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Leitartikel
von Uwe Müller
Ein unerwartetes Geschenk bereitet Freude, zumal wenn es fast 20 Milliarden
Euro wert ist. Doch der Empfänger hat angesichts der Gabe, die
ihm nun in Aussicht gestellt wurde, wenig überschwänglich
reagiert. Mit eher freundlichem Desinteresse ist in Deutschland zur
Kenntnis genommen worden, dass Brüssel entgegen früheren Plänen
den Aufbau Ost weiterhin mit Subventionen auf höchstem Niveau flankieren
will. Dabei reicht die Zusage bis ins nächste Jahrzehnt hinein:
Auch in der Zeit von 2007 bis 2013 soll die für den Strukturwandel
wichtige Unterstützung ähnlich generös ausfallen wie
gegenwärtig.
Die Ankündigung der Europäischen Union stellt eine gute Nachricht
dar. Hätte doch ein abruptes Absenken der Zuwendungen den Verlust
von zehntausenden Arbeitsplätzen in den neuen Ländern bedeutet.
Aber die Zusage weist auch eine Kehrseite auf, die von der Öffentlichkeit
noch weniger registriert worden ist als das milliardenschwere Hilfspaket
selbst. Denn aus Brüsseler Sicht wird Ostdeutschland mindestens
bis zur Mitte der nächsten Dekade - mithin ein Vierteljahrhundert
nach der Wiedervereinigung - ein Armenhaus in der dann erweiterten Union
bleiben.
Deutlicher als durch diese Einschätzung könnte kaum zum Ausdruck
gebracht werden, wie gründlich die ökonomische Transformation
Ostdeutschlands misslungen ist. Umso mehr verwundert es, dass die prekäre
Lage in der aktuellen Reformdebatte so gut wie keine Rolle spielt. Im
Kontext der Agenda 2010 des Kanzlers taucht der Landstrich zwischen
Ostsee und Erzgebirge nur auf, wenn es gilt, "sozialverträgliche
Übergangslösungen" zu finden.
Dabei haben sich die Folgen der unbewältigten Einheit längst
zu einem, wenn nicht sogar zu dem zentralen Problem Deutschlands aufgetürmt.
Die Dimensionen sind erdrückend. Jahr für Jahr werden etwa
vier Prozent des Bruttosozialproduktes von West nach Ost transferiert.
Das entspricht 70 Milliarden Euro oder fast einem Drittel des Bundeshaushaltes.
Im Vergleich dazu fällt auch die happige Neuverschuldung von 30
Milliarden Euro, die Finanzminister Hans Eichel in diesem Jahr wird
schultern müssen, geradezu moderat aus. Wer jedoch diese Herausforderung
nicht einmal benennt, ist auch nicht in der Lage, sie anzunehmen - geschweige
denn, sie einer Lösung näher zu bringen.
Die hohen Transfers sind von der Bevölkerung nie ernsthaft infrage
gestellt worden. Allerdings beruhte die Akzeptanz auf der von der Politik
vermittelten Gewissheit, dass die Belastung mit den sich im Osten einstellenden
Fortschritten abnehmen würde. Doch der degressive Effekt bleibt
aus. Der Aufbau Ost, der anfangs dynamisch begann, ist 1997 zum Stillstand
gekommen. Seitdem fallen die neuen Länder im Vergleich zu den alten
wieder zurück.
Gewiss, es gibt in Ostdeutschland hochmoderne Fabriken und spektakuläre
Ansiedlungserfolge. Doch auf diese Lichtblicke werfen vermehrte Abwanderung
von Leistungsträgern, zunehmender Wohnungsleerstand sowie ansteigende
Arbeitslosenraten lange Schatten. Auf dieser Seite der Bilanz, die explodierende
soziale Kosten nach sich zieht, wird sich so schnell nichts ändern.
Denn dazu wäre es nötig, dass der Osten über eine lange
Phase hinweg mindestens doppelt so schnell wachsen würde wie der
Westen.
Dafür gibt es keine Anzeichen. Im Gegenteil: Schon heute sind die
negativen Effekte spürbar, die die EU-Osterweiterung für die
neuen Länder mit sich bringt. Während dort die ausländischen
Direktinvestitionen 2002 spürbar zurückgegangen sind, verzeichneten
Länder wie Tschechien, Ungarn oder Polen beim Zufluss internationalen
Kapitals Rekorde. In den Reformstaaten warten nicht nur ungesättigte
Märkte. In ihnen kann zudem zu Lohnkosten produziert werden, die
weit unter ostdeutschem Niveau liegen. Der dadurch entstehende Kostendruck
wird sich auf kurz oder lang auch in Ostdeutschland direkt bemerkbar
machen und dort in großem Umfang Arbeitsplätze mit niedriger
Wertschöpfung bedrohen.
Spätestens dann wird sich zeigen, dass der Aufbau Ost allein mit
Subventionen nicht zu bewerkstelligen ist. Mit dem Solidarpakt II stellt
der Staat für die neuen Länder bis 2019 gut 156 Milliarden
Euro bereit. Damit war die Erwartung verbunden, dass der Osten automatisch
zum Westen aufrückt und nach 2020 keine teilungsbedingten Lasten
mehr geltend macht. Beide Hoffnungen werden sich als trügerisch
erweisen.
Spätestens dann wird sich zeigen, dass der Aufbau Ost allein mit
Subventionen nicht zu bewerkstelligen ist. Mit dem Solidarpakt II stellt
der Staat für die neuen Länder bis 2019 gut 156 Milliarden
Euro bereit. Damit war die Erwartung verbunden, dass der Osten automatisch
zum Westen aufrückt und nach 2020 keine teilungsbedingten Lasten
mehr geltend macht. Beide Hoffnungen werden sich als trügerisch
erweisen.
Artikel erschienen am 10. Mai 2003 © WELT.de 1995 - 2003
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