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DOKUMENTATION
Jochen P. Laufer/Georgij P. Kynin (Bearb.)
DIE UDSSR UND DIE DEUTSCHE FRAGE 1941-1949
Band II: 9. Mai 1945 - 3. Oktober 1946
Die dauerhafte Begründung verbesserter Beziehungen bedarf vielmehr
einer kritischen Aufarbeitung dieser problematischen Geschichte.
Noch immer stehen sich - in Deutschland wie in Rußland - überzogene
Verdammungen des Ostens und des Westens (wie auch ihre naiven Umkehrungen)
weitgehend unvermittelt gegenüber. Vor allem wird es deshalb notwendig
sein, die historischen Kenntnisse und Perzeptionen über die gegenseitigen
Feindbilder des Kalten Krieges hinaus zu entwickeln. Wichtigste Voraussetzung
dafür ist die sorgfältige Arbeit mit den historischen Quellen,
denn sie ermöglicht es, die Motive, Intentionen und Handlungen
der jeweilig anderen Seite differenzierter zu sehen.
Im Unterschied zu der jahrzehntelangen Erforschung der Politik der westlichen
Besatzungsmächte steht dieser Prozeß der detaillierten Untersuchung
der staatlichen und parteilichen Aktenüberlieferung der Sowjetunion
erst am Anfang.
Es braucht nicht betont zu werden, daß diese Forschungsarbeit
für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte besonders wichtig ist,
da der zweite deutsche Staat nicht zu Unrecht als ein "sowjetischer
Homunculus" galt. Auch wenn diese Perspektive den Außeneinfluß
überbetonen sollte, ist es wohl unbestritten, daß viele der
politischen, wirtschaftlichen, militärischen und sogar kulturellen
Entscheidungen der SED in Moskau vorbereitet oder gefällt wurden.
Zwar war Ostdeutschland nur ein vergleichsweise kleines Objekt russischer
Außenpolitik, aber die Lösung der damit zusammenhängenden
"deutschen Frage" war auch für die Zementierung sowjetischer
Vorherrschaft in Ostmitteleuropa von entscheidender Bedeutung.
Deswegen ist die Untersuchung dieser Thematik für beide Seiten
von erheblichem Interesse.
Das Zentrum für Zeithistorische Forschung hat die große
wissenschaftliche Bedeutung der sowjetischen Akten von Anfang an erkannt
und deswegen schon in seiner Entstehungsphase auf eine enge Zusammenarbeit
mit russischen Archiven hingearbeitet - und hier ganz besonders mit
dem Historisch-Dokumentarischen Departement des Außenministeriums
der Russischen Föderation. Aus diesen 1993 einsetzenden Bemühungen
ist eine außerordentlich fruchtbare deutsch-russische Zusammenarbeit
entstanden zwischen Georgij P. Kynin aus Moskau und Jochen P. Laufer
vom ZZF, die sich der gemeinsamen Herausgabe der deutschlandpolitischen
Akten des russischen Außenministeriums gewidmet hat.
Vor drei Jahren konnte der erste Band dieser von der Thyssen Stiftung
finanzierten Serie in Moskau im Beisein von hochrangigen Diplomaten
und Wissenschaftlern vorgestellt werden.
Heute ist es mir deshalb eine ganz besondere Freude, Ihnen den zweiten
Band der Serie mit dem Titel "Die UdSSR und die deutsche Frage
1945/46" präsentieren zu können, der das Wirken der sowjetischen
Besatzungsmacht in den ersten achtzehn Monaten nach der deutschen Kapitulation
behandelt. Die dort erstmals veröffentlichten Dokumente werfen
ein neues Licht auf die sowjetische Politik der Überwindung des
nationalsozialistischen Gegners und der Stabilisierung des Besatzungsregimes.
