Presse

Die Welt vom 31.07.2004

Führung - und Zutrauen ins Volk

Leitartikel
von Dieter Stolte

(Auszug)


In der Diskussion über die Ausübung von Volksabstimmungen wird zu Recht darauf hingewiesen, dass das Grundgesetz als Folge der Erfahrungen mit der Weimarer Republik keine plebiszitären Entscheidungen vorsieht. Das war in der Phase des Wiederaufbaus politischer Strukturen in Deutschland richtig und hat sich in mehr als 50 Jahren bewährt.
Das gilt auch für das Grundgesetz.

Aber gilt das für immer, wenn überall in Europa die Wähler zu den Urnen gehen, um über elementare Fragen der Zukunftsgestaltung (Einführung einer europäischen Währung, Osterweiterung der EU, Genehmigung einer europäischen Verfassung) zu entscheiden?
Eine Grundgesetzänderung sollte einer solchen Entwicklung nicht im Wege stehen. Entscheidend ist jedoch, dass die Diskussion nicht aus aktuellem Anlass (Präsidentenwahl oder EU-Verfassung) vom Zaune gebrochen, sondern vom Grunde her geführt wird.
Die Verfassungsväter von heute haben allen Anlass, das gereifte Politikverständnis der Bürger neu zu bewerten.


Jede Führung braucht für besondere Entscheidungen eine demokratische Legitimation, die sie wirkungsvoll nur aus Sondervoten beziehen kann; sie bedarf ferner Vorbilder, die sich gerade in schwierigen Situationen als charakterstark erweisen und bei denen Denken und Handeln nachprüfbar übereinstimmen.
Trotz negativer Einzelfälle ist nicht zu bestreiten, dass es in Politik und Wirtschaft, in der Gesellschaft insgesamt, dafür mehr ermutigende Beispiele gibt, als wir gemeinhin anerkennen.
Wir verweisen eher auf die Wankelmütigen, die Verführbaren, die Entscheidungsschwachen und Opportunisten. Sie stehen mehr im Fokus des öffentlichen Interesses, als sie verdienen. "Nicht mal ignorieren" wäre hier die bessere Reaktion.


Stattdessen sollten wir uns an Vorbildern orientieren.

Je komplizierter nationale und globale Politik und Wirtschaft werden, desto mehr kommt es auf Persönlichkeiten an, die über Wissen und Erfahrungen und vor allem über einen Kanon von Werten verfügen, an denen sie ihr Handeln ausrichten.


Niemand ist aus sich heraus und allein zu allem in der Lage, es sei denn zu verwerflichen Taten. Jeder wird getragen von einer Gemeinschaft, einem Team, das ihn sowohl motiviert und voranbringt, aber auch berät und kontrolliert. Aus diesem Wechselspiel der Kräfte entstehen Führungswille und Durchsetzungsvermögen. Auf sie kommt es an, wenn Führung anerkannt werden soll.

http://www.welt.de/data/2004/07/31/312526.html

Datum   siehe auch: Verweise
       
       
       
       
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