeübter Leitungstätigkeit scheint es ihm schon zu DDR-Zeiten recht gut gegangen zu sein? Im Übrigen zeigt der LbStU nur we-nig Interesse, ehem. DDR-Opfern in seinem unmittelbaren dienstlichen Umfeld eine Chance zu geben, das wurde ja selbst von Herrn Wettstein am 6. Sept. 1999 anläßlich einer Veran-staltung in der Kath. Bildungsstätte öffentlich angemerkt.
Fazit, was dem einen als Recht in der Funktion des LbStU vom Herrn Wettstein kritiklos zugestanden wird, sollte dem anderen als Bürgerbeauftragten auch genehm sein. Zumal die Kompetenz in der Sache dem favorisierten Herrn Benner unstreitig zuzugestehen ist und er offensichtlich schon im Vorfeld mehr Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung er-kennen lässt, als dem LbStU lt. STASI-Unterlagengesetz jemals abverlangt werden konnte. Und wenn Herr Wettstein meint, Thüringen den Thüringern scheint ihm wohl entgangen zu sein, dass wir in Europa leben und das erfordert Verwaltungserfahrung und Fachkompetenz über den Freistaat hinaus.
Gerade ehem. DDR-Opfer sollten sich vor unüberlegtem, kleinstaatlerischem Denken und der Wieder-Errichtung von Grenzen hüten.

Mit freundlichen Grüßen
Claudia May
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