"Rechtsstaatliche Erosion"
kpk. POTSDAM, 17. November. In Deutschland hat seit 1990 eine "rechtsstaatliche
Erosion" stattgefunden. Diese Ansicht hat der Potsdamer Anwalt
Thorsten Purps auf einem "Sonderkongreß" der Aktionsgemeinschaft
Recht und Eigentum (ARE) in Potsdam vertreten. Die Gemeinschaft vertritt
die Interessen der Opfer, die im Gebiet der einstigen Sowjetischen Besatzungszone
und DDR von staatlichen Organen politisch verfolgt, enteignet oder auf
andere Weise geschädigt worden sind. In ihr sind 14 Vereinigungen
dieser Opfer gebündelt.
Purps sagte, es gehe dabei um "die schwerwiegenden Folgen einer
geänderten Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu Eigentumsfragen
seit 1990". Er zieht aus seiner "Bestandsaufnahme" den
Schluß, "daß Eigentumsrechte in den neuen Bundesländern
weder durch den Bundesgesetzgeber noch durch die Rechtsprechung der
ordentlichen Gerichte und des Bundesverfassungsgerichts hinreichend
geschützt werden. Bis zur Wiedervereinigung habe das Bundesverfassungsgericht
als "Fels in der Brandung" gegolten und national wie international
einen tadellosen Ruf genossen. Doch dessen Rechtsprechung habe erheblich
an Vertrauen eingebüßt.
Begonnen habe das mit seiner Entscheidung zum Ausschluß der Rückübertragung
von Grundstücken, die Gegenstand besatzungshoheitlicher und besatzungsrechtlicher
Sequestration gewesen seien. Unter dem Schlagwort "Generelle Neugestaltung
eines Rechtsgebiets" sowie "Grundlegende Veränderung
der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse"
habe das Gericht den Regelungs- und Gestaltungsspielraum des Gesetzgebers
in höchst bedenklicher Weise erweitert. Nicht zuletzt deswegen
werde der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zunehmend
angerufen. Auf der gleichen Veranstaltung hat der Präsident der
Internationalen Assoziation ehemaliger politischer Gefangener und Opfer
des Kommunismus, Imre Knezovic aus Zagreb, an Regierungen und Gesetzgeber
appelliert, sich für diese Opfer um Wiedergutmachung zu bemühen
und das ihnen rechtsstaatswidrig entzogene Eigentum zurückzugeben.
"Gefangene wurden wir, weil sie unser Eigentum haben wollten",
sagte er. Der Historiker Manfred Wilke von der Freien Universität
Berlin setzte sich dafür ein, der Bundestag solle abermals eine
Enquete-Kornmission bestellen, die dritte. Die beiden vorangegangenen
Kommissionen (1992 und 1994) hatten das SBZ/DDR-Unrecht aufarbeiten
sollen. Für die dritte Komrnission schlägt er als Aufgabe
vor "Das vereinigte Deutschland - Eine Zwischenbilanz des Aufbaus
Ost".
Abschrift FAZ 18.11.02, Seite 4 file:jus11
|