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DIE ZEIT 30.04.2001

Ein Fehler, weil zu schlau

Je mehr Angela Merkel ins politische Taktieren gelockt wird, desto schneller verblasst ihr bisher so untaktisch-authentisches Image: Die bedingungslose Aufklärerin wird zu bedingten Verschweigerin. Wie schade, weil zu dumm…

Von Robert Leicht

Eine Mond- oder eine Sonnenfinsternis kommt nicht alle Tage – und wenn sie da ist, muss man sie flugs beobachten, sonst ist sie vorbei, für lange. Im politischen Leben der Angela Merkel treffen nun Mond- und Sonnenfinsternis auf den selben Tag – und nun kann man vieles auf einmal beobachten, ein für alle Mal. Vor allem: den Untergang – na, sagen wir vorsichtshalber: die Verfinsterung – eines einst so leuchtenden Sterns. Und noch eines: wie sehr und schnell die Politik selbst intakte Personen versehren kann…
Erst erfahren wir: Kiep hat mit einem Mal eine Million, die ihm – möglicherweise, nicht ganz auszuschließen, nicht eindeutig zuzuordnen – nicht so recht gehört, der CDU überwiesen, der sie auch nicht so recht gehört, weil das Geld niemandem zu Recht gehört. Auftritt Merkel: Kieps Auftreten ist eine Zumutung – für die Öffentlichkeit und die CDU! Nun erfahren wir: Angela Merkel wusste von dieser zumutungsreichen Überweisung schon seit dem 21. März – also seit über einem Monat. Aber warum hat sie niemandem etwas gesagt, sondern dieses kontaminierte Geld und dieses kontaminierende Wissen erst einmal für sich behalten?

Hier fängt nun die Politik an! Der 21. März – das war vier Tage vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Wäre Angela Merkel sofort an die Presse gegangen – es wären ihr alle CDU-Granden an die Gurgel gefahren, die ihr jetzt das Schweigen vorhalten: Dann hätte nicht Kiep mit seiner Überweisung, sondern Merkel mit ihrem Waschzwang die Wahlergebnisse verschmutzt. Und wenn Merkel die Sache unmittelbar nach den Wahlen offenbart hätte, am 26. März zum Beispiel? Dann hätte die Meldung nicht nur den Sieg von Teufel verdunkelt, sondern alle Konkurrenten der CDU wären ihr an den Hals gegangen, weil sie mit ihrer Verzögerung die Wahl der CDU befördert habe. Und so scheint die gefundene Lösung aus politisch taktischen Gründen erst einmal recht apart: Vom 21. bis zum 25. März – diese wenigen Tage reichten doch für eine rechtliche Prüfung des in der Tat mysteriösen Vorgangs nicht wirklich aus. Wo also liegt der Fehler? Nun, zumindest darin, dass es nicht Frau Merkel selber war, die den Vorgang in der Hand behielt – und selber öffentlich machte. Und so kommt es dann zu dem PR-Desaster: Erst tut Frau Merkel so, als reagiere sie mit Abscheu und Überraschung auf eine Neuigkeit – dann erfahren wir, dass sie davon als erste und schon lange wusste.

Das Dumme ist: Irgendwie kann man das Verhalten von Frau Merkel zum einen so gut verstehen – und zum anderen so leicht als falsch durchschauen. Und was war nun falsch? Ganz einfach: Handle immer so, wie Dir zumute ist – und tue nichts, was Du glaubst, Deiner Rolle zu schulden! Fehler machst Du sowieso – in der Politik, im Beruf, im privaten Leben. Dann aber mache nicht noch den zusätzlichen Fehler, Deine Identität verbiegen zu lassen. Bleibe also immer – Naturereignis. Dann geht zwar immer noch vieles schief – aber Du selber stehst gerade da!

Das ist gut und einfach gesagt, nicht wahr? Vor allem hinterher!

(c) DIE ZEIT

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