Presse
Die WELT, 25.02.2003
Russland stellt Beutekunst ins Internet

Kulturminister Schwydkoj unterstützt Recherche:
deutsche Forscher sollen in russischen Depots forschen dürfen

von Jens Hartmann

Moskau - Die russische Regierung hat ein Internet-Projekt vorgestellt, in dem Beutekunst via Internet gesucht werden kann.

Auf der Website

www.restitution.ru

werden unter der Rubrik „Verlorene Schätze“
die Bestände russischer Museen und Schlösser gezeigt,
die von der Wehrmacht geplündert wurden.

Bislang sind der Katharinenpalast in Zarskoje Selo, wo sich einst das Bernsteinzimmer befand, das Schloss Pawlowsk, die Tretjakow-Galerie und das Russische Museum aufgelistet.
Diese Verlustliste soll „ein Standardwerk für alle Kunsthändler und Auktionshäuser werden“. Denn in den vergangenen Jahren sind immer wieder Kunstwerke, die die Wehrmacht mitgenommen hatte, auf dem russischen Kunstmarkt aufgetaucht.


Teil zwei der neuen Website listet Beutekunst aus Deutschland auf, die man in Russland Trophäenkunst nennt.
Nach russischen Schätzungen lagern in den Archiven und Museen 200 000 Beutekunstwerke. Deutschland spricht von 200 000 Kunstwerken, 4,6 Millionen Büchern und drei Kilometern Archivgut.
Im Internet sind erst mehrere Tausend Kunstwerke zu sehen, denn die Katalogisierung ist noch lange nicht abgeschlossen.

Viele Museumsdirektoren wissen nicht, was in ihren Depots lagert. Schwydkoj will bis 2005 Ordnung in die Bestände bringen lassen.


Auf den Websites des Kulturministeriums sind 19 russische Museen mit ihren Beutekunstbeständen aufgelistet:
vom Puschkin-Museum in Moskau bis zum Staatlichen Schtschussew-Architekturmuseum.
Auch die Lenin-Bibliothek, in der unter anderem noch eine Gutenberg-Bibel lagert, sowie Provinzmuseen wie die Kaliningrader Staatliche Universität, die Regionalbibliothek von Smolensk oder das Museum von Pskow listen ihre Bestände auf.
Die St. Petersburger Eremitage mit dem größten Bestand an Beutekunst soll demnächst dazu kommen. Rund 850 Gemälde, 300 bis 400 Zeichnungen, mehr als 6 000 Gegenstände aus der Ostasiatischen Sammlung des Berliner Museums für Völkerkunde sowie 12 000 Gegenstände, die größtenteils aus dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte stammen, lagern in der Eremitage.


Das Blättern auf den Internetseiten ist wie ein Abtauchen in eine längst vergessen geglaubte Geschichte, denn viele Kunstwerke galten als verschollen.

Im Kulturministerium ist man besonders stolz darauf, dass man erstmals auch das Moskauer Puschkin-Museum und seine Direktorin Irina Antonowa „überreden“ konnte, einen Blick in ihre Sammlung zu erlauben.


Die Glasnost, die das Kulturministerium mit seinem Internetprojekt demonstriert, soll nur ein erster Schritt sein.
Minister Schwydkoj schließt nicht aus, dass in Zukunft auch deutsche Forscher Zugang zu den bislang verschlossenen Depots erhalten.


Artikel erschienen am 25. Feb 2003

 

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