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Rechtsanwalt Rainer Wollny aus Köln ist am Flughafen Leipzig und
schaut nach den Grundstücken, die er für seine Mandanten erstritten
hat.
Um dieses Flurstück unter anderem dreht es sich, das ehemalige
Flugstück 3/3. Es liegt im Herzstück des Flughafens und zieht
sich quer durch alle Landebahnen, so dass im Grunde genommen jedes Flugzeug
zwangsläufig dieses Grundstück berühren muss, erklärt
Wollny.
1995 hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden:
Dieses und weitere Grundstücke gehören dem von der DDR enteigneten
Alt-Eigentümer.
Der geschätzte Wert beträgt 40 Millionen Mark.
Mein Vater hat 1953, ich glaube, drei Tage vor dem 17. Juni, die
DDR verlassen. Und infolge seiner Republikflucht sind die Grundstücke
dann wenig später enteignet worden, erzählt Achim Apitzsch,
der Sohn des Alt-Eigentümers.
Die heutige Folge für Sachsen wäre:
Flughafen dicht - oder zahlen.
Das wäre vor allem für den Finanzminister und Flughafen-Aufsichtsrat,
Georg Milbradt, misslich: Ein Nachtragshaushalt und viele Fragen der
Opposition.
In dem, was nun geschieht, erkennt Wollny durchaus eine lenkende Hand.
Das Problem lautet: Wie kann der Freistaat Sachsen die Flughafen-Flächen
trotz Urteil behalten?
Die Lösung:
Das Landesamt für Vermögensfragen nimmt die gerichtlich bestätigten
Restitutionsbescheide einfach wegen nachträglich erfahrener neuer
Tatsachen zurück.
Man habe doch wirklich nicht gewusst, dass an der Stelle ein Flughafen
sei.
Mit der Folge:
Alle Prozesse beginnen von Neuem.
Und Zweitens:
Die Steuerfahndung Leipzig hat plötzlich gegen den Kölner
Anwalt, der dem Freistaat die Millionen-Niederlage beigebracht hat,
den Verdacht der Steuerhinterziehung in Millionenhöhe.
Soll ein lästiger Gegner ausgeschaltet werden?
ZUFÄLLIGE ZUSTÄNDIGKEITEN?
Wollny hat Kanzlei und Wohnung in Köln.
Örtlich zuständig für eine eventuelle Strafverfolgung
wären deshalb
die Kölner Behörden. Die lehnen aber ein Vorgehen ab, weil
sie aufgrund der Steuerakten wissen, dass der Verdacht der Hinterziehung
falsch ist.
Milbradts Fahnder wollen aber partout losschlagen. Da fügt es
sich, dass auch die Behörde zuständig sein kann, die die Hinterziehung
entdeckt, wie Klaus Staschik von der Oberfinanzdirektion Chemnitz weiß:
Die Entdeckung war in Leipzig. Also ist daraus ganz offenkundig
eine Zuständigkeit abzuleiten.
Der Finanzpräsident in Chemnitz irrt. Nichts wird in Leipzig entdeckt.
Dafür wird einiges erfunden, um bei Wollny und seinen Banken durchsuchen
zu können.
Vorwurf Nummer eins:
Als der Alteigentümer 1991 einige unstreitige Teilflächen
außerhalb des Flughafens verkauft, erhält Anwalt Wollny vom
Käufer ein Beratungshonorar von rund 130.000 Mark.
Die hat er nicht versteuert, behauptet die Steuerfahndung Leipzig.
Der Vorwurf ist erfunden.
Wollny hat eine ordentliche Rechnung an den Käufer geschrieben,
dessen Zahlung als Anwaltshonorar ordentlich verbucht und die Einnahme
in seiner Steuererklärung richtig angegeben.
Beim für Wollny zuständigen Finanzamt Köln-Mitte stehts
in den Akten.
Ein Anruf mit der richtigen Frage hätte genügt.
Heute versuchen es Milbradts Fiskalieros mit Haarspaltereien.
Wollny hat Selbständige Einnahmen erklärt.
Er hätte es aber Sonstige Einnahmen nennen sollen.
Die Botschaft ist klar: Das Opfer ist schuld.
Herr Dr. Wollny hat für 1991 eine Steuererklärung abgegeben,
so Staschik,
"in der Einkünfte aus selbständiger Tätigkeit
vorhanden waren in Höhe von etwa 520.000 Mark und hat keine Sonstigen
Einkünfte angegeben.
SCHENKUNG ODER HONORAR
1994.
