Presse
vom 06.05.2002

PRESSEKONFERENZ des
Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam
und des
Historisch-Dokumentarischen Departements des Außenministeriums derRussischen Föderation
am 20. Juni 2000 im Kronprinzenpalais

 

DOKUMENTATION

Jochen P. Laufer/Georgij P. Kynin (Bearb.)
DIE UDSSR UND DIE DEUTSCHE FRAGE 1941-1949
Band II: 9. Mai 1945 - 3. Oktober 1946

Die dauerhafte Begründung verbesserter Beziehungen bedarf vielmehr einer kritischen Aufarbeitung dieser problematischen Geschichte.
Noch immer stehen sich - in Deutschland wie in Rußland - überzogene Verdammungen des Ostens und des Westens (wie auch ihre naiven Umkehrungen) weitgehend unvermittelt gegenüber. Vor allem wird es deshalb notwendig sein, die historischen Kenntnisse und Perzeptionen über die gegenseitigen Feindbilder des Kalten Krieges hinaus zu entwickeln. Wichtigste Voraussetzung dafür ist die sorgfältige Arbeit mit den historischen Quellen, denn sie ermöglicht es, die Motive, Intentionen und Handlungen der jeweilig anderen Seite differenzierter zu sehen.
Im Unterschied zu der jahrzehntelangen Erforschung der Politik der westlichen Besatzungsmächte steht dieser Prozeß der detaillierten Untersuchung der staatlichen und parteilichen Aktenüberlieferung der Sowjetunion erst am Anfang.

Es braucht nicht betont zu werden, daß diese Forschungsarbeit für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte besonders wichtig ist, da der zweite deutsche Staat nicht zu Unrecht als ein "sowjetischer Homunculus" galt. Auch wenn diese Perspektive den Außeneinfluß überbetonen sollte, ist es wohl unbestritten, daß viele der politischen, wirtschaftlichen, militärischen und sogar kulturellen Entscheidungen der SED in Moskau vorbereitet oder gefällt wurden.

Zwar war Ostdeutschland nur ein vergleichsweise kleines Objekt russischer Außenpolitik, aber die Lösung der damit zusammenhängenden "deutschen Frage" war auch für die Zementierung sowjetischer Vorherrschaft in Ostmitteleuropa von entscheidender Bedeutung.
Deswegen ist die Untersuchung dieser Thematik für beide Seiten von erheblichem Interesse.

Das Zentrum für Zeithistorische Forschung hat die große wissenschaftliche Bedeutung der sowjetischen Akten von Anfang an erkannt und deswegen schon in seiner Entstehungsphase auf eine enge Zusammenarbeit mit russischen Archiven hingearbeitet - und hier ganz besonders mit dem Historisch-Dokumentarischen Departement des Außenministeriums der Russischen Föderation. Aus diesen 1993 einsetzenden Bemühungen ist eine außerordentlich fruchtbare deutsch-russische Zusammenarbeit entstanden zwischen Georgij P. Kynin aus Moskau und Jochen P. Laufer vom ZZF, die sich der gemeinsamen Herausgabe der deutschlandpolitischen Akten des russischen Außenministeriums gewidmet hat.
Vor drei Jahren konnte der erste Band dieser von der Thyssen Stiftung finanzierten Serie in Moskau im Beisein von hochrangigen Diplomaten und Wissenschaftlern vorgestellt werden.
Heute ist es mir deshalb eine ganz besondere Freude, Ihnen den zweiten Band der Serie mit dem Titel "Die UdSSR und die deutsche Frage 1945/46" präsentieren zu können, der das Wirken der sowjetischen Besatzungsmacht in den ersten achtzehn Monaten nach der deutschen Kapitulation behandelt. Die dort erstmals veröffentlichten Dokumente werfen ein neues Licht auf die sowjetische Politik der Überwindung des nationalsozialistischen Gegners und der Stabilisierung des Besatzungsregimes.
Sie zeigen aber gleichzeitig auch eine gewisse Unklarheit in bezug auf langfristige Strategien gegenüber dem besiegten Feind sowie die erheblichen Schwierigkeiten einer konstruktiven Zusammenarbeit mit den Westmächten. Ohne der inhaltlichen Vorstellung der Ergebnisse vorzugreifen, möchte ich betonten, daß eine deutsche Übersetzung dieser Edition, die von der deutsch-russischen Historikerkommission unterstützt wird, daher ein wichtiges Desiderat der historischen Forschung ist.
Deshalb ist es außerordentlich wichtig, die noch bestehenden Hindernisse des Zugangs zur Aktenüberlieferung durch ein eindeutiges politisches Signal von höchster Ebene zu überwinden.
Es ist verständlich, daß die russische Archivverwaltung nach der anfänglichen völligen Öffnung die Türen wieder etwas geschlossen hat.

