Presse
FAZ - 06.09.2001
Wer Helmut Kohl ehren will, muß sich warm anziehen

von Bernd Heptner (F.A.Z.)

Hintergründe einer mißglückten Preisverleihung

MARBURG, 5. September. Wer heutzutage auf die Idee kommt, Helmut Kohl für seine Verdienste zu ehren, der muß mit Widerständen rechnen - mögen diese Verdienste selbst auch unbestritten sein. Dies mußten kürzlich Professoren der Philipps-Universität in Marburg erfahren. Dort sollte der frühere Bundeskanzler den Savigny-Preis des Fachbereichs Rechtswissenschaften erhalten. Die Auszeichnung, die für besondere Leistungen auf dem Gebiet des Verfassungsrechts vergeben wird, sollte Kohls "überragende verfassungshistorische Verdienste um die deutsche Einheit und um den europäischen Einigungsprozeß" würdigen.

Als der Plan ruchbar wurde, gab es an der Universität und in der Öffentlichkeit so heftige Auseinandersetzungen, daß Kohl von sich aus auf den Preis verzichtete und die schon geladenen Gäste - vom Laudator Roman Herzog über Hans-Dietrich Genscher bis zu Roland Koch und Ruth Wagner - wieder ausgeladen werden mußten. Zurück blieben in Marburg einige, die vielleicht historische Weitsicht, aber nicht unbedingt Mut oder politisches Fingerspitzengefühl für sich reklamieren können.

Die Idee, Helmut Kohl am 25. September den Savigny-Preis zu verleihen, hatte nach eigenem Bekunden der Dekan des Fachbereichs Rechtswissenschaften, Steffen Detterbeck, Professor für Öffentliches Recht. Nach seiner Darstellung war die gesamte Professorenschaft des Fachbereichs - politisch nicht gerade ein Hort des Konservativismus - schon Ende Mai über den Plan unterrichtet worden. Eine breite Mehrheit der Professoren habe sich, bei einigen Enthaltungen, für die Preisverleihung ausgesprochen. Am 18. Juni sei dann der Präsident der Philipps-Universität, der Medizin-Professor Horst Franz Kern, über die geplante Preisvergabe in Kenntnis gesetzt worden. Kern habe sich einverstanden erklärt und eine Begrüßungsansprache zugesagt. Mitte August habe der Präsident dann noch einmal die inzwischen gedruckte Einladung schriftlich angenommen.

Aus der Sicht Detterbecks wäre alles glatt verlaufen, wenn nicht die Berichterstattung in den Medien und die Diskussionen an der Universität einen negativen Verlauf genommen hätten. Da wurde Erstaunen darüber geäußert, daß ausgerechnet ein Rechts-Preis an jemanden verliehen werden sollte, der - in der CDU-Spendenaffäre - durch "Rechtsbrüche" in die Schlagzeilen geraten sei. Auch wurde Anstoß daran genommen, daß das Preisgeld in Höhe von 10 000 Euro von der gemeinnützigen Dr.-Reinfried-Pohl-Stiftung kommen sollte, wo doch Pohl ein Kohl-Freund und CDU-Spender sei. Daß Pohl als Mäzen - und inzwischen Ehrensenator - die Philipps-Universität schon seit Jahren mit hohen Summen unterstützt, ging dabei ebenso unter wie der Umstand, daß Kohl das Preisgeld der Fachbereichsbibliothek hatte zukommen lassen wollen.

Am 23. August beanstandete der Universitätspräsident das Preisvergabe-Verfahren und forderte Detterbeck zur Einberufung einer außerordentlichen Fachbereichsratssitzung auf. Offenkundig hatte Kern angesichts der öffentlichen Diskussionen kalte Füße bekommen. Es entwickelte sich ein Disput darüber, ob das Dekanat oder aber der Fachbereichsrat befugt sei, über Auszeichnungen zu befinden. Detterbeck ist der festen Überzeugung, daß dies eine Angelegenheit des Dekanats sei, und verweist auf das neue Hessische Hochschulgesetz, in dem die Befugnisse des Fachbereichsrats abschließend geregelt seien. Ehrungen und Auszeichnungen seien darin nicht aufgeführt. Auswärtige Rechtsgutachten stützen inzwischen Detterbecks Auffassung.

Doch warum hat der Dekan, wenn Auszeichnungen ohnehin Sache des Dekanats sein sollen, Ende Mai die Professoren, nicht aber die wissenschaftlichen Mitarbeiter und Studenten von seinen Plänen in Kenntnis gesetzt? Hochschulrechtler in Wiesbaden fragen sich, ob es sich bei dem Savigny-Preis des Fachbereichs Rechtswissenschaften nicht doch um eine Angelegenheit "grundsätzlicher" Bedeutung und mithin eher um eine Sache des Fachbereichsrats handelt. Doch selbst, wenn Detterbeck formal recht haben sollte: Es war wohl ein politischer Fehler, um Unterstützung bei jenen nachzusuchen, bei denen er der Zustimmung weitgehend sicher sein konnte, aber vorerst jene auszuschließen, bei denen er Zweifel hatte. Solches Vorgehen mußte mehr Argwohn wecken als nötig. Und dies hat Detterbeck in eine Defensiv-Position geführt, in der er plötzlich niemanden mehr an seiner Seite hatte.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.09.2001, Nr. 207 / Seite 4

 

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