| Herzog will Referendum
über EU-Verfassung
Druck auf Regierung und CDU wächst - Unverbindliche Volksbefragung
als Kompromiss vorgeschlagen
Berlin - In der Frage eines Referendums über die Europäische
Verfassung wächst der Druck auf Bundesregierung und CDU, eine Volksabstimmung
zuzulassen.
Überraschend schlug sich Altbundespräsident Roman Herzog
gestern auf die Seite der Befürworter einer Volksbefragung.
"Ja, die Bundesrepublik sollte wie Großbritannien und Frankreich
über die EU-Verfassung abstimmen", sagte der CDU-Politiker
den "Stuttgarter Nachrichten". Dafür wäre aber eine
Grundgesetzänderung nötig; diese bedarf einer Zweidrittelmehrheit
in Bundestag und Bundesrat.
Kanzler Gerhard Schröder lehnt ein Referendum bisher strikt ab.
Er habe mit Außenminister Joschka Fischer und den Grünen
eine feste Vereinbarung, wonach über die EU-Verfassung im parlamentarischen
Verfahren entschieden werde, sagte Schröder. Zuvor hatte der Kanzler
auch darauf hingewiesen, dass das Grundgesetz eine Volksabstimmung nicht
zulasse.
In diesem Punkt gerät die Regierung immer stärker unter Druck,
weil es nach Ansicht von führenden Verfassungsjuristen kein Problem
ist, das Grundgesetz zu ändern (siehe WELT-Umfrage). Das gilt auch
für CDU-Chefin Angela Merkel, die in dieser Frage den Schulterschluss
mit Schröder sucht: "Deutschland hat sich aus grundsätzlichen
Erwägungen gegen Volksbefragungen auf Bundesebene entschieden",
sagte die CDU-Chefin dem "Kölner Stadt-Anzeiger".
Den tatsächlichen Hintergrund des Neins zum Referendum ließ
jedoch der CDU-Europolitiker Peter Hintze erkennen.
Es handelt sich um Angst vor dem Volk.
Hintze reagierte entsetzt auf die Ankündigung Frankreichs, ein
Referendum abzuhalten. Damit habe Präsident Chirac eine "weitere
Hürde für dieses Jahrhundertprojekt" errichtet.
"Volksabstimmungen haben in der Vergangenheit häufig Status-quo-Entscheidungen
gebracht und den Fortschritt blockiert", so Hintzes Ansicht über
das Volk, von dem laut Grundgesetz alle Staatsgewalt ausgeht.
Doch auch in der CDU mehren sich die Stimmen für ein Referendum.
Der Vorsitzende der Jungen Gruppe in der Unionsfraktion, Günter
Krings: "Statt des Jammerns über die abnehmende Beteiligung
der Menschen an Parlamentswahlen, sollte man ihnen lieber in der Sache
etwas zu entscheiden geben."
In der CSU ist die Lage ohnehin eindeutig. Nach Parteichef Edmund Stoiber
rief auch Landesgruppenchef Michael Glos die Bundesregierung auf, ihre
Position zu überdenken. Es wäre europapolitisch nicht vermittelbar,
wenn Deutschland und Frankreich in einer solchen Grundsatzfrage unterschiedliche
Wege gehen würden.
"Ein Referendum wäre durchaus in der Lage, das Europabewusstsein
zu stärken", so Glos. Der europapolitische CSU-Sprecher Gerd
Müller erklärte:
"Das Projekt Europa wird auf Dauer nur funktionieren, wenn sein
demokratisches Fundament gestärkt wird."
Zuvor hatte FDP-Chef Guido Westerwelle an die anderen Parteien appelliert,
eine Volksabstimmung zuzulassen.
Nach einer Umfrage der Bürgeraktion "Mehr Demokratie"
sind knapp zwei Drittel der deutschen Mitglieder des Europäischen
Parlaments für eine Volksabstimmung über die EU-Verfassung.
Die Bürgeraktion hatte vor der Europawahl die Kandidaten der Parteien
befragt. Nach einer aktuellen Forsa-Umfrage befürworten 81 Prozent
der Deutschen ein Referendum über den Verfassungsvertrag.
Der Politologe Charles B. Blankart, der sich seit Jahren mit den Vorurteilen
gegen Volksabstimmungen auf Bundesebene beschäftigt, schlägt
als Kompromiss eine Volksbefragung vor. Diese könnte durch ein
einfaches Gesetz und ohne Grundgesetzänderung auf den Weg gebracht
werden. Eine solche Befragung hätte zwar für die politische
Entscheidungsfindung keinen bindenden Charakter, jedoch sieht Blankert
eine "hohe moralische Hürde" für die Politik, bei
einem negativen Ausgang der Befragung den Vertrag doch noch passieren
zu lassen. hl/MLU/lbk
Artikel erschienen am Sa, 24. Juli 2004
|