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Teppichfabrik: Bechtold-Tochter gibt noch einmal Gas
Erkenntnisse über die sogenannten B-Listen der Sowjets könnten
jahrzehntelangen Rechtsstreit beenden / Erbanteile sollen auseinander
dividiert werden
Wurzen. Gela Becker, Tochter des ehemaligen Firmenchefs der Wurzener
Teppichfabrik, will im Rechsstreit um den väterlichen Besitz vor
Gericht noch einmal voll durchstarten. Ihre Motivation: Es gibt in Zusammenhang
mit sogenannten B-Listen, die gewissermaßen als Enteignungsverbot
durch die Sowjets zu verstehen waren, neuere Erkenntnisse, die dem jahrzehntelangen
Rechtsstreit ein Ende setzen könnten. Zum anderen ist die diplomierte
Ökonomin, die in Berlin lebt, jetzt bestrebt, konsequent die einzelnen
Anteile der Erben von Arthur Bechtold schrittweise auseinander zu dividieren.
"Mir sind vorerst die Hände gebunden, in Wurzen aktiv zu werden",
bedauert die 57-jährige Tochter von Arthur Bechtold. Erbberechtigt
sind außer ihr und der fast 90-jährigen Mutter zwei Kinder
aus Bechtolds erster Ehe, die ihren Anspruch bereits an Nachkommen übertragen
bzw. bei ihrem Tod vererbt haben. Jetzt will Gela Becker wenigstens
das Flurstück mit dem Fabrikgebäude an der Alten Nischwitzer
Straße und andere Wurzener Immobilien, die zu verfallen drohen,
aus der opulenten Erbmasse lösen und in überschaubaren Zeiträumen
ein tragfähiges Ergebnis anstreben.
Übereinstimmung scheint es in dieser Frage auch mit den Bechtold-Erben
in Rheinland-Pfalz zu geben. "Wir tun alles, um Entwicklungen nicht
zu behindern und eine Lösung zu finden, bei der jeder in seinem
möglichen Rahmen aktiv werden kann", sagte Reimer Blank aus
Bad Bertrich auf Anfrage unserer Zeitung. Seit vier Wochen sei er als
Bevollmächtigter des Familienzweiges im Westen verstärkt mit
Notaren in Verhandlung, um die Erbauseinandersetzung voranzubringen.
"Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich für den denkmalgeschützten
Fabrikbau ein Investor finden lässt, der hier Atelierwohnungen
oder Lofts etabliert. So etwas wird gesucht", bezieht sich Gela
Becker auf den unkonventionellen Umgang mit Industriearchitektur, wie
sie ihn aus deutschen Großstädten kennt. Für den westlich
des Mühlgrabens gelegenen Teil des 114 629 Quadratmeter großen
Firmengeländes hat sie andere Vorstellungen: Hier könnte ein
Technologie-, Innovations- und Gründerzentrum entstehen, in dem
Synergieeffekte genutzt werden, auch unter Beibehaltung von Weberei
und Spinnerei. "Wenn sich Existenzgründer einbringen, den
Schritt in die Selbstständigkeit riskieren, könnten unter
Zuhilfenahme europäischer Förderprogramme für den Mittelstand
Arbeitsplätze geschaffen werden, zwingend notwendig bei einer Arbeitslosenquote
von 18,1 in der Region", hält sich Gela Becker trotz empfindlicher
Enttäuschungen den Kopf für Visionen frei.
Teppichproduktion in Wurzen - für die Bechtold-Tochter ist dieser
Zug nach wie vor nicht abgefahren. Sie denkt dabei allerdings eher an
kleinere Brötchen, als sie einst in dem Unternehmen von Weltruf
gebacken wurden, das ihr Vater in den zwanziger Jahren aufbaute. "Noch
leben in Wurzen Teppichweber, die ihr Handwerk hier von der Pike auf
gelernt haben. Man müsste ihr Wissen in einer Auffanggesellschaft
bündeln und an die Jugend weitergeben, bevor es völlig versandet",
bleibt sie pragmatisch.
Die Rehabilitation ihres Vaters und die Rückgabe des Familienbesitzes,
die sie zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hat, sieht Gela Becker wieder
in greifbarere Nähe gerückt. Bechtold war von der Sowjetischen
Militäradministration (SMAD) von jedem Vorwurf frei gesprochen
worden, Stütze des NS-Regimes gewesen zu sein. Der Beweis: Das
Unternehmen war vom Chef des SMAD auf eine sogenannte "Liste B"
gesetzt worden. "Die Enteignung war nicht von sowjetischem Willen
gedeckt", machte der Rechtsanwalt Stefan von Raumer in einer Fernsehsendung
des mdr über die Wurzener Teppichfabrik die enorme Bedeutung dieser
relativ spät aufgetauchten Listen deutlich. Aus fiskalischen Gründen
wurden die Festlegungen der Sowjets seinerzeit von den deutschen Genossen
ignoriert. Doch unter diesem Vorzeichen hätte das Unternehmen nach
der Wende zurückgegeben werden müssen.
Gela Becker hat Berge von Archivmaterial durchforstet und ist auch auf
eine Quittung über 5000 Reichsmark gestoßen. Das Geld hatte
Bechtold 1947 nach der Freigabe des Betriebes, der von den Sowjets für
Reparationsleistungen beschlagnahmt worden war, für Feierlichkeiten
aus diesem Anlass ausgegeben. Die Russen hatten ihn als Treuhänder
in seinem eigenen Betrieb eingesetzt. Den Schlüssel abgeben musste
Bechtold erst 1948. Damals ahnte er nicht, dass er durch Verleumdungen
von drei Betriebsräten nachhaltig um sein Lebenswerk gebracht sein
sollte. Als sie widerriefen, waren die Behörden-Mühlen nicht
mehr aufzuhalten.
Das Verfahren beim Verwaltungsgericht Leipzig liegt derzeit auf Eis.
Ausgerechnet das Vermögensamt, das bei Rückübertragungen
nie besonders forsch war, hat angeregt, die alte Geschichte vorerst
ruhen zu lassen, weil Archivrecherchen in Moskau derzeit so gut wie
unmöglich seien...
"Ich habe den Verdacht, dass die nicht anders können",
vermutet Gela Becker. Sie jedenfalls will sich nach jahrzehntelangem
Kampf nicht entmutigen lassen. Demnächst spricht sie beim Vermögensamt
vor und will um Aufhebung des Enteignungsbescheides von 1995 bitten
- eines Papiers, das nach der Gesetzeslage vor dem Hintergrund der sogenannten
B-Listen ungültig ist.
Ingrid Leps
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Leipziger Volkszeitung Online vom 04.03.2002
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