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Kulturdenkmäler wie die Rammelburg bei Eisleben werden zu Schnäppchen-Preisen
versteigert — Auktionen in Berlin und Leipzig
Von Dankwart Guratzsch
Berlin — Es ist einer der schreienden Widersprüche der Wiedervereinigung:
das Schicksal der Schlösser, Herrensitze und Burgen in den neuen Bundesländern,
die den Alteigentümern nicht zurückgegeben wurden.
Da weder Bund noch Länder diese herrschaftlichen Anwesen zu unterhalten
vermögen, setzt sich unter demokratischen Verhältnissen fort, was der
SED-Staat aus ideologischen Gründen und materiellem Unvermögen billigend
in Kauf genommen hat: die Bedrohung dieser Kulturdenkmäler durch Vernachlässigung
und Verfall. Jetzt kommen sie teilweise zu Spottpreisen unter den Hammer.
So werden auch die Titelseiten der Sommerkataloge des größten deutschen
Immobilienauktionators Hans Peter Plettner wieder von Schlössern geziert.
Die Deutschen Grundstücksauktionen, Berlin, prunken für ihre Versteigerung
am 24. Juni in Berlin mit Farbfotos der romantischen Rammelburg, das
Tochterunternehmen, die Sächsischen Grundstücksauktionen, für ihre Auktion
am 8.Juli in Leipzig mit Abbildungen des Barockschlosses Diesbar-Seußlitz.
Wer die Kataloge durchblättert, wird feststellen, dass diese Angebote
nicht vereinzelt stehen. Die überwiegende Mehrzahl selbst schlichtester
städtischer und ländlicher Anwesen, die zur Versteigerung gelangen,
zeugt von einem kulturellen Niveau der Gestaltung, das selbst von den
besten Avantgarde-Architekten nicht einmal mehr in hochgestochenen Wettbewerben
erreicht wird.
Die Rammelburg, ein wahres Dornröschenschloß mit Türmen, Erkern, Giebeln,
prachtvollen Hallen und Sälen, liegt 20 Kilometer westlich von Eisleben
im Mansfelder Land. Allein die Ahnenreihe der Besitzer seit der ersten
Erwähnung 1256 füllt eine stolze Stammtafel.
Der Erzbischof von Magdeburg, die Grafen von Regenstein und der königliche
Hochbaurat von Ihre zählen zu den einstigen Schloßherren, die unter
den Stuckdecken und den Ringleuchtern gewandelt sind, die prachtvoll
ausgestatteten Renaissance-Tore und -Türen durchschritten und sich vor
dem riesigen Kamin gewärmt haben.
Mit 195 000 DM Mindestgebot erreicht das Schloß mit seinen 2900 Quadratmeter
Nutz- und 8336 Quadratmeter Grundstücksfläche gerade mal den Angebotspreis
einer 60 Quadratmeter großen 1-2-Zimmer-Eigentumswohnung.
Schloß Diesbar-Seußlitz, 1725 vom Geheimen Rat und Kanzler Graf Heinrich
von Bünau im Weinbaugebiet bei Meißen erbaut, verdankt seine glanzvolle
Gestalt dem Dresdner Ratszimmermeister George Bähr, demselben, der als
Baumeister der Dresdner Frauenkirche Weltruhm erlangt hat.
Dass ein solches Anwesen mit Barockgarten, Englischem Garten, Kapelle,
Freitreppen, historischem Großem Saal und exquisitem Inventar wie Gemälden,
Büsten und stilgerechten Möbeln überhaupt zur Versteigerung kommt, muss
fast schon als Kuriosum erscheinen. Dass es mit einer Nutzfläche von
2850 Quadratmeter und einer Grundstücksgröße von 24661 Quadratmetern
für ein Mindestgebot von 495 000 DM geschieht, als kleine Sensation.
DIE
WELT Online
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