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Die WELT, 25.03.99
Schnäppchenjagd auf Prunkstücke

Auktionshaus versteigert herrschaftliche Gebäude - zu Schleuderpreisen

von Dankwart Guratzsch

Berlin - Wenn bis nächste Woche im Berliner "Palace"-Hotel 301mal der Hammer niedergegangen ist, sind Immobilien im Wert von 31 Millionen Mark zugeteilt. "Deutschlands größtes Grundstücksauktionshaus" - so nennt sich ein Unternehmen am Kurfürstendamm - versteigert sechs Tage lang im Auftrag privater und kommerzieller Eigentümer, darunter die Bundesrepublik Deutschland, Oberfinanzdirektionen, Städte und Gemeinden sowie alle fünf Niederlassungen der TLG Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft, den Gebäudeschatz ganzer Regionen.

38 Wohn- und Geschäftshäuser aus den neuen Bundesländern gehören dazu, bescheidene historische Fachwerkhäuser von 500 Mark aufwärts, aber auch noble Wassergrundstücke von der Ostsee über den Scharmützelsee bis in die Mittelgebirge.

Am Samstag sind bei der Auktion der Deutschen Grundstücks-Auktion AG die Prunkstücke dran: sieben Schlösser und Gutshäuser. Bei der Versteigerung der nach dem Zweiten Weltkrieg enteigneten, im Laufe langer Jahre heruntergewirtschafteten und von der Treuhand vielfach dem Verfall überlassenen Anwesen werden viele Altbesitzer, denen die Rückgabe verwehrt wurde, Bitternis empfinden: Die herrschaftlichen Gebäude werden für Schleuderpreise angeboten, für die man noch nicht einmal eine Eigentumswohnung bekommt. Einst waren sie der Stolz berühmter Familien und oftmals ganzer Regionen. Noch immer stehen sie an landschaftlich exponierten Stätten, auf Geländekuppen, in Parks, an Flüssen und am Rande von Naturschutzgebieten - Gebäude, die einmal Geschichte geschrieben haben und selbst Opfer der Geschichte geworden sind.

Schloß Coswig in der malerischen Elbaue zum Beispiel soll den Erwerber nur 175 000 Mark kosten - bei dieser Summe liegt das Auktionslimit. Zu der um einen Schloßhof gruppierten großzügigen Renaissanceanlage mit Schloßturm und verziertem Giebel zählen fünf Wohnungen und 4400 Quadratmeter Nutzfläche. Noch bis zum vergangenen Jahr vom Bundesarchiv genutzt, steht die nur fünf Kilometer vom berühmten Wörlitzer Park entfernte Schloßanlage seitdem leer.

Schloß Mallin am Rande des Müritz-Nationalparks in der Mecklenburgischen Schweiz thront in herrschaftlicher Lage über einem Schloßpark von 60 000 Quadratmetern. Zwei Teiche gehören zu der leider inzwischen verwilderten Gartenanlage. Der mit Giebeln, Türmen und einem Altan geschmückte Bau in Neorenaissance- und Barockformen ist 300 Jahre jünger als Coswig und Zeugnis herausragender Landschafts- und Architekturgestaltung des zu Ende gehenden Zeitalters des Historismus. Die durch Leerstand und ruinösen Verfall gezeichnete Anlage wird für ein Limit von 125 000 Mark angeboten.

Leer steht auch Schloß Helmsdorf in Sachsen - doch das stattliche, an ein Jagdschloß erinnernde Anwesen am Rande des Naturparks Sächsische Schweiz befindet sich - ganz im Gegensatz zu Mallin - in "gutem Erhaltungszustand", wie man im Auktionshaus lobt. Das erst vor 90 Jahren auf Grundmauern aus dem 16. Jahrhundert erbaute Schloß diente zu DDR-Zeiten als Schulungs- und Erholungsheim. In der Reithalle von 1908 hatte sich 1937 die Bäckerschule einquartiert. Trotz eines Grundstücks von 44 000 Quadratmetern und imposanter Ausstattung wird das Anwesen für gerade mal 350 000 Mark feilgeboten - knapp für die Hälfte des Preises, den allein die erst 1992 eingebaute neue Ölzentralheizung gekostet hat.

Daß für Bauwerke solcher architektonischer und handwerklicher Qualität in dieser Weise neue Besitzer gesucht werden, zeugt von einer Tatsache, die bislang niemand so recht wahrhaben wollte: Der Kulturbruch, der durch dieses Jahrhundert geht, ist noch immer nicht abgeschlossen. Zehntausendfach werden Ortsränder und Landschaft mit gestaltlosen Betonkisten zugemüllt - unter dem Segen derselben Ämter, die das kulturelle Erbe erst verwahrlosen ließen und jetzt verramschen.

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