Sie zeigen aber gleichzeitig auch eine gewisse Unklarheit in bezug auf
langfristige Strategien gegenüber dem besiegten Feind sowie die
erheblichen Schwierigkeiten einer konstruktiven Zusammenarbeit mit den
Westmächten. Ohne der inhaltlichen Vorstellung der Ergebnisse vorzugreifen,
möchte ich betonten, daß eine deutsche Übersetzung dieser
Edition, die von der deutsch-russischen Historikerkommission unterstützt
wird, daher ein wichtiges Desiderat der historischen Forschung ist.
Deshalb ist es außerordentlich wichtig, die noch bestehenden Hindernisse
des Zugangs zur Aktenüberlieferung durch ein eindeutiges politisches
Signal von höchster Ebene zu überwinden.
Es ist verständlich, daß die russische Archivverwaltung nach
der anfänglichen völligen Öffnung die Türen wieder
etwas geschlossen hat.
Aber alte Gewohnheiten der Geheimhaltung haben keinen Platz in einem
demokratischen Staatswesen. Auf die Dauer können nur Offenheit
und Transparenz Skeptiker von den vernünftigen Gründen der
eigenen Politik überzeugen. Was wir gemeinsam anstreben sollten,
ist ein gegenseitiges demokratisches Geschichtsverständnis. Ich
möchte daher meinen Willkommens-Gruß mit der Hoffnung schließen,
daß der Beweis derartig produktiver Ergebnisse, wie sie hier vorgelegt
werden, die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern
und Archivaren aus Deutschland und Rußland erleichtern wird.
Botschafter Dr. Pjotr Stegnij, Botschafter Sergej Krylov
Dr. Pjotr V. Stegnij
Botschafter und Direktor des Historisch-Dokumentarischen Departements
des
Außenministeriums der Russischen Föderation
"EIN MEILENSTEIN AUF DEM GROßEN LANGE WEG DER GEMEINSAMEN
ERFORSCHUNG UNSERER GESCHICHTE"
(Auszüge ausdem Grußwort)
Ich möchte mich im Namen der Leitung des Außenministeriums
der Russischen Föderation bei den Bearbeitern des hier vorgelegten
Quellenbandes, Georgij Kynin und Jochen Laufer, herzlich bedanken.
Die Tradition der gemeinsamen Arbeit an Dokumentarausgaben hat in den
russisch-deutschen Beziehungen tiefe Wurzeln, die in das 19. Jahrhundert
zurückreichen. Damals wurde im Ergebnis einer Vereinbarung beider
Staaten der Briefwechsel zwischen Katharina der Großen und Friedrich
dem Großen veröffentlicht.
Die hier vorgelegten Dokumente behandeln die Entwicklung der sowjetischen
Außenpolitik bezüglich Deutschland in den ersten 18 Monaten
nach dem Zweiten Weltkrieg.
Wir können uns gut daran erinnern, daß damals die internationale
Politik in die Periode des Kalten Krieges eintrat.
Aus den Dokumenten tritt deutlich zutage, daß schon in den Jahren
1945/46 die Grundlagen für die deutsche Teilung festgelegt waren.
Das ist wesentlich, weil wir meinen, daß die Dokumente bezeugen,
daß diese Lage nicht durch irgendwelche vorausgeplanten Entscheidungen
der Führung der Sowjetunion, - auch nicht ihrer damaligen Alliierten
-, sondern vom Charakter und der inneren Logik der Beziehungen bestimmt
wurde, die nach dem Kriege zwischen den Großmächten zustande
kam.
Ich möchte meiner Freude über die positive Bewertung unseres
Bandes durch die gemischte deutsch-russische Historikerkommission Ausdruck
verleihen. Die heute vorgestellte Arbeit ist ein Meilenstein auf dem
großen lange Wege der gemeinsamen Erforschung unserer Geschichte.
Sergej Krylov
Botschafter der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland
"EINE SEHR NÜTZLICHE ARBEIT"
(Auszüge aus dem Grußwort)
Vor fünf Tagen sind die führenden Persönlichkeiten unserer
beiden Staaten in Berlin zusammengekommen. Es ist gelungen, zu einem
neuen Verständnis zu finden und neue Vereinbarungen zu erarbeiten.
All dies muß jetzt ausgefüllt werden.
