| Presse |
| Die WELT, 06.02.2003 |
| Schlösser und Dome der Industrie | |
| Einheimische und auswärtige Investoren
zieht es zunehmend in die rund 1500 Chemnitzer Traditionsimmobilien
Chemnitz - Das „deutsche Manchester“, Chemnitz, hat viel zu lange
im Schatten der Kulturstädte Sachsens gestanden. Die Phalanx der vor
mehr als hundert Jahren errichteten rußigen Fabriken mit ihrem Wald
rauchender Schornsteine hat den Blick auf den Ehrgeiz, die Gestaltungsfreude
und die Gewitztheit verdunkelt, mit der die Sachsen hier ein Reich des
Gewerbefleißes, der Erfindungen und zukunftsweisenden Konstruktionen
entwickelt haben. Erst heute, wo sich die Zeit der großen Produktionszentren
dem Ende zuneigt, wird diese stolze Tradition in ihrer Eigenart erfahrbar.
Was einmal die Bedeutung und Gediegenheit der Industriebaukunst ausgemacht
hat, das ist in Chemnitz in einer Dichte und Qualität präsent wie kaum
in einer anderen deutschen Stadt. 1500 Gewerbe- und Industrieobjekte
zeugen bis heute vom staunenswerten Aufstieg einer uralten Weberstadt,
die Chemnitz noch zu Lebzeiten Goethes war, zu einer Fabrikstadt, die
sich, wie die Chronisten vor hundert Jahren rühmten, mit ihrer Web-
und Wirk-, ihrer Maschinen- und Eisenindustrie in wenigen Jahrzehnten
Weltruf erwarb. Die Wurzeln der Stadt an den Flanken des Erzgebirges, die älter als
die Landeshauptstadt Dresden ist, reichen bis in die Frühzeit der Staufer
zurück. Ein Kloster, später ein Schloss haben ihre Geschichte bestimmt,
zahllose Brände haben sie immer aufs neue verheert und auf die Anfänge
zurückgeworfen. So ist es Chemnitz auch im Zweiten Weltkrieg ergangen,
als es noch in den letzten Wochen des Krieges, am 5. März 1945, von
einem der verheerendsten Bombenangriffe fast ausgelöscht wurde. Aber
auch der Neubeginn unter dem gänzlich beziehungslosen Namen Karl-Marx-Stadt
mündete in ein Desaster: Große Teile der wiederauferstandenen Stadt
standen in der Spätzeit der DDR vor dem Zusammenbruch. Es gehört zu den Wundern der Wiedervereinigung, dass in letzter Minute
so vieles gerettet werden konnte, das heute für die Identität und das
Selbstverständnis der Städte Mitteldeutschlands unverzichtbar erscheint.
In Chemnitz ist es der Bautenbestand der Industrie. Erst jetzt wird
man aufmerksam darauf, mit welcher Freude am „Design“ und welch hohem
Anspruch der Ausstattung die alten Fabrikherren dieser Stadt beim Bau
ihrer einst so genannten „Etablissements“ zu Werke gingen. Denn es wurden
nicht nur einfach stupide Gewerbekisten in die Landschaft geklotzt.
Jede Fabrik erhielt ihr individuelles Gesicht. Was in anderen Städten Kathedralen und Schlösser sind, das sind in
Chemnitz die Paläste und Dome des Maschinenbaus und der Textilindustrie.
Hier fand das Repräsentations- und Inszenierungsbedürfnis eines aufstrebenden
Bürgertums seinen oft auftrumpfenden, bisweilen gar majestätischen Ausdruck.
