Presse
FAZ - 04.06.2002

Zu schnell privatisiert, zu wenig aufgepaßt

Was der Nitrofen-Skandal mit der deutschen Einheit zu tun hat / Die Folgen der übereilten Politik der Treuhand / Von Frank Pergande


POTSDAM, 3. Juni. Von Anfang an gab es den Verdacht, daß es mit der deutschen Einheit zu tun haben müsse, wenn plötzlich in Lebensmitteln und Futtermitteln das Pflanzenschutzmittel Nitrofen nachgewiesen wird. Denn in der alten Bundesrepublik ist der Wirkstoff seit 1988 verboten. In der DDR oder in den neuen Ländern galt das Verbot erst von 1990 an. Restbestände konnten noch bis 1994 verwendet werden. Verboten waren außer Nitrofen drei bis vier weitere Wirkstoffe und alle Produkte, die sie enthielten. Zuerst wurde vermutet, daß Nitrofen über den Boden in den Weizen eines Öko-Bauern in der Uckermark gelangt sein könnte. Allerdings mochte niemand glauben, daß ein so hoher Wert der Belastung allein durch den Boden in die Pflanze gelangt war.

Seit Samstag ist bekannt, daß es nicht der Ackerboden war, sondern der Boden einer Lagerhalle, in der zu DDR-Zeiten Pflanzenschutzmittel gelagert worden waren. Das Nitrofen und möglicherweise auch andere Wirkstoffe, die als giftig eingestuft werden, waren in den Betonboden eingedrungen, in die Ritzen und in den Staub. Wer die Halle fegte, half auch noch dabei, die Nitrofen-Belastung zu erhöhen.

Die Lagerhalle steht in Malchin in Mecklenburg-Vorpommern und hat eine Fläche von zweitausend Quadratmetern. In der DDR war hier ein Depot für Pflanzenschutzmittel. Ein Teil der Menge war die sogenannte Staatsreserve für den Krisenfall für die drei DDR-Nordbezirke (aus denen 1990 im wesentlichen das Land Mecklenburg-Vorpommern wurde). Nach dem Ende der DDR gab es verschiedene Nutzer für die Halle. Der Futtermittelbetrieb in Neubrandenburg, die inzwischen mit allen zehn Niederlassungen geschlossene Norddeutsche Saat- und Pflanzengut AG, lagerte hier erst seit dem vergangenen Jahr Getreide. Gleichzeitig ist auch ein Bootsbauer dort untergekommen, was zeigt, daß keineswegs nur landwirtschaftliche Betriebe solche Anlagen der ehemaligen DDR-Landwirtschaft nutzen.

Diese Betonhalle wie überhaupt die Landwirtschaft der DDR zu privatisieren war vor zehn Jahren für die Treuhand eine der schwierigsten Aufgabe überhaupt. Schwierig war sie vor allem wegen der Eigentumsverhältnisse. Die ehemaligen Besitzer von Grund und Boden östlich der Elbe, die nach dem Krieg enteignet worden waren, wollten ihre Betriebe wiederhaben. Die Bodenreform nach dem Krieg hatte in der sowjetischen Besatzungszone die Eigentumsverhältnisse auf den Kopf gestellt. Der Bodenreform folgte wenige Jahre später die Kollektivierung der Landwirtschaft. Am Ende gab es im wesentlichen nur noch zwei Formen der Agrarproduktion: das genossenschaftliche Eigentum in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) und das Volkseigentum in den Volkseigenen Gütern (VEG). Es gab in der DDR fast viertausend LPG und mehr als fünfhundert VEG, die zusammen etwa zwei Millionen Hektar bewirtschafteten. 1990 hatte die Treuhand begonnen, so schnell wie möglich landwirtschaftliche Betriebe zu verkaufen. Erlöse mußten her, denn es war Auftrag der Treuhand, die Kosten der deutschen Einheit mitzuerwirtschaften. Erst nach und nach stellte sich heraus, daß die DDR-Landwirtschaft wie überhaupt die DDR-Wirtschaft keineswegs so leistungsfähig gewesen war, wie sie sich selbst stets dargestellt hatte. Ebenso stellte sich heraus, daß die Interessenlagen so kompliziert wurden, daß die zentralen Entscheidungen über die Privatisierung der DDR-Landwirtschaft sozusagen auf höchster Ebene beim Kanzler getroffen wurden. Die Alteigentümer wollten ihr Land wiederhaben oder wenigstens ausreichend entschädigt werden. Die alten LPG verwandelten sich in GmbH. Viele von ihnen wurden, geschickt und oft schlitzohrig geführt von den ehemaligen Vorsitzenden, schnell zu leistungsfähigen Landwirtschaftsbetrieben. Einige von diesen Betrieben erkannten, daß sie die größten Marktchancen haben würden, wenn sie ökologische Landwirtschaft betrieben. Die Treuhand-Politik brachte bis zum Ende der Treuhand 1994 immer wieder neue Verwertungskonzepte hervor. Oft widersprach die eine Linie der folgenden. Auch hier war die Aufgabe unterschätzt worden, beide Teile Deutschlands zusammenzuführen.

