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Leipziger Volkszeitung Online vom 04.03.2002
Teppichfabrik: Bechtold-Tochter gibt noch einmal Gas

Erkenntnisse über die sogenannten B-Listen der Sowjets könnten jahrzehntelangen Rechtsstreit beenden / Erbanteile sollen auseinander dividiert werden

 

Teppichfabrik: Bechtold-Tochter gibt noch einmal Gas

Erkenntnisse über die sogenannten B-Listen der Sowjets könnten jahrzehntelangen Rechtsstreit beenden / Erbanteile sollen auseinander dividiert werden

Wurzen. Gela Becker, Tochter des ehemaligen Firmenchefs der Wurzener Teppichfabrik, will im Rechsstreit um den väterlichen Besitz vor Gericht noch einmal voll durchstarten. Ihre Motivation: Es gibt in Zusammenhang mit sogenannten B-Listen, die gewissermaßen als Enteignungsverbot durch die Sowjets zu verstehen waren, neuere Erkenntnisse, die dem jahrzehntelangen Rechtsstreit ein Ende setzen könnten. Zum anderen ist die diplomierte Ökonomin, die in Berlin lebt, jetzt bestrebt, konsequent die einzelnen Anteile der Erben von Arthur Bechtold schrittweise auseinander zu dividieren. "Mir sind vorerst die Hände gebunden, in Wurzen aktiv zu werden", bedauert die 57-jährige Tochter von Arthur Bechtold. Erbberechtigt sind außer ihr und der fast 90-jährigen Mutter zwei Kinder aus Bechtolds erster Ehe, die ihren Anspruch bereits an Nachkommen übertragen bzw. bei ihrem Tod vererbt haben. Jetzt will Gela Becker wenigstens das Flurstück mit dem Fabrikgebäude an der Alten Nischwitzer Straße und andere Wurzener Immobilien, die zu verfallen drohen, aus der opulenten Erbmasse lösen und in überschaubaren Zeiträumen ein tragfähiges Ergebnis anstreben.


Übereinstimmung scheint es in dieser Frage auch mit den Bechtold-Erben in Rheinland-Pfalz zu geben. "Wir tun alles, um Entwicklungen nicht zu behindern und eine Lösung zu finden, bei der jeder in seinem möglichen Rahmen aktiv werden kann", sagte Reimer Blank aus Bad Bertrich auf Anfrage unserer Zeitung. Seit vier Wochen sei er als Bevollmächtigter des Familienzweiges im Westen verstärkt mit Notaren in Verhandlung, um die Erbauseinandersetzung voranzubringen.


"Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich für den denkmalgeschützten Fabrikbau ein Investor finden lässt, der hier Atelierwohnungen oder Lofts etabliert. So etwas wird gesucht", bezieht sich Gela Becker auf den unkonventionellen Umgang mit Industriearchitektur, wie sie ihn aus deutschen Großstädten kennt. Für den westlich des Mühlgrabens gelegenen Teil des 114 629 Quadratmeter großen Firmengeländes hat sie andere Vorstellungen: Hier könnte ein Technologie-, Innovations- und Gründerzentrum entstehen, in dem Synergieeffekte genutzt werden, auch unter Beibehaltung von Weberei und Spinnerei. "Wenn sich Existenzgründer einbringen, den Schritt in die Selbstständigkeit riskieren, könnten unter Zuhilfenahme europäischer Förderprogramme für den Mittelstand Arbeitsplätze geschaffen werden, zwingend notwendig bei einer Arbeitslosenquote von 18,1 in der Region", hält sich Gela Becker trotz empfindlicher Enttäuschungen den Kopf für Visionen frei.


Teppichproduktion in Wurzen - für die Bechtold-Tochter ist dieser Zug nach wie vor nicht abgefahren. Sie denkt dabei allerdings eher an kleinere Brötchen, als sie einst in dem Unternehmen von Weltruf gebacken wurden, das ihr Vater in den zwanziger Jahren aufbaute. "Noch leben in Wurzen Teppichweber, die ihr Handwerk hier von der Pike auf gelernt haben. Man müsste ihr Wissen in einer Auffanggesellschaft bündeln und an die Jugend weitergeben, bevor es völlig versandet", bleibt sie pragmatisch.


Die Rehabilitation ihres Vaters und die Rückgabe des Familienbesitzes, die sie zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hat, sieht Gela Becker wieder in greifbarere Nähe gerückt. Bechtold war von der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) von jedem Vorwurf frei gesprochen worden, Stütze des NS-Regimes gewesen zu sein. Der Beweis: Das Unternehmen war vom Chef des SMAD auf eine sogenannte "Liste B" gesetzt worden. "Die Enteignung war nicht von sowjetischem Willen gedeckt", machte der Rechtsanwalt Stefan von Raumer in einer Fernsehsendung des mdr über die Wurzener Teppichfabrik die enorme Bedeutung dieser relativ spät aufgetauchten Listen deutlich. Aus fiskalischen Gründen wurden die Festlegungen der Sowjets seinerzeit von den deutschen Genossen ignoriert. Doch unter diesem Vorzeichen hätte das Unternehmen nach der Wende zurückgegeben werden müssen.


Gela Becker hat Berge von Archivmaterial durchforstet und ist auch auf eine Quittung über 5000 Reichsmark gestoßen. Das Geld hatte Bechtold 1947 nach der Freigabe des Betriebes, der von den Sowjets für Reparationsleistungen beschlagnahmt worden war, für Feierlichkeiten aus diesem Anlass ausgegeben. Die Russen hatten ihn als Treuhänder in seinem eigenen Betrieb eingesetzt. Den Schlüssel abgeben musste Bechtold erst 1948. Damals ahnte er nicht, dass er durch Verleumdungen von drei Betriebsräten nachhaltig um sein Lebenswerk gebracht sein sollte. Als sie widerriefen, waren die Behörden-Mühlen nicht mehr aufzuhalten.


Das Verfahren beim Verwaltungsgericht Leipzig liegt derzeit auf Eis. Ausgerechnet das Vermögensamt, das bei Rückübertragungen nie besonders forsch war, hat angeregt, die alte Geschichte vorerst ruhen zu lassen, weil Archivrecherchen in Moskau derzeit so gut wie unmöglich seien...


"Ich habe den Verdacht, dass die nicht anders können", vermutet Gela Becker. Sie jedenfalls will sich nach jahrzehntelangem Kampf nicht entmutigen lassen. Demnächst spricht sie beim Vermögensamt vor und will um Aufhebung des Enteignungsbescheides von 1995 bitten - eines Papiers, das nach der Gesetzeslage vor dem Hintergrund der sogenannten B-Listen ungültig ist.


Ingrid Leps

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