StaatshehlereiEnteignung
Presse
Der Spegel, 19/2000
Robina Hood

Von den Sowjets nach 1945 enteignete Junker erhalten neuerdings unerwarteten Beistand ­ aus der PDS.


Dem Kampf um entgangenen Familienbesitz im Osten widmet Wolfgang Haars aus Salzgitter viel Zeit und Papier. Immer wieder schreibt er Behörden und Politiker an ­ stets in der Hoffnung, sie könnten ein "schreiendes Unrecht" wieder gutmachen: die Enteignung von 107 Hektar Land samt Gutshaus im thüringischen Etzdorf kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Zuletzt korrespondierte Haars, seit 28 Jahren Mitglied der CDU, mit den 669 Abgeordneten des Bundestags. Doch die Briefe blieben meist unbeantwortet. Bestenfalls erhielt Haars ein kurzes Formschreiben, vom SPD-Parteivorstand sogar versehen mit einem unmissverständlichen Postscriptum: "Ich gehe davon aus, dass unser Schriftwechsel in dieser Angelegenheit nunmehr abgeschlossen ist."
Gehör fand der verhinderte Agrarier ausgerechnet dort, wo er es nie vermutet hätte ­ bei der SED-Nachfolgerin PDS. Die Dresdner Bundestagsabgeordnete Christine Ostrowski (PDS) äußerte in ihrer Antwort nicht nur großes Verständnis für das Schicksal der Familie Haars, sondern schlug gleich noch parlamentarische Aktivitäten in Sachen Bodenreform vor. Einen detaillierten Fragenkatalog an die Bundesregierung legte sie als Anlage bei.
Haars war begeistert. "Umso mehr hat mich erfreut, dass Sie als Einzige konkrete Vorschläge gemacht haben, wie man gegen dieses Unrecht mit parlamentarischen Mitteln legal angehen kann", schrieb er an Ostrowski.
Die Abgeordnete will zwar die Bodenreform der ehemaligen Besatzungsmacht in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) im Prinzip nicht in Frage stellen. Aber sie vertritt den Standpunkt, wer nachweislich unrechtmäßig enteignet wurde, müsse "Anspruch auf Entschädigung" haben. Und die solle der Staat bezahlen ­ aus den Erlösen von Verkäufen der Bodenreform-Grundstücke, die nach dem Einigungsvertrag dem Bund zugeschlagen wurden.
Dass bei der Enteignung durch die Sowjets in der Nachkriegszeit nicht alles nach Recht und Gesetz zuging, steht für die PDS-Genossin fest: "Nicht alle Enteigneten waren Nazis und Kriegsverbrecher." Selbst in Russland, so hat Ostrowski recherchiert, seien "7000 Fälle als unrechtmäßige Enteignungen eingestuft" worden.
Doch das Plädoyer für die Junker bringt die Dresdner PDSlerin in den eigenen Reihen in Bedrängnis. Für die PDS gehört die durch den Einigungsvertrag von 1990 im Nachhinein sanktionierte entschädigungslose Enteignung von Großgrundbesitzern zwischen 1945 und 1949 in der SBZ zu den absoluten Tabus. Daran zu rühren gilt als Ketzerei. Erst im vergangenen Jahr startete die Bundestagsfraktion eine Initiative, um auch die Erben der Enteignungsnutznießer wirksamer schützen zu können.
Eiligst distanzierten sich denn auch die Genossen von der Abweichlerin. Als Erste erklärte Ostrowskis Parlamentskollegin Evelyn Kenzler, rechtspolitische Sprecherin der Fraktion, sie sei, "vorsichtig gesagt, nicht gerade einverstanden mit dem, was Frau Ostrowski sagt". Fraktionschef Gregor Gysi wurde deutlicher: Wer an der Bodenreform rüttle, "gefährdet den Rechtsfrieden und schafft ­ ob er oder sie es will oder nicht ­ neues Unrecht".
Auch Ostrowskis Landesvorsitzender Peter Porsch beteuerte, eine Korrektur der Bodenreform sei in der sächsischen PDS kein Thema. Wenn die Genossin Ostrowski "die Robina Hood für einige alte Bauern spielen möchte", so Porsch patzig, könne er sie nicht daran hindern.
Mit dem schnellen Bekenntnis zur reinen Lehre wollen die Kader offenbar eine inhaltliche Diskussion in der Partei über die Rechtmäßigkeit der Enteignungen durch die Sowjets verhindern. Denn solche "hoch emotional besetzten Themen" (Porsch) könnten die Debatte um den künftigen Kurs der Partei empfindlich stören.
Nachdem sowohl der PDS-Vorsitzende Lothar Bisky als auch Fraktionschef Gysi für den Herbst ihren Rückzug angekündigt haben, steht der Partei eine heftige Auseinandersetzung ins Haus, wer die Postkommunisten künftig in welche Richtung führen soll. Als aussichtsreichste Bewerberin für den Vorsitz gilt die Berliner PDS-Chefin Petra Pau. Aber vor der Wahl im Herbst sollen die Kandidaten auf Regionalkonferenzen der Parteibasis Rede und Antwort stehen.
Dabei spielen die Altgenossen von der SED, welche die Betonbasis der Partei bilden, eine entscheidende Rolle. Schon bei der "kleinsten Deutelei an der Bodenreform", glaubt ein Spitzengenosse, seien die Folgen für die Parteiseele unkalkulierbar.
Junker-Freund Haars ist das ziemlich egal. Er findet es zwar ein bisschen "schade, dass es gerade jemand aus der PDS ist, der sich auf unsere Seite stellt", aber er hofft darauf, dass Ostrowskis Beispiel in der Christenunion Nachahmer findet. Haars: "Vielleicht fällt es ja jetzt auch einigen meiner Parteifreunde leichter, sich zu unserer gerechten Sache zu bekennen." ANDREAS WASSERMANN

(C) DER SPIEGEL 19/2000
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