| Presse |
| Süddeutsche Zeitung , 27.02.01 |
| Wenn die Justiz müde ist | |
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Und führe uns
nicht in Berufung Ein Vorsitzender Richter am Landgericht hat keine Lust auf ein Berufungsverfahren. Also wickelt er den Fall hinter den Kulissen ab, mit bösen Folgen . . . Dies ist keine ganz wahre Geschichte, sondern eine böse Satire. Aber so und ähnlich spielt sich manches an deutschen Gerichten ab. Der Autor muss es wissen: Er ist Jugendrichter am Amtsgericht Regensburg. Erich Lex; Lex wie Gesetz, Dr. jur., Vorsitzender Richter am Landgericht. Mit 43. Berufungskammer. Wenn ich vom Schreibtisch aufstehe und ans Fenster trete, schaue ich auf zwei Welten mit einem einzigen Blick: Die Gloria-Allee und Schloss Bimsstein, wo sie im Namen des Volkes hinter Eisenstäben ihre Strafen verbüßen. Nein, beim besten Willen, eine Rechtsgutverwandtschaft mag ich nicht zu erkennen zwischen den Bildern. Richten am Landgericht, das ist nicht immer ein Honiglecken. Da klopft es an die Tür, und ein grinsender Wachtmeister rollt dir lautlos auf Gummirädern eineinhalb Meter Mord und Totschlag ins Zimmer. Als Richter bin ich da, um es zu richten. In Zeiten der Überproduktion von Verbrechen heißt das, du musst Akten entschärfen, um zu überleben. Eine-Akte-Entschärfen ist wie Eine-Bombe-Entschärfen: nach Möglichkeit nicht anfassen ist oberstes Gebot. Den Frischlingen, unter mir beim Amtsgericht, will das noch nicht in den Schädel. Die durchstöbern selbst die Schriftstücke und Asservatenlisten, schleppen sich an Wochenenden das Verbrechen noch im Koffer nach Haus. Nach drei, vier Jahren hat Kollege Familienrichter ihre Ehen geschieden. Meine Ehe ist stabil. Und das bei steigenden Eingangszahlen. In den Sommermonaten nehme ich die Tennistasche erst gar nicht aus dem Kofferraum. Ab elf wartet immer ein Kollege auf der roten Asche unseres Clubs Weißblau auf einen Kollegen. Wer eine Bombe entschärft, muss über gute Nerven verfügen. Meistens geht so eine Operation geräuschlos über die Bühne. Beim Richter am Amtsgericht schwört ein Kahlköpfiger Stein und Bein, dass nicht er es war, der beim Fest der Bayern mit einem Baseballschläger gegen den Hinterkopf eines türkischen Gyroshändlers geschlagen hat. Diese türkische Würstchenbude, schön, die hat er zertrümmert. Hat dem ausländischen Mitbürger zu diesem Behufe auch mal ins Kreuz gestoßen, räumt der Verteidiger ein. Aber allenfalls mit der gefausteten Hand. Drei Tage lang tut sich der Kollege vom Stockwerk tiefer 19 Zeugen an. Drei Tage lang hindert er seine Schöffen, eine Lehrerin und einen Schuster, an der Ausübung ihres Berufs. Dem Skinhead, wie er ihn nennt, beschert er wegen gefährlicher Körperverletzung mittels eines Baseballschlägers und Sachbeschädigung eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Die er nicht zur Bewährung aussetzt. Mir, dem Berufungsrichter, beschert er ein Urteil von 56 Seiten und einen Konfliktverteidiger, von dem alle wissen, dass er selbst schwülwarme Sommerabende nicht gern im Freien verbringt. An einem regnerischen Märztag terminiere ich auf Donnerstag, den 16. Juni. Vorsichtshalber kreuze ich alle 19 Zeugen an, die in der Anklage aufgeführt sind. Am 21. April benennt der Verteidiger fünf weitere Zeugen zur