Schon eine flüchtige Betrachtung des hier vorgestellten Bandes
zeigt, wieviel Aufmerksamkeit die Sowjetunion damals Deutschland gewidmet
hat. Diese Tradition gibt es heute und sie wird auch in der Zukunft
wirksam sein.
Unsere gemeinsame russisch-deutsche Ausgabe veröffentlicht Dokumente,
die von unserer Seite geheim gehalten wurden. Die Herausgabe des Bandes
zeugt davon, daß wir jetzt ein ganz anderes Klima in unseren Beziehungen
haben als das früher der Fall war. Ich hoffe sehr, daß dieser
zweite Band, der heute vorliegt, und der dritte Band, der noch kommen
wird, nicht die letzten sein werden, und daß auch die deutsche
Übersetzung bald vorliegen wird.
Ich bedanke mich bei allen, die diese sehr nützliche Arbeit geleistet
haben.
Staatssekretär Wolfgang Ischinger, Prof. Dr. Konrad H. Jarausch
Wolfgang Ischinger, Staatssekretär im Auswärtigen Amt
"EIN WERTVOLLER BEITRAG ZU EINEM BESSEREN VERSTÄNDNIS ZWISCHEN
DEUTSCHEN UND RUSSEN"
Es ist mir eine besondere Freude, heute an der Präsentation des
zweiten Bandes der deutsch-russischen Editionsreihe "Die UdSSR
und die deutsche Frage 1945/46" teilnehmen zu können.
Vor wenigen Tagen fanden in Berlin die dritten deutsch-russischen Regierungskonsultationen
unter der Leitung von Bundeskanzler Schröder und Präsident
Putin statt. Mit ihnen haben wir ein neues Kapitel in unseren bilateralen
Beziehungen aufgeschlagen und den Willen zu einer Fortsetzung und Intensivierung
der partnerschaftlichen Zusammenarbeit in allen Bereichen bekräftigt.
Archive bewahren die Erinnerung. Sie sind Teil des historischen Gewissens.
Ihre Erforschung hilft uns, die Vergangenheit mit ihren Akteuren und
deren Motiven zu verstehen. Sie schafft Transparenz. Dieses Verständnis,
diese Transparenz ist eine wichtige Voraussetzung für die politische
Gestaltung der Gegenwart und der Entwicklung von Konzeptionen und Strategien
für die Zukunft. Diese theoretische Erkenntnis hat durchaus praktische
Bedeutung für das deutsch-russische Verhältnis.
Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern sind seit jeher
intensiv und umfassend. Sie haben über die Jahrhunderte die Geschichte
Europas entscheidend mitgeprägt. Sie haben die schreckliche Konfrontation
in Europa überlebt. Ausgehend von den Erfahrungen der Vergangenheit
ist es unsere wichtigste Aufgabe, als Partner und Freunde eine gemeinsame
Zukunft in Europa aufzubauen. Ja: die Entwicklung des Verhältnisses
zu Rußland ist wahrscheinlich die wichtigste politische Gestaltungsaufgabe
unserer Zeit.
Ein Beispiel für diese vertrauensvolle Kooperation ist die "Gemeinsame
Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der
deutsch-russischen Beziehungen". Sie geht auf eine Initiative von
Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident Boris Jelzin im Jahre 1994
zurück und hat ihre Arbeit im Januar 1998 aufgenommen.
Ihre Aufgabe ist es, die jüngere deutsch-russische Geschichte -
auch anhand bisher nicht zugänglicher russischer Aktenbestände
- zu erforschen.
Die Arbeit der Kommission wird von der Bundesregierung gefördert.
Die Veröffentlichung des zweiten Bandes der Editionsreihe "Die
UdSSR und die deutsche Frage 1941 bis 1949" ist ein wichtiges Ergebnis
der Arbeit dieser Kommission. Sie bringt uns der Aufarbeitung der historischen
Zusammenhänge und damit dem Verständnis für einen wesentlichen
Teil unserer gemeinsamen Geschichte näher. Ich danke allen am Editionsprojekt
Beteiligten, die mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit zugleich auch einen
wertvollen Beitrag zu einem besseren Verständnis zwischen Deutschen
und Russen leisten. Nur so wird die von uns angestrebte Intensivierung
der partnerschaftlichen Zusammenarbeit praktisch zu verwirklichen sein.
