Presse
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2003,

Ruine und Ruin der Geschichte

Vor 1000 Jahren wurde das Kloster Ilsenburg gegründet, erst seit kurzem wird es restauriert / Von Karl Feldmeyer

ILSENBURG, 19. Juni. Für Ilsenburg - ein winziges Städtchen am Ostrand des Harzes, auf halber Strecke zwischen Goslar und Wernigerode gelegen - ist dieser Freitag ein ganz besonderer Tag. Der Ministerpräsident kommt und mit ihm die Bischöfe von Magdeburg und der Evangelischen Kirchenprovinz Sachsen. Sie gedenken der Gründung des Klosters Ilsenburg, die sich zum tausendsten Male jährt. Die Aufmerksamkeit zeigt die besondere Bedeutung Ilsenburgs. Zum einen ist dieses Kloster das erste auf deutschem Boden, das nach dem Vorbild von Cluny gebaut wurde - jenem Kloster, dessen um das Jahr 1000 beginnende Reformbewegung den weiteren Verlauf des europäischen Mittelalters bis hin zu Luthers Reformation stark prägte.

Das Kloster Ilsenburg, oder das, was von ihm nach tausend Jahren noch geblieben ist und wiederhergestellt wurde, ist somit nicht nur ein landschaftlich schön gelegener Ort und ein historisches Baudenkmal. Es ist ein Ort der europäischen Geistesgeschichte.Denn was in Cluny in Lothringen begann und dann nach Ilsenburg und in das im Schwarzwald gelegene Kloster Hirsau übersprang, prägte Europa.

Hier ging es um Papst und Kaiser, um geistliche und weltliche Macht, hier wurde mit Worten und Schwertern gekämpft. Hier ging es um den Dualismus, der Europa veränderte und den Verfall des Mittelalters einleitete. Der damalige Abt Burchard II. holte sich Mönche aus dem Benediktiner-Kloster von Cluny, um sich an die Spitze der Bewegung zu setzen, die sich für den Primat des Papstes über den Kaiser engagierte. Er bekämpfte Kaiser Heinrich IV., der sich 1077 in Canossa Papst Urban II. unterwerfen mußte, während er sein Kloster zu einem Zentrum der Papisten ausbaute. Sein Nachfolger Herrand und die Mönche mußten vor der Rache des Kaisers fliehen und das Kloster vorübergehend verlassen. Es waren nicht die letzten Zerstörungen, die das Kloster erlitt. Die Bauernkriege taten 400 Jahre später ein übriges. Was übrig blieb, mußte wiederum hundert Jahre später den Dreißig-jährigen Krieg erdulden - und schließlich auch noch die DDR,die den Rest verkommen ließ.

So ist das frühere Kloster heute nur noch ein Torso. Was es einst war und wie es aussah, muß man sich auf Rekonstruktionszeichnungen zeigen lassen. Sehenswert ist der Rest dennoch. Warum das so ist, das hat seine eigene Bewandtnis - und ist schon der zweite Grund, sich des Jubiläums anzunehmen. Diese Geschichte beginnt im Jahre 1572 und reicht bis zum heutigen Tag, dem 20. Juni 2003.

Damals erwarb Graf Christoph zu Stolberg-Wernigerode, der bis dahin als Administrator gewissermaßen Verwaltungschef des Klosters gewesen war, die Gebäude als Eigentum. Seither ist das Kloster rechtmäßiges Eigentum seiner Nachfahren. Es wurde 1945 durch die sowjetische Besatzungsmacht rechtswidrig enteignet. Das war ein Unrechtsakt, den die Bundesregierung und das Bundesverfassungsgericht nach der Wiedervereinigung nicht aufhoben, sondern bestätigten.

Die Stolbergs hatten sich in Ilsenburg alsbald eingerichtet, bauten das einstige Abtsgebäude zum Schloß und Witwensitz aus und regierten von hier aus, bis sie 1710 wieder nach Wernigerode gingen. 1862 entstand ein neues Schloß. Andere Teile wurden anderweitig genutzt. Dann kam das Jahr 1945, und mit ihm kamen die Russen. Die Stolbergs flohen in den Westen. In Hessen, wo sie ebenfalls begütert sind, fanden sie eine neue Heimat. Die alte Heimat aber blieb in ihrem Bewußtsein präsent, auch in dem der Frau, von der im Zusammenhang mit Ilsenburg die Rede sein muß: Maria Fürstin zu Stolberg-Wernigerode. Dabei war sie damals, als die Russen kamen, noch gar keine Fürstin, sondern eine Freiin von Maltzahn, die vom elterlichen Gut ebenfalls flüchten mußte. Die innere Verbindung zu den Orten, die für die Stolbergs - sie sind mehr als 900 Jahre urkundlich im Harz belegt - wie für die Maltzahns über Jahrhunderte Heimat waren, blieb davon aber unberührt.