Aber alte Gewohnheiten der Geheimhaltung haben keinen Platz in einem demokratischen Staatswesen. Auf die Dauer können nur Offenheit und Transparenz Skeptiker von den vernünftigen Gründen der eigenen Politik überzeugen. Was wir gemeinsam anstreben sollten, ist ein gegenseitiges demokratisches Geschichtsverständnis. Ich möchte daher meinen Willkommens-Gruß mit der Hoffnung schließen, daß der Beweis derartig produktiver Ergebnisse, wie sie hier vorgelegt werden, die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Archivaren aus Deutschland und Rußland erleichtern wird.


Botschafter Dr. Pjotr Stegnij, Botschafter Sergej Krylov


Dr. Pjotr V. Stegnij
Botschafter und Direktor des Historisch-Dokumentarischen Departements des
Außenministeriums der Russischen Föderation
"EIN MEILENSTEIN AUF DEM GROßEN LANGE WEG DER GEMEINSAMEN
ERFORSCHUNG UNSERER GESCHICHTE"
(Auszüge ausdem Grußwort)


Ich möchte mich im Namen der Leitung des Außenministeriums der Russischen Föderation bei den Bearbeitern des hier vorgelegten Quellenbandes, Georgij Kynin und Jochen Laufer, herzlich bedanken.
Die Tradition der gemeinsamen Arbeit an Dokumentarausgaben hat in den russisch-deutschen Beziehungen tiefe Wurzeln, die in das 19. Jahrhundert zurückreichen. Damals wurde im Ergebnis einer Vereinbarung beider Staaten der Briefwechsel zwischen Katharina der Großen und Friedrich dem Großen veröffentlicht.
Die hier vorgelegten Dokumente behandeln die Entwicklung der sowjetischen Außenpolitik bezüglich Deutschland in den ersten 18 Monaten nach dem Zweiten Weltkrieg.
Wir können uns gut daran erinnern, daß damals die internationale Politik in die Periode des Kalten Krieges eintrat.
Aus den Dokumenten tritt deutlich zutage, daß schon in den Jahren 1945/46 die Grundlagen für die deutsche Teilung festgelegt waren. Das ist wesentlich, weil wir meinen, daß die Dokumente bezeugen, daß diese Lage nicht durch irgendwelche vorausgeplanten Entscheidungen der Führung der Sowjetunion, - auch nicht ihrer damaligen Alliierten -, sondern vom Charakter und der inneren Logik der Beziehungen bestimmt wurde, die nach dem Kriege zwischen den Großmächten zustande kam.
Ich möchte meiner Freude über die positive Bewertung unseres Bandes durch die gemischte deutsch-russische Historikerkommission Ausdruck verleihen. Die heute vorgestellte Arbeit ist ein Meilenstein auf dem großen lange Wege der gemeinsamen Erforschung unserer Geschichte.


