| Bitburger Gespräche:
Gesetzgeber höhlt die Privatnützigkeit des
Eigentums aus
von Gernot Facius
Bitburg -
Edzard Schmidt-Jortzig,
letzter Bundesjustizminister der Regierung Kohl, rührt laut die
Trommel für eine neue gesellschaftspolitische Pro-Eigentums-Initiative.
Der FDP-Mann, der heute in Kiel Rechtswissenschaften lehrt, beobachtet
"mit Sorge", dass der Gesetzgeber durch eine Flut staatlicher
Eingriffe und Regulierungen die Privatnützigkeit des Eigentums
als tragende Säule des freiheitlich-marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems
"sukzessive" aushöhle.
Private, unternehmerische Initiative werde dadurch erstickt, zum Schaden
nicht nur für Einzelne, sondern "den Wohlstand aller",
klagte Schmidt-Jortzig bei den 42. Bitburger Gesprächen, einem
Diskussionskreis hochkarätiger Juristen und Rechtspolitiker um
Altbundespräsident Roman Herzog.
Die Prominentenrunde war sich einig:
Eigentum als Ordnungsidee dürfe nicht in die Defensive gedrängt
und kurzsichtigen Staatsanstrengungen und Umverteilungsverlangen nachgeordnet
werden; es gelte, einer sozialkritischen Eigentumsskepsis entgegenzuwirken.
Für den Kölner Professor Otto Depenheuer, wie Schmidt-Jortzig
in
der "Deutschen Stiftung Eigentum" engagiert, ist Eigentum
auch in Zukunft ein Stachel im Fleische der Gleichheitsgesellschaft.
Man habe es aktuell nicht mehr mit einer offenen Infragestellung des
Privateigentums zu tun, sein politischer Erfolg, "ja der derzeit
grassierende Privatisierungstaumel der Politik" könnte allerdings
die hinter
der rechtlichen Garantie stehende ordnungsstiftende und gemeinwohldienliche
Idee vergessen machen und das Gespür für Gefährdungen
schwächen.
Die philosophischen und politischen Gegensätze, die um das Eigentum
oszillierten, seien viel zu tiefgründig in der Geistesverfassung
der Menschheit verankert, um durch die historische Entwicklung ein für
allemal aufgehoben zu sein.
Es scheine ein überkommendes Paradigma zu sein, bedauerte Depenheuer,dass
die Politik das Gemeinwohl nur gegen den privaten Eigentümer sichern
könne. Demgegenüber erinnerte der Rechtsgelehrte daran, dass
Eigentum im Sinne des politischen Konservatismus stets pflichtgebunden
verstanden worden sei.
Bischof Reinhard Marx (Trier),einer der führenden katholischen
Sozialethiker, beschrieb eine doppelte Aufgabe:
Privateigentum sei einerseits vor kollektivistischer Vereinnahmung zu
schützen, andererseits müsse eine "soziale Ordnung und
eine Begrenzung für den Liberalkapitalismus" gefunden werden.
Der frühere Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof entfaltete
die Ordnungsidee des Eigentums als eine positive und zivilisationshervorbringende
Errungenschaft. In Anlehnung an das von ihm entworfene radikal vereinfachte
Steuermodell forderte Kirchhof, die "erdrosselnden Steuern"
zu senken, gleichzeitig aber Subventionen und umstrittene Steuersparmodelle
zu beseitigen.
Artikel erschienen am 15. Jan 2004
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