Aus der Amazon.de-Redaktion
Am 17. Juni 1953 kam es im Osten Deutschlands zu einer spontanen
Volkserhebung: Hunderttausende Arbeiter traten in den Streik, auf
mächtigen Demonstrationen in Berlin und weiteren Städten
wurden freie Wahlen gefordert. Bürger besetzten die Schaltzentralen
der Macht und verlangten vor den Gefängnissen die Freilassung
der politischen Häftlinge. Es war das erste von weiten Bevölkerungskreisen
getragene Aufbegehren im kommunistischen Machtbereich.
Die SED wurde von den Ereignissen völlig überrascht. Nur
der Einsatz sowjetischer Truppen konnte den Zusammenbruch des Regimes
noch verhindern. Bei der blutigen Niederschlagung des Aufstandes
starben mindestens 51 Menschen. Hunderte wurden verletzt, über
8.000 Demonstranten festgenommen und zu teils langjährigen
Haftstrafen und Zwangsarbeit verurteilt. Gegen 19 "Rebellen"
und "Provokateure" verhängten sowjetische Militärtribunale
Todesurteile.
Der Westen schaute dem Geschehen tatenlos zu. Wie neueste Forschungen
belegen, konnten die Aufständigen zu keiner Zeit mit Hilfe
von außen rechnen. Denn die Westalliierten hatten kein Interesse,
den mühsam erreichten Status quo in Deutschland gewaltsam
zu ändern. Und Konrad Adenauer wollte seine Politik der Westintegration
nicht gefährden. Das hinderte die Bundesregierung freilich
nicht daran, den 17. Juni "propagandistisch" zum "Tag
der Deutschen Einheit" zu küren.
Der Berliner Historiker Hubertus Knabe, bekannt geworden durch
seine kontrovers diskutierten Studien zur West-Arbeit des DDR-Geheimdienstes
MfS, hat nun eine umfassende Darstellung der Ereignisse vorgelegt.
Sein spannendes, faktenreiches Buch bietet einen fundierten Überblick
zum Thema, ohne die tragischen Einzelschicksale zu vergessen,
die sich hinter den anonymen Opferzahlen verbergen. Herbert Stauch,
Siegfried Berger, Ernst Jennrich -- ihnen und anderen mutigen
Männern und Frauen des 17. Juni gibt Knabe einen Namen und
ein Gesicht. Hierin liegt die besondere Stärke des Buches.
--Stephan Fingerle
|