Der Alt-Eigentümer will seinem Anwalt eines der Flughafen-Grundstücke
schenken. Die Schenkung kann aber nicht vollzogen werden, weil der Freistaat
darauf besteht, das Grundstück gehöre ihm.
Im Grundbuch steht weder Schenker Apitzsch noch Beschenkter Wollny,
sondern Sachsen.
Im November 1998 wird Wollnys Kölner Kanzlei durchsucht.
Die Steuerfahndung desselben Freistaats Sachsen wirft Wollny vor, die
Schenkung, die nie vollzogen wurde, nicht versteuert zu haben.
Überdies sei es keine Schenkung, sondern Honorar für seine
Dienste als Anwalt gewesen.
Wollny soll Steuern für ein Grundstück hinterzogen haben,
das ihm nie gehörte und nach dem Willen Sachsens auch nie gehören
wird.
Steuern für ein Nichts?
Rechtsanwalt Wollny ist überzeugt, dass es keinen Grund gab, gegen
ihn zu ermitteln:
Der Steuerfahnder aus Leipzig ist zu meinem Finanzamt gekommen
und hat sich nach dem Sachstand erkundigt, ist von der Betriebsprüferin
darauf hingewiesen worden, dass sämtliche Dinge ordnungsgemäß
von mir offengelegt worden sind.
Das Finanzamt Duisburg-West ist für die Schenkungssteuer zuständig,
weil der Schenker dort wohnt.
Es bestätigt lange vor der Verdachtsschöpfung in Leipzig,
dass Wollny die Behörden darüber aufgeklärt hat, dass
die geschenkten Flächen
auch Honorar sein könnten.
Die Schenkungssteuer bezahlt Wollny, obwohl er das Grundstück bisher
nicht erhalten hat.
Steuern hinterzieht derjenige, der dem Finanzamt etwas verheimlicht.
Die Fahnder wissen auch, dass Wollny, der im Leipziger Amt verschwundene
Akten sucht, eben gerade nichts verheimlicht hat.
WUNSCHORT: ANWALTSKANZLEI
Doch sie wollen unbedingt seine Anwaltskanzlei filzen.
Laut Wollny seien die Leipziger Ermittler bei seinem Steuerberater gewesen
und haben in einer Akte lustlos geblättert und sich
zwei Seiten angeguckt.
Der Jurist glaubt, die Durchsuchung habe nicht einmal zehn Minuten
gedauert, obwohl bei seinem Steuerberater sämtliche relevanten
steuerlichen Unterlagen lägen. In seiner Kanzlei habe man hingegen
über 100 Aktenordner weggeräumt, obwohl erkennbar gewesen
sei, das es sich dabei um zivilrechtliche Streitigkeiten um Grundstücke
in Leipzig gehandelt habe, so Wollny.
Ein Fragenkatalog für Zeugen. Findet sich der wahre Grund für
die Beschuldigung, die sich auch durch zwischenzeitliche Verfahrenseinstellung
als falsch erwiesen hat?
In Dresden, so der Geheimvermerk, hat der Leipziger Fahnder
mitgeteilt bekommen, wie die Grundstücke steuerlich zu qualifizieren
sind.
In Dresden befindet sich das Finanzministerium.
Hat der Fahnder sich dort seine Weisungen abgeholt?
Außerhalb des Dienstwegs?
Für den Staatssekretär des sächsischen Finanzministerium,
Wolfgang Voß,
ist diese Vermutung abwegig:
Dazu geben die Berichte der OFD ebenfalls keine Anhaltspunkte.
Wir haben dazu keinerlei Hinweise. Und die Erklärung liegt auch
wiederum in der Zuständigkeitsverteilung, die hier gewählt
worden ist, zwischen dem Finanzministerium und der OFD.
ZUFALL ODER LENKENDE HAND?
Die nachgeordnete Oberfinanzdirektion in Chemnitz weiß aber nicht,
was im Ministerium in Dresden geschieht.
Der Fahnder erklärt, er sei in Dresden beim Vermögensamt gewesen.
Steuerliche Erleuchtung von Unzuständigen?
In Dresden weist der Finanzminister den Verdacht, man habe die Steuerfahndung
eingesetzt, um sich einen zu erfolgreichen Gegner vom Halse zu schaffen,
weit von sich.
Warum dann aber die sächsische Steuerfahndung den Verdacht der
Steuerhinterzeihung aus der Luft gegriffen hat, kann er nicht erklären.
Rainer Wollny glaubt bei seiner Verfolgung nicht an Zufall,
sondern an eine lenkende Hand.
Auf der Wiese vor dem Finanzministerium will er demnächst mit Protestplakaten
demonstrieren.
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