Dr. Siegfried Büttner, Staatssekretär Wolfgang Ischinger
Dr. Siegfried Büttner
Vizepräsident des Bundesarchivs
"MUT ZUR ÖFFNUNG"
Dem Editionsvorhaben, dessen weiterer Fortschritt hier präsentiert
wird, wünsche ich guten Fortgang und weittragende Wirkung. Als
Archivar verbinde ich Hoffnungen damit. Denn es geht dabei auch um den
Zugang zu Archiven. Er ist weitestgehend von fachlichen Methoden und
Entscheidungen der Archive, zunächst aber vor allem von politischem
Wollen bestimmt. Dabei kann auch einer Quellenedition eine "politische"
Rolle zukommen.
Gute Quelleneditionen sind aus archivischer Sicht zunächst einmal
wertvolle Wegweiser in die Archive und zugleich ein willkommener Schutz
der wertvollsten archivischen Dokumente vor unnötiger Benutzung.
Darüber hinaus können sie auch Pilotfunktionen erfüllen,
wissenschaftliche z.B., um ein Themenfeld besser der Forschung zu erschließen
oder archivische, eben um eine bisher oder weiterhin unzugängliche
Überlieferung neu zu eröffnen. Auch diese Edition verfolgt
diesen Zweck der Öffnung.
Für offenen Zugang werben darf das Bundesarchiv vielleicht um so
unbefangener als unsere, des Bundesarchivs Erfahrung mit der Öffnung
ursprünglich oktroyiert war.
Denn nach der von Deutschland verschuldeten Katastrophe 1945 waren unsere
zentralen Archive großenteils weggenommen und zwangsgeöffnet
worden; und für die Rückgabe durch die westlichen Alliierten
wurde die weitere Offenhaltung gefordert und (mutig) zugesagt. Das macht
unsere Erfahrung nicht schlechter. Wir haben daraus gelernt und daraus
eine Tugend gemacht und die Öffnung von Regierungsakten bis heran
an die Gegenwart überall dort weitestgehend durchgesetzt, wo das
Schutzmotiv der seit 1988 auch gesetzlich bestimmten 30-Jahre-Jedermannfrist,
weggefallen war. Die fast jahrhundertelang durch die archivischen Institutionen
tradierte Unterscheidung zwischen seriösen unseriösen Forschern
wird im Bundesarchiv schon lange nicht mehr versucht; sie findet vielmehr
dort statt, wo sie hingehört, in der wissenschaftlichen Kritik
und in der Bildung der öffentlichen Meinung.
Den russischen Kollegen, ja auch den archivischen Institutionen wünsche
ich, daß sie durch gute Erfahrungen mit der Öffnung ermutigt
werden, Vorhaben der Art, wie hier eines präsentiert wird, zu vervielfältigen
und sich jeder Forschung, die hierdurch angeregt wird, in gleicher Weise
zu öffnen wie dies uns unser Gesetz vorgibt, nämlich in einem
Verfahren der Rechtsgüterabwägung im Einzelfall unter der
Zielsetzung, jede vertretbare Benutzung auch praktisch möglich
zu machen.
Dr. Jochen Laufer, Georgij Kynin
Georgij Kynin/Jochen Laufer
"GESCHICHTSBILDER DES KALTEN KRIEGES
AUF DEN PRÜFSTAND STELLEN."