Sergej Krylov
Botschafter der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland
"EINE SEHR NÜTZLICHE ARBEIT"
(Auszüge aus dem Grußwort)


Vor fünf Tagen sind die führenden Persönlichkeiten unserer beiden Staaten in Berlin zusammengekommen. Es ist gelungen, zu einem neuen Verständnis zu finden und neue Vereinbarungen zu erarbeiten. All dies muß jetzt ausgefüllt werden.
Schon eine flüchtige Betrachtung des hier vorgestellten Bandes zeigt, wieviel Aufmerksamkeit die Sowjetunion damals Deutschland gewidmet hat. Diese Tradition gibt es heute und sie wird auch in der Zukunft wirksam sein.
Unsere gemeinsame russisch-deutsche Ausgabe veröffentlicht Dokumente, die von unserer Seite geheim gehalten wurden. Die Herausgabe des Bandes zeugt davon, daß wir jetzt ein ganz anderes Klima in unseren Beziehungen haben als das früher der Fall war. Ich hoffe sehr, daß dieser zweite Band, der heute vorliegt, und der dritte Band, der noch kommen wird, nicht die letzten sein werden, und daß auch die deutsche Übersetzung bald vorliegen wird.
Ich bedanke mich bei allen, die diese sehr nützliche Arbeit geleistet haben.

Staatssekretär Wolfgang Ischinger, Prof. Dr. Konrad H. Jarausch


Wolfgang Ischinger, Staatssekretär im Auswärtigen Amt
"EIN WERTVOLLER BEITRAG ZU EINEM BESSEREN VERSTÄNDNIS ZWISCHEN
DEUTSCHEN UND RUSSEN"


Es ist mir eine besondere Freude, heute an der Präsentation des zweiten Bandes der deutsch-russischen Editionsreihe "Die UdSSR und die deutsche Frage 1945/46" teilnehmen zu können.
Vor wenigen Tagen fanden in Berlin die dritten deutsch-russischen Regierungskonsultationen unter der Leitung von Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin statt. Mit ihnen haben wir ein neues Kapitel in unseren bilateralen Beziehungen aufgeschlagen und den Willen zu einer Fortsetzung und Intensivierung der partnerschaftlichen Zusammenarbeit in allen Bereichen bekräftigt.
Archive bewahren die Erinnerung. Sie sind Teil des historischen Gewissens. Ihre Erforschung hilft uns, die Vergangenheit mit ihren Akteuren und deren Motiven zu verstehen. Sie schafft Transparenz. Dieses Verständnis, diese Transparenz ist eine wichtige Voraussetzung für die politische Gestaltung der Gegenwart und der Entwicklung von Konzeptionen und Strategien für die Zukunft. Diese theoretische Erkenntnis hat durchaus praktische Bedeutung für das deutsch-russische Verhältnis.
Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern sind seit jeher intensiv und umfassend. Sie haben über die Jahrhunderte die Geschichte Europas entscheidend mitgeprägt. Sie haben die schreckliche Konfrontation in Europa überlebt. Ausgehend von den Erfahrungen der Vergangenheit ist es unsere wichtigste Aufgabe, als Partner und Freunde eine gemeinsame Zukunft in Europa aufzubauen. Ja: die Entwicklung des Verhältnisses zu Rußland ist wahrscheinlich die wichtigste politische Gestaltungsaufgabe unserer Zeit.
Ein Beispiel für diese vertrauensvolle Kooperation ist die "Gemeinsame Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen". Sie geht auf eine Initiative von Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident Boris Jelzin im Jahre 1994 zurück und hat ihre Arbeit im Januar 1998 aufgenommen.
Ihre Aufgabe ist es, die jüngere deutsch-russische Geschichte - auch anhand bisher nicht zugänglicher russischer Aktenbestände - zu erforschen.

Die Arbeit der Kommission wird von der Bundesregierung gefördert.
Die Veröffentlichung des zweiten Bandes der Editionsreihe "Die UdSSR und die deutsche Frage 1941 bis 1949" ist ein wichtiges Ergebnis der Arbeit dieser Kommission. Sie bringt uns der Aufarbeitung der historischen Zusammenhänge und damit dem Verständnis für einen wesentlichen Teil unserer gemeinsamen Geschichte näher. Ich danke allen am Editionsprojekt Beteiligten, die mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit zugleich auch einen wertvollen Beitrag zu einem besseren Verständnis zwischen Deutschen und Russen leisten. Nur so wird die von uns angestrebte Intensivierung der partnerschaftlichen Zusammenarbeit praktisch zu verwirklichen sein.