Gesimse und Fenstergewände, Giebel und Fassaden wurden mit roten, gelben
und grünen Ziegeln oder Kacheln plastisch konturiert. Es gab Maschinensäle,
die mit dem Schmuck ihrer Wandgemälde an Salons erinnerten. Auch, wenn
die Arbeitsbedingungen heutigen Anforderungen kaum entsprachen, wenn
die Löhne niedrig und die Arbeitszeiten lang waren – die Arbeit erhielt
durch diese architektonische Fassung eine Würde, die ihr heute kaum
noch zugemessen wird. Welcher nicht nur ideelle, sondern auch materielle Wert in dieser
Hinterlassenschaft einer vergangenen Epoche liegt, wird gerade erst
erkannt. Noch gibt es keine Führungen und kaum Prospekte, die den Weg
zu den herausragendsten Beispielbauten zeigen. Schneller haben es die
begriffen, die auf die Zukunftsfähigkeit von Geldanlagen angewiesen
sind: Einheimische und auswärtige Investoren zieht es zunehmend in Traditionsimmobilien,
die, wie man jetzt weiß, in einer Solidität erbaut sind, die modernen
Gewerbebauten in Großtafelbauweise völlig abgeht. Im Inneren erreichen
diese Gebäude mit ihren oft riesigen Fensterfronten eine erstaunliche
Modernität: das klare Gebäuderaster, das hochbelastbare Betonskelett,
die sich über halbe Fußballfelder erstreckenden Großraumstrukturen halten
einen räumlichen Luxus vor, der in Neubauten kaum noch darstellbar erscheint.
Die Technologie war zu ihrer Zeit futuristisch, heute ist sie „Stand
der Technik“. Nahezu jede denkbare Nutzung von der Lagerhalle bis zur
Büroetage, vom Großhandel bis zum Logistikzentrum, vom Existenzgründer
bis zum Loftwohnen ist realisierbar und wird bereits praktiziert. Der
praktisch unbezahlbare „Mehrwert“ der Gebäude ist das Prestige, das
ohne Aufpreis mitgeliefert wird. 500 Einzelbauten wurden unter Denkmalschutz gestellt, 52 davon sind
bereits in eine neue Nutzung überführt. Damit hat die sächsische Industriemetropole
in Rekordzeit eine führende Rolle bei der Umnutzung von Industriedenkmalen
in Deutschland übernommen. Und sie hat zu dem gefunden, wonach auch
viele Städte in Westeuropa in der neuen, immer härteren Städtekonkurrenz
verzweifelt suchen: zu ihrer Identität. Ob es der in hellroten Backstein gekleidete Koloss „Wirkbau“ mit dem
schlanken Campanile ist (einst Schubert & Salzer, heute ein Gründerzentrum)
oder die von Schweizer Unternehmern betriebene, teilweise in eine „Kulturfabrik“
umgewandelte Webautomatenfabrik Schönherr mit ihren schlossartig um
einen „Ehrenhof“ gruppierten „Palais“; ob es die „Eschefabrik“ mit ihrem
malerischen turmbekrönten Giebel ist, die nun als „Haus der Gesundheit“
fungiert, oder die Spinnerei Bernhard von 1798, die zweitälteste Fabrik
Deutschlands, für die sich ein Bochumer Altenheimbetreiber interessiert;
ob es die Wandererwerke sind, in deren 13000 Besucher fassenden Halle
im Januar das neue Messe- und Veranstaltungszentrum eröffnet worden
ist, oder das Industriemuseum, das 2003 in die restaurierten Hallen
der Gießereien Escher und Schubert & Salzer mit der eindrucksvollen
Giebelfront an der Zwickauer Straße einzieht: in Chemnitz wird das Zukunftspotential,
das in den Werken der Väter- und Großvätergeneration liegt, als ein
Aktivposten städtischer Entwicklung systematisch reaktiviert. Das „neue“ Chemnitz wird von dem geprägt werden, was immer die Stärke
und Eigenart dieser Stadt ausgemacht hat: vom Fleiß und der Erfindungsgabe
seiner Bewohner. Diese Eigenart hat ihre Entsprechung in der Monumentalität
einer Architektur gefunden, die in Europa ihresgleichen sucht. Artikel erschienen am 6. Feb 2003
|
| Zur Hauptseite | Inhaltsverzeichnis |
| Senden sie uns ihre Meinung zu diesen Seiten. Spenden sowie Hinweise zu Fundstellen sind uns wilkommen. |