| Presse |
| Die WELT, 13.03.2003 |
| Die Misere liegt ostwärts | |
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Leitartikel Zum Solidarpakt, zum Milliardentransfer von Geldern in die neuen Länder,
gab und gibt es keine Alternative. Das ist keine Veranstaltung des Westens
für den Osten, wie der Wirtschaftsforscher Rüdiger Pohl völlig
zurecht bemerkt, das ist das Gebot eines Landes, das mit den Spätfolgen
von Krieg, Spaltung und Kommunismus fertig werden muss - ob es will
oder nicht. Denn der Aufbau Ost entscheidet in viel stärkerem Maße über die wirtschaftliche Zukunft der gesamten Republik, als man sich dies lange eingestand. Es sind eben nicht nur die verkrusteten Sozialsysteme und die desolate Konjunktur, die das Land nach unten ziehen - es sind auch die Lasten der deutschen Einheit. Keine andere Volkswirtschaft musste in den letzten Jahren eine solche Bürde schultern, wie die deutsche; und als unguter Nebeneffekt kam auch noch die kurze Binnenkonjunktur nach der Wende hinzu, die Deutschland über seinen dringenden Reformbedarf hinwegmogelte.
Mit Geld, viel Geld, so glaubte man in guter westdeutscher Nachkriegsmanier,
könne man die Probleme schon lösen. Allein die Arbeitslosenzahlen in den neuen Ländern lassen gruseln. Sie haben längst die Zwanzig-Prozent-Marke erreicht. Das alles kam nicht über Nacht. Das Wirtschaftswachstum in den neuen Ländern ist in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre bereits weggesackt, ohne dass dies die politische Öffentlichkeit alarmiert hätte. Jetzt kommt noch die Krise der öffentlichen Haushalte hinzu und die wirtschaftliche Depression. Die neuen Länder, die immer noch eine gewaltige Infrastrukturlücke zu schließen haben und mit ihrem Bruttossozialprodukt immer noch mehr als ein Drittel unter dem Westniveau liegen, trifft das doppelt. Und um das düstere Bild zu vervollständigen: Wer denkt eigentlich heute schon darüber nach, dass durch den degressiven Verlauf der Mittelzuweisungen des Solidarpakts II den neuen Ländern nach 2008 Finanzmittel in großen Tranchen fehlen werden? Von den Folgen des drohenden Phasing out der Förderung durch die EU im Zuge der Osterweiterung will man erst recht nichts wissen.
Es gibt eine schmerzhafte UNTERNEHMERLÜCKE in den neuen Ländern.
Sie zu schließen würde dem Osten weit mehr helfen als alle
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Förderprogramme zusammen.
Die Zeit drängt. Die Situation im Osten ist nur ein Teil der deutschen Misere, aber ein erdrückender.
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