Entlastung. Am Dienstag, dem 14. Juni, vertiefe ich mich zwischen halb zehn und halb elf in die Akte. Sicher, man kann alles nur mit den Augen des Gesetzes sehen. Doch das menschliche Auge sieht tiefer. In Situationen wie dieser vertraue ich auf die kommunikative Kraft des Telefons. Der Anwalt hat meinen Anruf erwartet. Am Montag schon könnte sein Mandant bei der Firma Metall-Kant Teile zurichten. Die Haare fangen auch schon wieder zu wachsen an . . . Die Zeugen, sagt er, Sie wissen, die kommen von nah und fern. Das zieht sich garantiert in den Freitagabend, ja, in die nächste Woche hinein. Das ist gut möglich, antworte ich. Brauchen wir sie denn wirklich; die Zeugen, Herr Vorsitzender?, fragt er mich sanft. Den Baseballschläger, schlägt er vor, den nehmen wir vom Richtertisch. Ach!, sage ich, Ihr Mandant ist also zwischenzeitlich geständig? Mitnichten, antwortet er. Aber wollen Sie wirklich einem jungen Menschen mit einem Baseballschläger seine Zukunft verbauen? Es ist nicht seine erste Körperverletzung, gebe ich zu bedenken. Menschen ändern sich, und wir sollten sie nicht daran hindern, sagt er pathetisch. Eine Bombe entschärfen, dazu gehören manchmal zwei. Auf die Mitwirkung der Staatsanwaltschaft bin ich angewiesen. Dass Staatsanwälte meistens nicht in die Sitzungen geschickt werden, für die sie die Anklage verfasst haben, kommt der zügigen Abwicklung meines Verfahrens zugute. Zwei Minuten nach diesem Gespräch stehe ich Frau Schlüssel-Vorberg in ihrem Büro gegenüber. Mit einem charmanten Lächeln hebt sie die dünne Handakte hoch und lässt sie mit gespieltem Bedauern auf ihren Schreibtisch fallen. Mehr weiß ich nicht, entschuldigt sie sich. Erst vor einer Stunde hat mich der Leitende OStA für diesen Donnerstag eingeteilt. Als ich ihr Büro fünf Minuten später verlasse, stimmt Frau Staatsanwältin Schlüssel-Vorberg mit mir darüber ein, Teile zu richten bei Metall-Kant diene der Resozialisierung mehr als Tütenkleben in einer JVA. Alle Zeugen abladen! Auch den Sachverständigen! Noch vor dem Mittagessen! Und zwar per Telefon. Sitzungsbeginn 8 Uhr, Urteilsverkündung um viertel nach zehn. 2 Jahre Freiheitsstrafe. Mit Bewährung. Um 10.30 Uhr allseitiger Rechtsmittelverzicht. Beim Schleifchenturnier in München habe ich pünktlich um 13 Uhr aufgeschlagen. Um 16 Uhr war ich vom Sekt beschwipst. Fast immer geht so eine Operation geräuschlos über die Bühne. Doch das Entschärfen von Bomben ist eine gefahrgeneigte Arbeit. Und irgendwann platzt so eine Bombe mitten in die Stille hinein. Wenn keiner mehr damit rechnet. Jetzt stehe ich wieder am Fenster. Es ist Oktober geworden. Unsere Gloria wirft ihre Blätter ab, nach und nach. Im Schloss Bimsstein vis-à-vis sitzt dieser Glatzkopf ein. Trübsinnig starrt er an den Eisenstäben vorbei in eine Freiheit, die er verspielt hat. Für nichts und wieder nichts. Nur zwei Wochen hat er auf Bewährung bei Metall-Kant Teile zugerichtet. Dann einen Schwarzen auf offener Straße. Der jetzt keinem Gericht der Welt mehr als Zeuge mehr zur Verfügung steht. Ich bleibe dabei: Das menschliche Auge sieht tiefer. Aber in den Kopf hinein kann man doch keinem sehen. |
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Quelle: Süddeutsche Zeitung |
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