Presse
Volksstimme Magdeburg am 26. Oktober 2001
Gotisches Haus in Wörlitz: Anhaltischer Adel kämpft um Rückgabe der Fürstenporträts

Wörlitz
- Zwei bedeutende anhaltische Fürstenporträts von Lukas Cranach dem Älteren, die seit 1945 als "Beutekunst" aus Dessau verschollen sind, wurden jetzt bei einem Kunsthändler in Wien wieder entdeckt.

Das Bemühen um eine "gütliche Rückführung" der Bilder ist zunächst gescheitert.

Entdeckungen bei einem Kunsthändler

Die blaue Wand im "Geistlichen Kabinett" des Gotischen Hauses in den Wörlitzer Anlagen hat einen Freiraum. Davor können Dr. Thomas Weiss, Direktor der Kulturstiftung DessauWörlitz, und Wolf v. Trotha, Treuhänder des Herzoglichen Hauses Anhalt, zunächst nur auf Buchseiten und Fotografien jene drei Fürstenporträts zeigen, die hier ursprünglich ihren Platz hatten.

Die Bilder der anhaltischen Fürsten Johann Joachim II. (1504-1551), Joachim (1509-1561) und Georg III. (1507/08-1553) stammen von Lukas Cranach d. Ä.

"Sie sind sowohl für die Kulturstiftung DessauWörlitz als auch für das Land Sachsen-Anhalt von großer kultur- und kunstgeschichtlicher Bedeutung", sagt Wolf v. Trotha. Es sind die einzigen nachgewiesenen Ahnenporträts anhaltischer Fürsten von Lukas Cranach d. Ä. Und sie sind 1532 entstanden, in jenem Jahr, als das Fürstentum Anhalt vom Katholizismus zum Protestantismus übertrat.

Seit 1945 sind die Gemälde verschollen.

Sie waren Bestandteil der bedeutenden Kunstsammlung, die das Herzogliche Haus von Anhalt auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt zusammengetragen hatte.

Wesentliche Sammlungsbestände waren nach 1918 im Privatbesitz des letzten regierenden Herzogs Joachim Ernst von Anhalt, der 1947 im NKWD-Sonderlager in Buchenwald starb
und 1992 von der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation als "Verfolgter politischer sowjetischer Repressionen" rehabilitiert wurde.

Der erhalten gebliebene letzte Herzogliche Gesamtbilderkatalog von 1937 weist für die Kunstsammlung des Hauses Anhalt einen Bestand von 2000 Gemälden auf. Sie hingen vor allem in den Schlössern Dessau und Ballenstedt sowie als Leihgaben in öffentlichen Museen.
Nach 1945 griffen Plünderung, Diebstahl, Enteignung und Sequestration arg in den Bestand ein.
"Nach 1989 konnte bisher erst der Verbleib von 200 Bildern nachgewiesen werden", so v. Trotha.

"Es liegt also noch eine immense Arbeit vor uns. Aber nun müssen wir nur noch 1778 suchen", verweist er auf die wieder entdeckten beiden Fürs-tenporträts von Johann Joachim II. und Joachim. Das von Georg III. wird noch vermisst. Die Bilder wurden 1945 vor Kriegsende im Tresor des Dessauer Residenzschlosses eingelagert. Seitdem ist ihr Weg unklar.

Der gesamte Beutekunst-Bestand des Herzoglichen Hauses Anhalt ist von der in Magdeburg ansässigen Koordinierungsstelle des Bundes und der Länder für Kulturgutverluste erfasst und unter "www.lostart.de" veröffentlicht.

Kürzlich wurden die Bilder bei dem Wiener Kunsthändler Boris Wilnitsky entdeckt, einem 1981 nach Österreich emigrierten Sowjetbürger. Bei der Besichtigung der Gemälde konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass es sich um die verschollenen Bilder handelt. Ihr Wert wird "im sechsstelligen Bereich" angegeben.

"Es gab den Versuch einer gütlichen Einigung zur Rückführung der Bilder. Inzwischen hat der Kunsthändler jedoch die Verhandlungen ohne ersichtlichen Grund abgebrochen, und eine einvernehmliche Lösung erscheint derzeit ausgeschlossen", erklärte der Treuhänder gestern in Wörlitz.
Man müsse gar befürchten, dass die Gemälde inzwischen wieder auf dem internationalen Kunstmarkt angeboten werden.

Deshalb wurde über das Referat des Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien das Auswärtige Amt um Schutz und diplomatische Unterstützung bei den österreichischen Behörden gebeten. Vor allem gehe es um die Sicherstellung der beiden Gemälde. Die Rechtsanwälte der Erbengemeinschaft des Hauses Anhalt prüfen zudem juristische Schritte gegen den Wiener Händler.

"Wir hoffen immer noch auf eine gütliche Einigung statt auf jahrelange Prozesse", ist sich Wolf v. Trotha mit dem dem Direktor der Kulturstiftung Dessau Wörlitz einig.

Das Herzogliche Haus von Anhalt hat sich bereits bereit erklärt, die beiden Fürstenbilder bei deren Rückführung der Kulturstiftung Dessau Wörlitz als Leihgaben zur Verfügung zu stellen. Sie könnten also wieder an ihren ursprünglichen Platz im "Geistlichen Kabinett" des Gotischen Hauses zurückkehren.

Von Antje Rohm

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