Staatshehlerei Enteignungen
Presse
FAZ, 7.12.1997
Einstige DDR-Bürger müssen ihr Bodenreformland herausgeben
Die neuen Bundesländer beanspruchen es für sich / Betroffen sind vor allem die Erben der früheren "Neubauern"
kpk. FRANKFURT, 7. Dezember, Die neuen Bundesländer nehmen vielen ehemaligen DDR-Bürgern das sogenannte Bodenreformland wieder ab. Davon betroffen sind dem Vernehmen nach Zehntausende. Bei dem Bodenreformland handelt es sich um landwirtschaftliche Kleinflächen von fünf bis zehn Hektar. Dieses Agrarland, auch Siedlerland genannt, hatten die kommunistischen Herrscher der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in der unmittelbaren Nachkriegszeit an landlose und landarme Bauern, an Landarbeiter sowie an Flüchtlinge und Vertriebene ("Umsiedler") verteilt und die Verteilung als "demokratische Bodenreform" ausgegeben. Fünfundvierzig Jahre später, als sich Deutschland wiedervereinigte, wurde gesetzlich bestimmt, diesen "Neubauern" das Bodenreformland zu belassen und sie als Volleigentümer anzuerkennen. Auch die alten Eigentümer, denen das Land entschädigungslos weggenommen worden war, haben erklärt, die Neubauern dürften das Land behalten, sie erhöben keinen Rückgabeanspruch.

Inzwischen allerdings müssen es Neubauern und vor allem ihre Erben erleben, daß die ostdeutschen Länder sie aus dem Grundbuch wieder herausklagen und mit den Klagekosten belasten oder daß sie, wenn sie das Land verpachtet oder inzwischen verkauft haben, die Pachteinnahmen oder den Verkaufserlös samt Zinsansprüchen an das Land herausgeben müssen.

Dies geschieht seit längerer Zeit, ist aber erst kürzlich publik geworden - zum Beispiel auf einer Tagung in Stendal zur "Bodenreform in Sachsen-Anhalt - Durchführung, Zeitzeugen, Folgen", veranstaltet von der Gesellschaft für Demokratie und Zeitgeschichte dieses Bundeslandes und der Stiftung Schlösser, Burgen und Gärten des Landes Sachsen-Anhalt.

Dort berichtete der Sohn eines Umsiedlers, der im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern aus dem Sudetenland vertrieben worden war, seine Mutter habe die 3,1 Hektar Ackerland bei Magdeburg, erworben. für 2000 Mark aus der "Bodenreform" und bald darauf zwangskollektiviert, jetzt an den Staat Sachsen-Anhalt geben müssen. Seine Familie habe im Sudetenland zwei Bauernwirtschaften und drei Häuser verloren, die Wegnahme ihres bißchen Bodenreformlandes sei jetzt die zweite Enteignung die eines angeblichen Rechtsstaates. Auch in ostdeutschen Zeitungen wird über diese "zweite Enteignung" berichtet. Leserbriefe mit Schilderungen einzelner Schicksale schließen sich diesen Berichten an.

So ist zum Beispiel der 64 Jahre alte Schlosser Werner Döring seit 1993 als Erbe eines Stück Bodenreformlandes seiner Eltern in Schadeleben im Grundbuch als Eigentümer eingetragen. Aber weil er am Stichtag den "falschen" Beruf hatte, gilt er als nicht "zuteilungsfähiger Erbe". Daher verlangt das Land Sachsen-Anhalt, daß er das Land unentgeltlich herausgibt. Die vorläufige Klageabwehr des Landes hat ihn schon um fast 5000 DM Anwaltskosten ärmer gemacht. Zieht das Land vor Gericht, ist er nicht nur das Land los, sondern muß auch die Prozeßkosten tragen.

So hat das Amt für Landwirtschaft und Flurneuordnung Lieselotte Bartel aus Plötzkau aufgefordert, ihre sechs Hektar Ackerland herzugeben. Der Grund auch hier: als Erbin nicht zuteilungsfähig. Sie hatte in der LPG nur drei Jahre gearbeitet und sich dann nur noch ganz um die Erziehung ihrer neun Kinder gekümmert. Zwar hat ihr Mann mehr als dreißig Jahre lang in der LPG gearbeitet - aber das zählt nicht, denn nicht er ist der Erbe.

So hat auch der 55 Jahre alte arbeitslose Maschinenbauer Ernst Schulz aus Wittenberg, der seit 1994 im Grundbuch steht, seine geerbten 5,5 Hektar Ackerland durch Klage des Landes schon verloren. Da er das Land verpachtet hatte, verlangt das Land nun auch noch die Herausgabe der Pachteinnahmen von 1991 bis 1996 und droht Schulz abermals mit einer Klage. Der Rechtsstreit hat ihn schon mehr als 25 000 DM gekostet. Die Mitteldeutsche Zeitung, der die drei Beispiele entnommen sind, stellt fest: "Bisher hat Sachsen-Anhalt fast alle Prozesse gewonnen".
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