Presse
Die WELT, 17.07.2001
Attentäter des 20. Juli wirft der Regierung Rechtsbruch vor

Bundesregierung hat zu Unrecht DDR-Eigentum geschluckt
Von Edgar S. Hasse
Berlin - Einer der letzten überlebenden Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944 hat jetzt die Bundesregierung scharf angegriffen und ihr schweren Rechtsbruch vorgeworfen. Philipp Freiherr von Boeselager (84) - jener Mann, der den Sprengstoff für das Attentat auf Hitler besorgte - kritisierte in einem Schreiben an Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) die gravierende Verletzung von Eigentumsrechten. "Die Bundesregierung hat im Zuge der Wiedervereinigung einen Rechtsbruch begangen
, indem sie sich die von den Kommunisten enteigneten Ländereien, Häuser und Industriebetriebe einverleibt hat, anstatt sie den Alteigentümern zurückzugeben", heißt es in dem Brief an die Ministerin, die heute an der Gedenkstätte Plötzensee eine Gedenkrede halten und gemeinsam mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, einen Kranz für die Widerstandskämpfer im Bendler-Block niederlegen wird. Dort soll später auch ein öffentliches Gelöbnis stattfinden.

Baron Boeselager, einst Wehrmachtskommandeur im Reiterregiment 31 und langjähriger Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Waldbesitzerverbände, unterstützt mit diesem Schreiben die Forderungen von rund zwei Millionen Alteigentümern:
Landwirte, Mittelständler, aber auch Familien der Widerständler vom 20. Juli waren unter sowjetischer Besatzungsmacht zwischen 1945 bis 1949 enteignet worden.
Die rot-grüne Bundesregierung verweigert ihnen mit dem Segen der Karlsruher Richter bis heute die Rückgabe.

Eine Ausnahme gab es allerdings im Falle der kurz nach dem Hitler-Attentat hingerichteten Widerstandskämpfer: Diese Familien bekamen ihr Eigentum in den neuen Bundesländern zurück. Wer sich dagegen Hitlers Rachefeldzug entziehen konnte und das NS-Regime überlebte, ging bei der bundesdeutschen Restitution leer aus.
"Die Bundesregierung hat diese Frauen und Männer des 20. Juli einfach vergessen", klagte von Boeselager gegenüber der WELT.
Seit Jahren kämpften sie nun vergeblich um ihr Eigentum in Ostdeutschland.

Dazu gehören auch die Erben eines inzwischen verstorbenen Boeselager-Freundes: Axel von dem Bussche - jener aus Thale im Harz stammende Mann, der bereit war, sich mit Hitler in die Luft zu sprengen. Zu jenen, die der Staat bei der Rückgabe vergessen hat, zählen auch Männer aus der zweiten Reihe des NS-Widerstandes wie Otto Heinrich von Bila, einst Ordonnanzoffizier bei Feldmarschall von Kluge. Seine Witwe, Brigitte von Bila (82), aus Schladen (Harz) nimmt am heutigen Freitag an der Berliner Gedenkfeier teil.
"Alles nur Gerede", kommentiert sie im Vorfeld die alljährlichen Politikerreden.

Ihr Sohn, Wolf von Bila, findet es besonders skandalös, dass sein Vater in der Sowjetischen Besatzungszone ausgerechnet als "Nazi- und Kriegsverbrecher enteignet" wurde. "Wir werden für etwas bestraft, was überhaupt nicht den Tatsachen entspricht." Damit die Familie auf ihrem ehemaligen Grund und Boden in Sachsen-Anhalt wirtschaften kann, musste sie einen Teil ihres alten Besitzes vom Staat pachten.

Auch Baron Boeselager ärgert sich über das Ritual der jährlichen Gedenkveranstaltung der Bundesregierung. Zwischen den feierlichen, mahnenden Worten der Politiker und der tatsächlichen Rechtspraxis sieht er einen eklatanten Widerspruch. Deshalb schrieb er an die SPD-Justizministerin: "Mit der bisherigen Regelung droht dem politischen Vermächtnis ein Glaubwürdigkeitsverlust." Zum einen betone der Staat immer wieder, dass die Männer des 20. Juli ihr Leben für die Wiederherstellung des Rechts geopfert hätten.
Zum anderen "weigert sich dieser Staat aber, das von früheren Regierungen konfiszierte Eigentum an die Erben dieser Männer zurückzugeben." Die heutige Regierung mache sich daher "zum späten Vollstrecker von Nazi- und kommunistischer Justiz".

(c) Die WELT online
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