| Presse |
| Die WELT, 06.02.2003 |
| Das „Stadtumbauprogramm Ost“ floppt | |
| Statt der vom Kanzler angekündigten
Milliarden fließen Kleckerbeträge – Leerstände steigen weiter
Berlin - Die pompösen Kanzler-Worte von einem milliardenschweren
„Stadtumbauprogramm Ost“ und die darauf folgenden Bundestags-Beschlüsse
erscheinen inzwischen als leeres Gerede. Rund zwei Mrd. Euro sollten
von 2002 bis 2009 fließen, um dem Leerstandsdrama in ostdeutschen Städten
(1,3 Mio. leere Wohnungen) und seinen unabsehbaren Folgen beizukommen.
Bereit gestellt wurden bislang aber nur Kleckerbeträge: 15 Mio. Euro
im letzten, 7,6 Mio. Euro für das laufende Jahr. Mit solch dürftigen Spritzen sind die ausufernden Brände in den betroffenen
Städten, bei den privaten Vermietern, den Wohnungsunternehmen und -genossenschaften
aber nicht zu löschen. Im Gegenteil: „Die Situation ist noch schlimmer
geworden als sie Ende 2000 war, zu dem Zeitpunkt als die Expertenkommission
Leerstand ihren Bericht vorlegte“, beschreibt der Stadtumbau-Experte
der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Henry Nitzsche, die aktuelle Lage.
Eine Einschätzung, die durch Angaben der Wohnungswirtschaft gestützt
wird. Die Anzahl der leeren Wohnungen sei in nur zwei Jahren von seinerzeit
einer Mio. um 300 000 gestiegen, hat der Bundesverband deutscher Wohnungsunternehmen
(GdW) errechnet. Das ist fast die gleiche Summe, die laut der Leerstandskommission
eigentlich insgesamt abgerissen werden sollte, um den Wohnungsmarkt
zu entlasten. Von 1998 bis 2001 kamen allerdings nur etwa 20 000 kommunale
und genossenschaftliche Wohnungen unter die Abrissbirne, insgesamt 30 000
bis 40 000 sollten es laut Expertenempfehlung pro Jahr sein; kein Wunder
also, wenn die Leerstandsquote weiter steigt. Ende dieses Jahres wird
sie nach GdW-Schätzungen 18 Prozent erreicht haben. Dass die als notwendig erachtete Abrissquote bislang deutlich unterschritten
wurde, darf indes niemand verwundern. Bezuschusst werden Wohnungsabrisse
mit 60 Euro/qm – was längst nicht die gesamten Kosten deckt. Wohnungsunternehmen,
die die Abrissbirne bestellen, werden die Kosten dafür auch prompt und
komplett in Rechnung gestellt. Die bisherige Fördersystematik des Stadtumbaus
sieht aber so aus, dass die Unternehmen die ihnen zustehenden Zuschüsse
erst verteilt über einen Zeitraum von fünf Jahren erhalten. Damit kommt
jedoch nur eine kleine Schar zurecht, nämlich jene, die noch finanzielles
Potenzial zur Vorfinanzierung hat. Als große Hürde im Stadtumbauprogramm erweist sich nach übereinstimmender
Einschätzung der Wohnungswirtschaft die Altschuldenregelung. Denn auch
nach Abriss der Wohnungsblöcke bleiben die darauf lastenden Altschulden
(rund 70 Euro/qm) bestehen. Erlassen werden die (auch nicht unumstrittenen)
Altschulden nur jenen abrisswilligen Unternehmen, die mehr als 15 Prozent
Leerstand nachweisen können – das sind in der Regel die wirtschaftlich
schwächsten. Nitzsche: „Dadurch werden noch leistungsfähige Unternehmen
unzureichend motiviert, sich am Stadtumbau zu beteiligen.“ Darüber, dass der Abriss dauerhaft leerstehender Wohnungen, vor allem
in Randlagen, der erste Schritt zu einem Stadtumbau im eigentlichen
Wortsinn ist, sollte eigentlich kein Zweifel bestehen. Auch nicht bei
den rot-grünen Koalitionären, deren Stadtentwicklungspolitik ausdrücklich
auf die bevorzugte Förderung der Kernstädte zielt. Dort ist auch – gerade
in ostdeutschen Städten – in den letzten Jahren eine enorme Sanierungs-
und Modernisierungsleistung an heruntergekommenen Immobilien-Beständen
geleistet worden – überwiegend mit privatem Kapital. Doch auch dort
sind die Wohnungsleerstände eklatant: in Görlitz beispielsweise bis
zu 43 Prozent, wie Henry Nitzsche weiß. „Dort abzureißen heißt aber
Existenzen vernichten“, sagt der Abgeordnete. Und moniert gleichzeitig
die Disparität in den Ansätzen des Stadtumbauprogramms: „Für den ersten
Schritt steht ein Drittel weniger Geld zur Verfügung als für den zweiten.“
Der aktuelle Bedarf sei aber eher umgekehrt. Geradezu als Karikatur jeglicher Stadtentwicklung erscheinen in diesem
Zusammenhang die Ergebnisse der 2002 als Bestandteil des Stadtumbauprogramms
verkündeten „Investitionszuschüsse für Wohneigentumsbildung in innerstädtischen
Altbauquartieren“. 51 Mio. Euro pro Jahr wollten Bund und Länder dafür
ausgeben, 4000 Haushalte sollten jährlich gefördert werden. Erweisen
sich die Zahlen aus dem Freistaat Sachsen als repräsentativ, kann Kassenwart
Hans Eichel den Großteil dieses Postens zurück buchen: Bislang wurden
etwa in Sachsen 20 Förderanträge gestellt, 14 bewilligt, einer (Stand
14. Januar 2003) ausgezahlt, mit einem Volumen von 1875 Euro. Auch für dieses Desaster macht Nitzsche bürokratische Hemmnisse verantwortlich,
dazu realitätsferne Vorraussetzungen. Als erste Konsequenz aus dem offenbar
daneben geratenen Stadtumbauprogramm hat die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag
jetzt einen Entschließungs-Antrag formuliert um im Parlament eingebracht,
der die Schwachstellen des Programms angehen soll. maw |
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