Dr. Siegfried Büttner, Staatssekretär Wolfgang Ischinger


Dr. Siegfried Büttner
Vizepräsident des Bundesarchivs
"MUT ZUR ÖFFNUNG"


Dem Editionsvorhaben, dessen weiterer Fortschritt hier präsentiert wird, wünsche ich guten Fortgang und weittragende Wirkung. Als Archivar verbinde ich Hoffnungen damit. Denn es geht dabei auch um den Zugang zu Archiven. Er ist weitestgehend von fachlichen Methoden und Entscheidungen der Archive, zunächst aber vor allem von politischem Wollen bestimmt. Dabei kann auch einer Quellenedition eine "politische" Rolle zukommen.
Gute Quelleneditionen sind aus archivischer Sicht zunächst einmal wertvolle Wegweiser in die Archive und zugleich ein willkommener Schutz der wertvollsten archivischen Dokumente vor unnötiger Benutzung. Darüber hinaus können sie auch Pilotfunktionen erfüllen, wissenschaftliche z.B., um ein Themenfeld besser der Forschung zu erschließen oder archivische, eben um eine bisher oder weiterhin unzugängliche Überlieferung neu zu eröffnen. Auch diese Edition verfolgt diesen Zweck der Öffnung.
Für offenen Zugang werben darf das Bundesarchiv vielleicht um so unbefangener als unsere, des Bundesarchivs Erfahrung mit der Öffnung ursprünglich oktroyiert war.
Denn nach der von Deutschland verschuldeten Katastrophe 1945 waren unsere zentralen Archive großenteils weggenommen und zwangsgeöffnet worden; und für die Rückgabe durch die westlichen Alliierten wurde die weitere Offenhaltung gefordert und (mutig) zugesagt. Das macht unsere Erfahrung nicht schlechter. Wir haben daraus gelernt und daraus eine Tugend gemacht und die Öffnung von Regierungsakten bis heran an die Gegenwart überall dort weitestgehend durchgesetzt, wo das Schutzmotiv der seit 1988 auch gesetzlich bestimmten 30-Jahre-Jedermannfrist, weggefallen war. Die fast jahrhundertelang durch die archivischen Institutionen tradierte Unterscheidung zwischen seriösen unseriösen Forschern wird im Bundesarchiv schon lange nicht mehr versucht; sie findet vielmehr dort statt, wo sie hingehört, in der wissenschaftlichen Kritik und in der Bildung der öffentlichen Meinung.
Den russischen Kollegen, ja auch den archivischen Institutionen wünsche ich, daß sie durch gute Erfahrungen mit der Öffnung ermutigt werden, Vorhaben der Art, wie hier eines präsentiert wird, zu vervielfältigen und sich jeder Forschung, die hierdurch angeregt wird, in gleicher Weise zu öffnen wie dies uns unser Gesetz vorgibt, nämlich in einem Verfahren der Rechtsgüterabwägung im Einzelfall unter der Zielsetzung, jede vertretbare Benutzung auch praktisch möglich zu machen.

Dr. Jochen Laufer, Georgij Kynin


Georgij Kynin/Jochen Laufer
"GESCHICHTSBILDER DES KALTEN KRIEGES
AUF DEN PRÜFSTAND STELLEN."