Seit einiger Zeit ist von der Notwendigkeit die Rede, überkommene
Geschichtsbilder, die Mythen der sowjetischen Deutschlandpolitik zu
prüfen, auch von der Notwendigkeit eines Neuanfangs in den deutsch-russischen
Beziehungen wird gesprochen. Nun gilt es zu fragen: In welchem Verhältnis
die Ergebnisse der gemeinsamen deutsch-russischen Untersuchung, die
heute in Form des zweiten Bandes der Editionsreihe "Die UdSSR und
die deutsche Frage" vorgestellt werden, zu diesen grundlegenden
Aufgaben stehen: Waren die ersten achtzehn Monate der Besetzung eines
großen Teils von Deutschland so dunkel und düster, wie die
einen meinen, oder war die Besetzung Teil der Befreiung Europas von
der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, wie andere glauben? Fördert
der allseitige Zugang zu den primären Quellen in Moskau das Verständnis
sowjetischer Politik oder belastet er die aktuelle russische Außenpolitik?
Konkret lautet die entscheidende Frage: Welche Ziele verfolgte die UdSSR
gegenüber Deutschland während und unmittelbar nach dem Kriege?
Im ersten Band der Edition, der Ihnen in Kürze in deutscher Sprache
vorgelegt wird, wurde dokumentiert, daß während des Krieges
in den außenpolitischen Planungen der UdSSR die Überzeugung
dominierte, eine einvernehmliche Teilung Deutschlands durch die Siegermächte
biete die beste Gewähr für die dauerhafte Schwächung
Deutschlands und damit die zukünftige Sicherheit der UdSSR. Diese
Planungen fanden während des Krieges allerdings unter strengster
Geheimhaltung statt. In der Öffentlichkeit hatte Stalin zu dieser
Zeit anderslautende Erklärungen abgeben: In einem veröffentlichten
Befehl aus dem Jahre 1942 hieß es: "Die Hitler kommen und
gehen, der deutsche Staat bleibt ...". Am 9. Mai 1945 erklärte
der sowjetische Führer: "Wir schicken uns nicht an, Deutschland
zu zerstückeln ...".
Diese Divergenz zwischen internen Planungen und öffentlichen Erklärungen
war Teil einer doppelgleisigen Politik der UdSSR in der deutschen Frage.
Sie wurde nach dem Krieg fortgesetzt. Doch während von sowjetischen
Politikern weiterhin öffentliche Erklärungen abgegeben wurden,
die sich mehr oder weniger zur deutschen Einheit bekannten, traten an
die Stelle der Planungen nun Taten. Langfristige Planungen für
die Behandlung Deutschlands verschwanden. Eine Koordination der vielfältigen
sowjetischen Aktivitäten in Deutschland innerhalb des sowjetischen
Außenamtes kam nach dem Kriege nicht zustande. Das ist eines der
entscheidenden Ergebnisse der umfangreichen Archivrecherchen in Moskau,
die - wie beim ersten Band - darauf gerichtet waren, systematisch das
gesamte Spektrum der sowjetischen Deutschlandpolitik zu erfassen. Insgesamt
wurden fünfundzwanzig Themenkomplexe in die Dokumentenauswahl einbezogen.
Um Ihnen eine Vorstellung zu geben, seien hier einige genannt: die Formierung
der Sowjetischen Militäradministration, die Bildung von Parteien
im Besatzungsgebiet, ökonomische Aspekte der sowjetischen Politik,
die Potsdamer und weitere Konferenzen der Siegermächte und schließlich
die Frage der deutschen Kriegsgefangenen. Im Zuge der Recherchen wertete
die deutsche Seite alle Deutschland betreffenden, deklassifizierten
Quellen aus. Die russische Seite konnte die weiterhin klassifizierten
Dokumente einsehen.
Während im zweiten Band langfristige Planungsunterlagen für
die Zeit nach der deutschen Kapitulation weitgehend fehlen, ließen
sich die vielfältigen Maßnahmen sowjetischer Einrichtungen
in Deutschland sehr gut dokumentieren. Diese sowjetische Aktivitäten
zielten im deutschen Besatzungsgebiet darauf, dort die eigenen Vorstellungen
von der Entnazifizierung und insbesondere die sowjetischen Wirtschaftsinteressen
(Kriegsbeute und Reparationen) weitgehend ohne Rücksicht auf die
Westmächte durchzusetzen. Den bereits erwähnten zahlreichen
Bekundungen zur deutschen Einheit - die seit der Kriegszeit immer wieder
veröffentlicht wurden - ließ die UdSSR im Editionszeitraum
keine Taten folgen. Zur Wahrung ihrer unumschränkten Kontrolle
über die SBZ verzichtete sie auf Einflußmöglichkeiten
in den Westzonen, die ihr eine aktive Politik im Alliierten Kontrollrat
durchaus geboten hätte. Verhandlungen mit den Alliierten über
einen Friedensvertrag, die noch während des Krieges vorbereitet
und am Vorabend der Potsdamer Konferenz durch leitende Mitarbeiter des
Außenkommissariats angemahnt worden waren, wurden nicht aufgenommen.