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, gab es für sie nichts zu überlegen. An Heiligabend war die Familie mit ihren vier Kindern samt Anhang in Wernigerode. Gleich der erste Besuch führte auch nach Ilsenburg, aber mehr als ein Blick durch Zäune und Absperrgitter war nicht möglich. Die nächsten Besuche vertieften den desaströsen Eindruck. Nur das einstige Schloß hatte die DDR als Gästehaus für die eigene Prominenz intakt überstanden: Der letzte Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz, stieg dort ab, wenn er im Harz auf die Jagd ging. Die Kirche war beschädigt, konnte aber zu Konzerten noch genutzt werden. Die beiden Langhäuser des einstigen Klosters, das frühere Refektorium und das Dormitorium mit einem Kapitelsaal im Erdgeschoß, waren einsturzgefährdet. Sie hatten früher den Kreuzgang im Süden und im Osten begrenzt. In ihren Dächern klafften große Lücken, das Gebälk des Dachstuhls war teilweise verfault, im Boden hatten sich Hobbyarchäologen betätigt und riesige Löcher hinterlassen. Beide Gebäude sahen aus wie Ruinen.

Daß die Bundesregierung nicht bereit war, das Diebesgut der Kommunisten an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben, stand im Einigungsvertrag. Die Stolbergs aber hofften, es wenigstens zurückkaufen zu können; denn zum Verkauf wurde die Ilsenburg von der Treuhand wie sauer Bier angeboten. Der Stadt Ilsenburg wurde die gesamte Anlage für eine Mark angeboten - sie lehnte dankend ab.

Die Stolbergs waren bereit, mehr zu zahlen - vergebens.
Die Verhandlungen zogen sich hin.
Die Fürstin aber störte das nicht. Sie wollte nicht warten und gründete einen Freundeskreis für die Rettung der Ilsenburg, putzte Klinken und sammelte Geld - mit so großem Erfolg, daß das einstige Dormitorium mit seinem kunstgeschichtlich besonders wertvollen Kapitelsaal 1993 einen intakten Dachstuhl und eine neue Bedeckung erhalten konnte. Die gut 700 000 Mark, die zusammengekommen waren, hatten sogar zum Kauf der Dachpfannen für den zweiten Bau, das Refektorium, gereicht. Sie lagen auf dem Hof vor dem Gebäude bereit.

Da traf die Nachricht ein, das Anwesen sei verkauft, nicht an die Stolbergs, denen es - wenn es nach dem Grundgesetz ginge - ja ohnehin gehörte, sondern an einen Hotelier aus Westdeutschland, der vor allem an dem einstigen Schloß als Hotel interessiert war. Damit war die Voraussetzung für den Fortgang der Rettungsarbeiten beseitigt, denn nun war allein der neue Besitzer zuständig und handlungsberechtigt. Er hatte wohl auch Auflagen für die Restaurierung akzeptiert - aber das Geld, sie zu erfüllen, fehlte ihm. So blieb alles beim alten. Der Verein holte seine Ziegel wieder ab, das Refektorium verfiel weiter, und die Fürstin Stolberg, die längst ein häufiger Gast in Wernigerode und Umgebung geworden war, mußte es mit ansehen

Der neue Besitzer restaurierte nicht - aber er war kooperationswillig. Als sich wegen mangelnden geschäftlichen Erfolgs das Ende seines Engagements abzeichnete, willigte er in den Vorschlag der Fürstin ein, der Stiftung "Kloster Ilsenburg", die sie gründen wollte, als Zustifter beizutreten und die beiden ungenutzten Gebäude, Refektorium und Dormitorium, in die Stiftung einzubringen. Damit schuf er die Voraussetzung für die Gründung der Stiftung und die Wiederaufnahme der Rettungsarbeiten. Im August 2000 wurde die Stiftung - es ist die erste und bisher einzige privatrechtliche Stiftung für kulturelle Zwecke in Sachsen-Anhalt - gegründet und zudem ein Freundeskreis, der sich um Spenden bemüht.

Das Geld fließt inzwischen, nicht zuletzt durch die Unterstützung des Kultusministeriums in Magdeburg. Mehr als eine Million Euro sind seit August 2000 zusammengekommen, genug, um das Refektorium neu mit Dach und Dachstuhl zu versehen, den Innenraum mit seinen Gewölben und romanischen Säulen zu restaurieren und den Fußboden wiederherzustellen. Seit Anfang dieses Jahres ist es wieder begehbar. Dormitorium und Kapitelsaal müssen dagegen noch warten, bis sich die Kasse wieder gefüllt hat. Aber das wird dank des Engagements der Initiatorin nicht allzu lange auf sich warten lassen. So wird das ehemalige Kloster künftig auch davon künden, daß die Wurzeln jener, die zuerst Opfer der Kommunisten und dann derjenigen wurden, die ihr Diebesgut nicht zurückgegeben, sondern verkauft haben, nicht ausgerissen werden konnten.

Die Geschichte der Rettung des Klosters Ilsenburg ist nun auch die Geschichte der Schmach derer, die das Recht gebeugt haben.

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