Seit einiger Zeit ist von der Notwendigkeit die Rede, überkommene Geschichtsbilder, die Mythen der sowjetischen Deutschlandpolitik zu prüfen, auch von der Notwendigkeit eines Neuanfangs in den deutsch-russischen Beziehungen wird gesprochen. Nun gilt es zu fragen: In welchem Verhältnis die Ergebnisse der gemeinsamen deutsch-russischen Untersuchung, die heute in Form des zweiten Bandes der Editionsreihe "Die UdSSR und die deutsche Frage" vorgestellt werden, zu diesen grundlegenden Aufgaben stehen: Waren die ersten achtzehn Monate der Besetzung eines großen Teils von Deutschland so dunkel und düster, wie die einen meinen, oder war die Besetzung Teil der Befreiung Europas von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, wie andere glauben? Fördert der allseitige Zugang zu den primären Quellen in Moskau das Verständnis sowjetischer Politik oder belastet er die aktuelle russische Außenpolitik? Konkret lautet die entscheidende Frage: Welche Ziele verfolgte die UdSSR gegenüber Deutschland während und unmittelbar nach dem Kriege?
Im ersten Band der Edition, der Ihnen in Kürze in deutscher Sprache vorgelegt wird, wurde dokumentiert, daß während des Krieges in den außenpolitischen Planungen der UdSSR die Überzeugung dominierte, eine einvernehmliche Teilung Deutschlands durch die Siegermächte biete die beste Gewähr für die dauerhafte Schwächung Deutschlands und damit die zukünftige Sicherheit der UdSSR. Diese Planungen fanden während des Krieges allerdings unter strengster Geheimhaltung statt. In der Öffentlichkeit hatte Stalin zu dieser Zeit anderslautende Erklärungen abgeben: In einem veröffentlichten Befehl aus dem Jahre 1942 hieß es: "Die Hitler kommen und gehen, der deutsche Staat bleibt ...". Am 9. Mai 1945 erklärte der sowjetische Führer: "Wir schicken uns nicht an, Deutschland zu zerstückeln ...".
Diese Divergenz zwischen internen Planungen und öffentlichen Erklärungen war Teil einer doppelgleisigen Politik der UdSSR in der deutschen Frage. Sie wurde nach dem Krieg fortgesetzt. Doch während von sowjetischen Politikern weiterhin öffentliche Erklärungen abgegeben wurden, die sich mehr oder weniger zur deutschen Einheit bekannten, traten an die Stelle der Planungen nun Taten. Langfristige Planungen für die Behandlung Deutschlands verschwanden. Eine Koordination der vielfältigen sowjetischen Aktivitäten in Deutschland innerhalb des sowjetischen Außenamtes kam nach dem Kriege nicht zustande. Das ist eines der entscheidenden Ergebnisse der umfangreichen Archivrecherchen in Moskau, die - wie beim ersten Band - darauf gerichtet waren, systematisch das gesamte Spektrum der sowjetischen Deutschlandpolitik zu erfassen. Insgesamt wurden fünfundzwanzig Themenkomplexe in die Dokumentenauswahl einbezogen. Um Ihnen eine Vorstellung zu geben, seien hier einige genannt: die Formierung der Sowjetischen Militäradministration, die Bildung von Parteien im Besatzungsgebiet, ökonomische Aspekte der sowjetischen Politik, die Potsdamer und weitere Konferenzen der Siegermächte und schließlich die Frage der deutschen Kriegsgefangenen. Im Zuge der Recherchen wertete die deutsche Seite alle Deutschland betreffenden, deklassifizierten Quellen aus. Die russische Seite konnte die weiterhin klassifizierten Dokumente einsehen.