Die Einrichtung gesamtdeutscher Staatssekretariate, der die UdSSR in
Potsdam zugestimmt hatte, wurde von der Sowjetischen Militäradministration
mit Billigung des sowjetischen Außenamtes hintertrieben. Dies
alles spricht ebenso gegen expansive Absichten wie für die völlig
einseitige Orientierung auf die Wahrung der sowjetischen Position in
der SBZ. Es finden sich bis Oktober 1946 - dem Ende des zweiten Bandes
- keinerlei Hinweise, daß die UdSSR eine Verschiebung des Status
quo in Deutschland zu ihren Gunsten vorbereitete.
Im zweiten Band werden Sie also vergeblich nach Dokumenten suchen, die
die "letzten und wahren" Absichten Stalins in bezug auf Deutschland
offenlegen. Dagegen werden sie auf zahlreiche Dokumente stoßen,
die die bisher unbekannten Hintergründe für bereits gut bekannte
sowjetische Taten offenlegen. Oft werden allerdings Fragen auch unbeantwortet
bleiben. Der Band kann nicht mehr als einen ersten Eindruck von den
äußerst umfangreichen sowjetischen Aktivitäten im besetzten
Deutschland vermitteln, die keineswegs allein auf die Durchsetzung der
Bodenreform, die Enteignung der Nazi- und Kriegsverbrecher und die Demontagen
beschränkt blieben, sondern auch eine Mindestversorgung der deutschen
Bevölkerung sicherten, Seuchen verhinderten, die deutschen Verwaltungen
wieder aufbauten und nicht zuletzt den Schul- und Kulturbetrieb ermöglichten.
Erst die Kenntnis und Analyse all dieser Aktivitäten wird zu einem
adäquaten Verständnis der sowjetischen Deutschlandpolitik
führen. Dazu ist allerdings die sorgfältige Erschließung
aller diesbezüglichen Quellen in den reichhaltigen und bemerkenswert
gut geordneten russischen Archiven notwendig.
Dr. Jochen Laufer
ZUR GESCHICHTE DES EDITIONSPROJEKTES
"DIE UDSSR UND DIE DEUTSCHE FRAGE 1941 - 1949"
Das Editionsprojekt "Die UdSSR und die deutsche Frage 1941 - 1949"
wurde erst durch den politischen Zusammenbruch der Sowjetunion - der
1989 begann und Ende 1991 mit der Auflösung der UdSSR einen ersten
Abschluß fand - möglich. Noch vor dem gescheiterten kommunistischen
Putschversuch wurde im Juli 1991 der von Georgij Pavlovich Kynin am
Anfang der sechziger Jahre erarbeitete umfangreiche Bericht über
die Quellen des sowjetischen Außenministeriums zur deutschen Frage
in den Jahren 1941 bis 1949 zugänglich. Damit eröffnete sich
erstmals die Aussicht, Quellen zur sowjetischen Deutschlandpolitik systematisch
auszuwerten. Damals wußte ich noch nicht, daß Herr Kynin
inzwischen der Stellvertretende Direktor des Historisch-Dokumentarischen
Departements geworden war. Dies war die zweite, nicht weniger wichtige
Voraussetzung, um eine Quellenedition zur sowjetischen Deutschlandpolitik
zu erstellen. Als diese Idee 1991 entstand, unterlag der größte
Teil der im Kynin-Bericht vorgestellten Dokumente allerdings noch immer
strengster Geheimhaltung. Es war eine außerordentliche Leistung
der Historisch-Dokumentarischen Verwaltung des neuen russischen Außenministeriums,
die innerhalb weniger Monate die Desekretierung in großem Umfang
ermöglichte. Ohne die unermüdliche Arbeit und energische Unterstützung
von Herrn Kynin und vieler Mitarbeiter des Archivs, insbesondere des
damaligen Direktors dieser Verwaltung, Igor Lebedev, wäre dies
nicht möglich gewesen.
