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Leserbrief von Claudia May
Thüringer Landeszeitung vom 15. Januar 2000
"Schock nach Lüge der Hessen-CDU/Erbschaften waren schwarzes Gold"
Thüringer Abgeordneter: Wer falsch aussagt, muss rausfliegen
Sehr geehrter Herr Kazcmarek,
Bezug nehmend auf den v. g. Leserbrief bitte ich um Veröffentlichung meines nachfolgen-den Leserbriefes.

Nach der Landtagspräsidentin, Frau Christine Lieberknecht, bekunden nun auch der Landtagsabgeordnete, Herr Michael Panse, ihr Entsetzen über die Zustände, in der von der Kreisvorsitzenden, Frau Marion Walsmann, erst kürzlich wieder be-schworenen "guten Familie", die zusammenhalten muss, auch in schweren Zeiten. Wer dieser "guten Familie" die "schweren Zeiten" tatsächlich eingebrockt hat oder ob es nur das jahrzehntelange Anpassen um jeden Preis, um des eigenen Vorteils willen, eines jeden Mitgliedes der CDU war, diese Frage muss sich der einzelne, dieser ach so christlichen Familie, selbst beantworten.

Die notwendigen persönlichen Konsequenzen, die von den mutigen CDU-Familienmitgliedern nunmehr eingefordert werden, sollten ungeachtet der be-schwörenden Zusammenhaltsparolen nicht dem Selbstlauf überlassen werden. Denn Vertrauen auf Einsicht und Offenlegung der Wahrheit durch den, der sich schuldig gemacht hat, ob bewusst oder unbewusst, kann nicht erwartet werden; dazu ist der Vertrauensbruch zu gravierend.

Ob großzügige Spenden von dubiosen Waffenhändlern über politische Größen des Rechtsstaates Bundesrepublik Deutschland an die Partei gereicht werden, ob Ver-schwendung von Volksvermögen zur Bespitzelung ungeliebter Bürger im real exis-tierenden Sozialismus über 40 Jahre funktionieren konnte oder das Verdrängen dieser unbequemen Wahrheiten durch die Masse des Volkes einfach hingenom-men wurde - jeder macht sich mitschuldig, wenn er die vergangene und gegenwär-tige Geschichte ignoriert und schweigt; dazu gehört auch die noch immer unbewäl-tigte NAZI-Diktatur! Es ist keineswegs damit abgetan, sich selbstgefällig zurückzu-lehnen und sich über die Untaten der anderen zu freuen!

Was sich derzeit in der CDU vollzieht, ist eine Herausforderung unserer gesamten Gesellschaft. Die Frage, wie steht es um die Glaubwürdigkeit der Etablierten in al-len Bereichen, muss grundsätzlich gestellt werden. Schon längst geht es nicht mehr nur um den Einsatz der Mittel zum Machterhalt der CDU.

Die dubiosen Geschäfte zwischen Ost und West in der Zeit des "Kalten Krieges" müssen offengelegt werden. War z. B. der Verzicht der Restitution der Enteignun-gen zwischen 1945 und 49 tatsächlich Gegenstand der 2+4-Verhandlungen, wie von Kohl, Schäuble etc. behauptet oder haben wir es hier mit einer der größten Nachkriegslüge des wiedervereinten Deutschlands zutun?
Wohlgemerkt, bei ca. 93% der Enteigneten geht es um die Restitution oder Ent-schädigung von ganz normalem Besitz, wie Elternhaus, Bauernhof usw. und nicht wie pauschal behauptet um Großgrundbesitz.

Was passiert mit Politikern, die vor den höchsten deutschen Richtern die Unwahr-heit sagen? Welche neuen, alten unguten Seilschaften haben sich in den Schlüs-selbereichen unserer Gesellschaft wieder zusammengefunden und treiben ihr Un-wesen zum Nachteil des unbescholtenen Bürgers?

Ich kann dem Abgeordneten Michael Panse nur zustimmen, wenn er meint: "... wie wolle man denn jetzt noch glaubhaft der PDS ihre möglicherweise ins Ausland ge-schafften Millionen in der politischen Auseinandersetzung um die Ohren hauen, ..."

Die Tiefe des Konflikts in diesem Land ist mir schon lange bewusst und nur des-halb wurde am 9. Januar 2000 Strafanzeige beim Generalbundesanwalt gegen beide deutsche Regierungen in Bezug auf die Freikaufpraktiken von politisch miß-liebigen Personen aus der ehem. DDR erstattet.
Der Anachronismus, wenn Macht mit finanziellen Mitteln ausgeübt und der Schwache, um den Erhalt der nackten Existenz oder des Vorteils willen käuflich wird!

Durch unsere Gesellschaft geht ein gewaltiger Riß, der schon lange nicht mehr nur mit Ost- und Westbefindlichkeiten zutun hat, sondern der geradezu paradigmenhaft die sozialen Verwerfungen, die durch den brutalen Egoismus des Etablisements und die Bequemlichkeit der Masse erst entstehen konnten, aufzeigt.

Nehmen wir zur Kenntnis, der Parteien- und Verbändestaat Deutschland muss sich neuordnen, es müssen nachvollziehbare und kontrollierbare Regeln im gesamtge-sellschaftlichen Miteinander gefunden werden - ansonsten geht nicht nur dieses Land den Bach hinunter!

 

Mit freundlichen Grüßen
Claudia May
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