Während im zweiten Band langfristige Planungsunterlagen für die Zeit nach der deutschen Kapitulation weitgehend fehlen, ließen sich die vielfältigen Maßnahmen sowjetischer Einrichtungen in Deutschland sehr gut dokumentieren. Diese sowjetische Aktivitäten zielten im deutschen Besatzungsgebiet darauf, dort die eigenen Vorstellungen von der Entnazifizierung und insbesondere die sowjetischen Wirtschaftsinteressen (Kriegsbeute und Reparationen) weitgehend ohne Rücksicht auf die Westmächte durchzusetzen. Den bereits erwähnten zahlreichen Bekundungen zur deutschen Einheit - die seit der Kriegszeit immer wieder veröffentlicht wurden - ließ die UdSSR im Editionszeitraum keine Taten folgen. Zur Wahrung ihrer unumschränkten Kontrolle über die SBZ verzichtete sie auf Einflußmöglichkeiten in den Westzonen, die ihr eine aktive Politik im Alliierten Kontrollrat durchaus geboten hätte. Verhandlungen mit den Alliierten über einen Friedensvertrag, die noch während des Krieges vorbereitet und am Vorabend der Potsdamer Konferenz durch leitende Mitarbeiter des Außenkommissariats angemahnt worden waren, wurden nicht aufgenommen. Die Einrichtung gesamtdeutscher Staatssekretariate, der die UdSSR in Potsdam zugestimmt hatte, wurde von der Sowjetischen Militäradministration mit Billigung des sowjetischen Außenamtes hintertrieben. Dies alles spricht ebenso gegen expansive Absichten wie für die völlig einseitige Orientierung auf die Wahrung der sowjetischen Position in der SBZ. Es finden sich bis Oktober 1946 - dem Ende des zweiten Bandes - keinerlei Hinweise, daß die UdSSR eine Verschiebung des Status quo in Deutschland zu ihren Gunsten vorbereitete.
Im zweiten Band werden Sie also vergeblich nach Dokumenten suchen, die die "letzten und wahren" Absichten Stalins in bezug auf Deutschland offenlegen. Dagegen werden sie auf zahlreiche Dokumente stoßen, die die bisher unbekannten Hintergründe für bereits gut bekannte sowjetische Taten offenlegen. Oft werden allerdings Fragen auch unbeantwortet bleiben. Der Band kann nicht mehr als einen ersten Eindruck von den äußerst umfangreichen sowjetischen Aktivitäten im besetzten Deutschland vermitteln, die keineswegs allein auf die Durchsetzung der Bodenreform, die Enteignung der Nazi- und Kriegsverbrecher und die Demontagen beschränkt blieben, sondern auch eine Mindestversorgung der deutschen Bevölkerung sicherten, Seuchen verhinderten, die deutschen Verwaltungen wieder aufbauten und nicht zuletzt den Schul- und Kulturbetrieb ermöglichten. Erst die Kenntnis und Analyse all dieser Aktivitäten wird zu einem adäquaten Verständnis der sowjetischen Deutschlandpolitik führen. Dazu ist allerdings die sorgfältige Erschließung aller diesbezüglichen Quellen in den reichhaltigen und bemerkenswert gut geordneten russischen Archiven notwendig.