Aber auch auf deutscher Seite war Pioniergeist vorhanden. Während
im gerade vereinigten Deutschland viele Bedenken bestanden, ob die Bedingungen
für ein deutsch-russisches Editionsprojekt gegeben seien und ob
ein solches Projekt einen wissenschaftlichen Ertrag verspreche, der
es förderungswürdig mache, ergriff Prof. Dr. Ludolf Herbst,
der gerade an der Humboldt-Universität auf den Lehrstuhl für
Zeitgeschichte und in Potsdam in den Beirat des heutigen Zentrums für
Zeithistorische Forschung berufen worden war, die Chance, ein Pilotprojekt
zur Vorbereitung der Edition auszuarbeiten und bei der Fritz Thyssen
Stiftung einzureichen. Die Thyssen Stiftung stimmte äußerst
unkompliziert und schnell diesem Antrag zu.
Auf diese Weise trafen sich im Sommer 1993 deutsche und russische Anstrengungen.
Ein Kooperationsvertrag wurde unterzeichnet. Damit eröffnete sich
für das Zentrum für Zeithistorische Forschung der Weg zur
Kooperation mit dem Moskauer Außenministerium. Es begann eine
Zusammenarbeit, die Dank der Unterstützung durch den neuen Direktor
der Historisch-Dokumentarischen Verwaltung, Botschafter Petr Stegnij,
und durch die Direktoren des Potsdamer Zentrums, Prof. Dr. Christoph
Kleßmann und Prof. Dr. Konrad H. Jarausch seitdem ertragreich
verläuft. Ohne die nun bereits seit Jahren währende Unterstützung
der Fritz Thyssen Stiftung hätte das vor sieben Jahren begonnene
Projekt niemals bis zum jetzigen Stand geführt werden können.
Selbst die heutige Veranstaltung verdanken wir dieser Stiftung, dafür
möchte ich an dieser Stelle dem Vertreter dieser Stiftung, Herrn
Regge, besonders danken!
Die Entwicklung des Projekts ist jedoch keineswegs eine reine Erfolgsgeschichte.
Sie wurde und wird von vielen Schwierigkeiten begleitet. Daß die
deutsche Seite keinen Einblick in den Desekretierungsprozeß des
russischen Außenministeriums erhält, mag verständlich
scheinen, doch warum ein sehr kleiner, aber außerordentlich wichtiger
Teil des Archivgutes, der chiffrierte Telegrammwechsel zwischen dem
Mokauer Außenamt und seinen Vertretern im Ausland (also auch in
Deutschland), mehr als fünfzig Jahre nach den Ereignissen, bis
heute gesperrt bleibt, ist auch für russische Kollegen nicht nachvollziehbar.
Lediglich Herr Kynin konnte diesen Bestand für die Vorbereitung
der Edition nutzen. Findhilfsmittel - in allen Archiven der Welt der
einzige Weg, der Benutzern einen selbständigen Zugang zu den Quellen
gewährt - werden im Mokauer Archiv für Außenpolitik
noch immer nicht herausgegeben. All dies erschwerte die Arbeit außerordentlich
und stellte die deutschen und russischen Bearbeiter vor große
Probleme. Wie jedoch der zweite Band zeigt, konnten Lösungen gefunden
werden. Die nun vorliegenden beiden russischen Bände und die begonnene
Übersetzung des ersten Bandes haben Tatsachen geschaffen, die eine
Gewähr bieten, daß auch beim dritten Band Lösungen für
die fortbestehenden Probleme gefunden werden.
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