| Presse |
| Die WELT, 06.05.2001 |
| Kartell des Schweigens | |
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Von Thomas Garms Heilt die Zeit wirklich alle Wunden? Gerade im Umgang
mit der eigenen Vergangenheit mag man sich danach sehnen, dass begangene Fehler
ins Dunkle tauchen, Verunglimpfung und Heuchelei im Schatten biografischer Fortentwicklung
verschwinden. Inzwischen ist viel passiert. Es gibt keine Mauer mehr, der Traum vom vereinten Deutschland ist Wirklichkeit geworden. Doch die selbstkritische Auseinandersetzung mit den damaligen Thesen und Argumenten findet kaum statt. Lieber bemüht man die Gerichte, um Kritiker wie den Historiker Hubertus Knabe mundtot zu machen. Ein bemerkenswertes Schweigekartell baut sich auf. Man kann den Eindruck gewinnen, dass in fast gespenstischer Geschlossenheit Fehldeutungen und Lebenslügen totgeschwiegen werden sollen. Manche, die einst empfänglich waren für die Einflussnahme totalitärer Systeme auf die linke Propaganda, verschanzen sich heute hinter den Sichtblenden einer von Larmoyanz geprägten Selbstgerechtigkeit. Das gilt für gewisse Medienschaffende genauso wie für manche Politiker, die sich jeder kritischen Auseinandersetzung mit den Standpunkten von einst entziehen. Außenminister Fischer verweigert barsch Auskünfte über seine Vergangenheit als Straßenkämpfer, Umweltminister Trittin schweigt beharrlich über seine frühere Nähe zu kommunistischen Organisationen. Jene Generation, die von ihren Vätern vor dem Hintergrund der Verstrickungen mit der Nazizeit eine kritische Aufarbeitung von Vergangenheit einforderte, will nun genau dieses für sich selbst nicht zulassen. Zwar mag das Ausblenden biografischer Verirrungen erwartbar, gar verständlich sein. Beängstigend ist jedoch jene gespenstische Geschlossenheit, mit der dies geschieht. Politische Macht ist auch eine Frage von Macht über das historische Deutungsmonopol. In einer Situation, wo man Debatten darüber vom Tisch zu wischen sucht, wie Journalisten und Politiker mit ihrer Vergangenheit umgehen, muss die Frage erlaubt sein, wie weit es hier zu Lande mit dem liberalen Demokratieverständnis bestellt ist. Nun, da die Generation der Achtundsechziger nach langem Marsch durch die Institutionen an den Fleischtöpfen der Macht angekommen ist, hat sie das verspielt, was sie immer vom hohen moralischen Ross herab gefordert hat: die Fähigkeit zum selbstkritischen Diskurs.
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