Dr. Jochen Laufer
ZUR GESCHICHTE DES EDITIONSPROJEKTES
"DIE UDSSR UND DIE DEUTSCHE FRAGE 1941 - 1949"


Das Editionsprojekt "Die UdSSR und die deutsche Frage 1941 - 1949" wurde erst durch den politischen Zusammenbruch der Sowjetunion - der 1989 begann und Ende 1991 mit der Auflösung der UdSSR einen ersten Abschluß fand - möglich. Noch vor dem gescheiterten kommunistischen Putschversuch wurde im Juli 1991 der von Georgij Pavlovich Kynin am Anfang der sechziger Jahre erarbeitete umfangreiche Bericht über die Quellen des sowjetischen Außenministeriums zur deutschen Frage in den Jahren 1941 bis 1949 zugänglich. Damit eröffnete sich erstmals die Aussicht, Quellen zur sowjetischen Deutschlandpolitik systematisch auszuwerten. Damals wußte ich noch nicht, daß Herr Kynin inzwischen der Stellvertretende Direktor des Historisch-Dokumentarischen Departements geworden war. Dies war die zweite, nicht weniger wichtige Voraussetzung, um eine Quellenedition zur sowjetischen Deutschlandpolitik zu erstellen. Als diese Idee 1991 entstand, unterlag der größte Teil der im Kynin-Bericht vorgestellten Dokumente allerdings noch immer strengster Geheimhaltung. Es war eine außerordentliche Leistung der Historisch-Dokumentarischen Verwaltung des neuen russischen Außenministeriums, die innerhalb weniger Monate die Desekretierung in großem Umfang ermöglichte. Ohne die unermüdliche Arbeit und energische Unterstützung von Herrn Kynin und vieler Mitarbeiter des Archivs, insbesondere des damaligen Direktors dieser Verwaltung, Igor Lebedev, wäre dies nicht möglich gewesen.
Aber auch auf deutscher Seite war Pioniergeist vorhanden. Während im gerade vereinigten Deutschland viele Bedenken bestanden, ob die Bedingungen für ein deutsch-russisches Editionsprojekt gegeben seien und ob ein solches Projekt einen wissenschaftlichen Ertrag verspreche, der es förderungswürdig mache, ergriff Prof. Dr. Ludolf Herbst, der gerade an der Humboldt-Universität auf den Lehrstuhl für Zeitgeschichte und in Potsdam in den Beirat des heutigen Zentrums für Zeithistorische Forschung berufen worden war, die Chance, ein Pilotprojekt zur Vorbereitung der Edition auszuarbeiten und bei der Fritz Thyssen Stiftung einzureichen. Die Thyssen Stiftung stimmte äußerst unkompliziert und schnell diesem Antrag zu.
Auf diese Weise trafen sich im Sommer 1993 deutsche und russische Anstrengungen. Ein Kooperationsvertrag wurde unterzeichnet. Damit eröffnete sich für das Zentrum für Zeithistorische Forschung der Weg zur Kooperation mit dem Moskauer Außenministerium. Es begann eine Zusammenarbeit, die Dank der Unterstützung durch den neuen Direktor der Historisch-Dokumentarischen Verwaltung, Botschafter Petr Stegnij, und durch die Direktoren des Potsdamer Zentrums, Prof. Dr. Christoph Kleßmann und Prof. Dr. Konrad H. Jarausch seitdem ertragreich verläuft. Ohne die nun bereits seit Jahren währende Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung hätte das vor sieben Jahren begonnene Projekt niemals bis zum jetzigen Stand geführt werden können. Selbst die heutige Veranstaltung verdanken wir dieser Stiftung, dafür möchte ich an dieser Stelle dem Vertreter dieser Stiftung, Herrn Regge, besonders danken!
Die Entwicklung des Projekts ist jedoch keineswegs eine reine Erfolgsgeschichte. Sie wurde und wird von vielen Schwierigkeiten begleitet. Daß die deutsche Seite keinen Einblick in den Desekretierungsprozeß des russischen Außenministeriums erhält, mag verständlich scheinen, doch warum ein sehr kleiner, aber außerordentlich wichtiger Teil des Archivgutes, der chiffrierte Telegrammwechsel zwischen dem Mokauer Außenamt und seinen Vertretern im Ausland (also auch in Deutschland), mehr als fünfzig Jahre nach den Ereignissen, bis heute gesperrt bleibt, ist auch für russische Kollegen nicht nachvollziehbar. Lediglich Herr Kynin konnte diesen Bestand für die Vorbereitung der Edition nutzen. Findhilfsmittel - in allen Archiven der Welt der einzige Weg, der Benutzern einen selbständigen Zugang zu den Quellen gewährt - werden im Mokauer Archiv für Außenpolitik noch immer nicht herausgegeben. All dies erschwerte die Arbeit außerordentlich und stellte die deutschen und russischen Bearbeiter vor große Probleme. Wie jedoch der zweite Band zeigt, konnten Lösungen gefunden werden. Die nun vorliegenden beiden russischen Bände und die begonnene Übersetzung des ersten Bandes haben Tatsachen geschaffen, die eine Gewähr bieten, daß auch beim dritten Band Lösungen für die fortbestehenden Probleme gefunden werden.









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