| Presse |
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Die Welt vom 16.08.2004 |
| Ein Volk von Demonstranten
Kolumne von Konrad Adam Der Leipziger Pfarrer Christian Führer hatte es sich so schön ausgedacht, aber nun sind ihm auch die Berliner zuvorgekommen. Heute wollen sie sich auf dem Alexanderplatz zu ihrer ersten Montagsdemonstration versammeln, um gegen Hartz IV zu protestieren. Führer hatte es sich anders vorgestellt, er wollte das vertraute Ritual, eine Mischung aus Gottesdienst und Schweigemarsch, erst zwei Wochen später, am 30. August, wieder aufleben lassen. Ihm war entgangen, daß in Deutschland der Widerstand gegen jedwede Reform schneller vorankommt als die Reform selbst. Deswegen hat er jetzt das Nachsehen. "Wir sind das Volk", der bespöttelte Slogan von damals: Jetzt wird er endlich wahr. Wenn es ans Heiligste, an den Besitzstand geht, wird aus den Deutschen ein Volk von Demonstranten. Das Land, glaubt Führer, befinde sich in einer ähnlichen Situation wie damals, in der Wendezeit des Jahres 1989. Noch einmal eine Wende also, aber wohin? Das weiß man nicht, Führer und seine Mitdemonstranten auch nicht. Niemand, weder die Lautsprecher der CDU noch diejenigen der PDS, haben erkennen lassen, was sie an Stelle der Regierung täten. Nicht nur aus diesem Grunde unterscheidet sich die Situation von der im Herbst des Jahres 1989. Wer vergessen hat, für was und gegen was damals demonstriert worden ist, sollte sich die ersten Szenen des Kassenfüllers "Good bye, Lenin" in Erinnerung rufen. Oder einen der vielen Augen- und Ohrenzeugen befragen, die auf dem Leipziger Augustusplatz damals mit dabei waren. Die Ordnungskräfte hatten sich gut vorbereitet: Auf den Dächern der hohen Häuser, die den Platz umstanden, hatten sie, für alle sichtbar, Maschinengewehre aufgebaut. Die Demo-Teilnehmer hatten dagegen nicht viel mehr aufzubieten als ihren Mut. Sie wußten, auf was sie sich einließen; sie wußten aber auch, daß dies den Einsatz wert war. Der jetzige, der zweite Teil der friedlichen Revolution, spielt unter anderen Bedingungen. 15 Jahre Vollalimentation nach westlichem Muster haben die DDR-typische Versorgungsmentalität zwar überlagert, jedoch nicht eigentlich verändert. Die Montagsdemonstranten verteidigen das Produkt aus beidem, sie wollen östliche Staatsfürsorge auf westlichem Niveau. Bei ihren Aufzügen spielt das Maskottchen der deutschen Versorgungsindustrie, der dynamische Frührentner, die Hauptrolle. Wohlgenährt, die Trillerpfeife zwischen den welken Lippen und die Kappe des großen Bruders Gewerkschaft auf dem Kopf, beschwört er eine Tradition, die es nicht gibt. Er protestiert nicht mehr gegen Leute wie Honecker, Mielke oder Krenz, überhaupt nicht gegen irgendetwas Lebendiges, sondern gegen etwas Abstraktes, den so genannten Sozialabbau. Die Demonstranten wenden sich gegen das, was dabei herauskommt, wenn man Begriffe wie Selbstverantwortung und Eigenvorsorge Ernst nimmt. Dem Pfarrer Christian Führer ist das freilich nicht genug. Er will beweisen, daß seine Leute nicht nur gegen, sondern auch für etwas sind. Die Frage ist dann nur, für was. Die richtige Antwort hieße vermutlich: Für das Recht, dauerhaft auf Kosten anderer leben zu dürfen. 15 Jahre des westlichen, des weichen, und 40 Jahre des östlichen, des harten Sozialismus haben die Menschen vergessen lassen, daß es, vielleicht, ein Recht auf Arbeit gibt, ein Recht auf einen festen Arbeitsplatz jedoch nicht. Es kann dieses Recht deshalb nicht geben, weil es sein Gegenstück, die Verpflichtung, einen anderen mit Arbeit zu versorgen, auch nicht gibt. Der Real-Sozialismus hat so getan, als ob er dieses Recht besäße; um welchen Preis, dürfte den Leipzigern bekannt sein. Um das Recht auf Arbeit nicht immer nur zu beschwören, sondern auch einzulösen, braucht die Regierung andere, die nicht zu Unrecht so genannten Arbeitgeber. In diese Rolle kann man keinen zwingen; dazu kann man bestenfalls ermuntern, und das geschieht am sichersten, indem man ihnen Freiheit lässt. Ob es das ist, für was die Leipziger Demonstranten unter Führers Führung auf die Straße gehen wollen: für die Freiheit des Unternehmers? Konrad Adam, geb. 1942, lebt und arbeitet in Berlin und Frankfurt/M. Er schreibt jeden Montag an dieser Stelle. f.d.R.: Günter Kleindienst, Journalist, 16. August 2004 |
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