Die intensive Landwirtschaft in der DDR hat die Umwelt stark belastet, nicht zuletzt durch den Einsatz von Chemikalien, aber auch durch Melioration. Die Folgen sind bis heute sichtbar. Auch grassierte in den landwirtschaftlichen Großbetrieben Verantwortungslosigkeit. Als vor einer Woche am Anfang des sogenannten Nitrofen-Skandals ein Öko-Bauernhof in der Uckermark als der Schuldige ausgemacht schien, fiel die Verdächtigung nicht zuletzt deshalb so leicht, weil es auf dem Hof so aussieht wie fast überall in ehemaligen sozialistischen Landwirtschaftsbetrieben: ziemlich verkommen. Der Landwirt dort hatte allerdings den Hof erst vor ein paar Monaten übernommen. Das Geschäft ist schwierig. Es fehlt das Geld, um den Hof umzubauen. Nach dem Ende der DDR hatte sich hier einer der vielen Glücksritter angesiedelt, Fördergelder bekommen und schließlich wieder aufgegeben. In dieser Zeit verkamen die Anlagen noch mehr. Daß hier dennoch der neue Eigentümer ordentlich wirtschaftet, zeigten die Laboruntersuchungen. Wohl ein halbes Dutzend solcher Nitrofen-Untersuchungen wurden inzwischen auf dem Hof gemacht. Alle waren negativ. Der brandenburgische Landwirtschaftsminister scherzte vor ein paar Tagen, das sei jetzt der sicherste Hof Deutschlands. Der Landwirt allerdings sieht das weniger humorvoll: Er verlangt jetzt Schadenersatz.

So verkommen die Betriebe der DDR-Landwirtschaft aussahen, keinesfalls darf man ihnen unterstellen, sie hätten Pflanzenschutzmittel einfach so gelagert, wo gerade Platz war. Wo Pflanzenschutzmittel gelagert worden sind, wurde auf Sicherheit geachtet. Kein Unbefugter durfte hinein. Die Landwirtschaftsbetriebe hatten gemeinsam sogenannte Agrochemische Zentren (ACZ) als "zwischenbetriebliche Einrichtungen" gegründet. Als Faustregel könnte man sagen: Auf jeden DDR-Kreis kam ein solches ACZ. Die ACZ lagerten nicht nur die Pflanzenschutzmittel, sie hatten auch die Spezialisten, die über Anwendung und Dosierung entschieden. Daß ausgerechnet ein altes Lager für Pflanzenschutzmittel wie in Malchin als Lager für Öko-Weizen diente, hat offenbar mit der übereilten Treuhandpolitik von Anfang der neunziger Jahre zu tun. Ohne Auflagen, ohne Kontrollen, ohne ausreichende Informationen wurde privatisiert. Das schien damals zunächst der einzig richtige Weg. Nun aber dürften die Folgekosten enorm werden, denn die Landwirtschaftsministerien in Bund und Ländern müssen jetzt einen Weg finden, alle ehemaligen Lager für Pflanzenschutzmittel, die heute noch landwirtschaftlich genutzt werden, zunächst zu finden und dann zu untersuchen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.06.2002, Nr. 126 / Seite 3

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