| Der "Paffrath-Report" im Wortlaut |
| Report Mainz vom 19. Januar 2004
Moderation Fritz Frey: Besonders interessiert hat sie die Frage, warum diese Enteignungen mit der deutschen Wiedervereinigung nicht rückgängig gemacht wurden? Ein Thema, noch heute brisant, wie Oliver Merz und Tom Michel erfahren haben. Bericht: Diese Enteignungen wurden 1990, mit der deutschen Einheit, ausdrücklich nicht rückgängig gemacht, die Rückgabe oder Restitution ausgeschlossen. Dies sei eine Bedingung der Sowjetunion für die Einheit gewesen. O-Ton, Helmut Kohl, Ehem. Bundeskanzler (Januar 1991): Sieben Jahre später mußte der Kanzler erleben, wie sein Partner bei der Einheit eben diese Bedingung dementierte. O-Ton, Michail Gorbatschow, Ex-Präsident UdSSR
(März 1998): Dieser Widerspruch zwischen den beiden Staatsmännern ist ungeklärt. Constanze Paffrath hat diesen Widerspruch nun akribisch aufgearbeitet. Die Politikwissenschaftlerin hat zu diesem Thema eine Doktorarbeit geschrieben. Jahrelang hat sie alle verfügbaren Dokumente der Wendezeit ausgewertet und die Verhandlungen um die deutsche Einheit rekonstruiert. Protokolle, Vertragstexte, Medienberichte, Akten über die Zwei-plus-vier-Verhandlungen und die Verhandlungen zwischen der DDR und der Regierung Kohl analysiert. Ihr Ergebnis: O-Ton, Constanze Paffrath, Politikwissenschaftlerin: Frage: Warum wurde diese Lüge in die Welt gesetzt, aus ihrer Sicht? O-Ton, Constanze Paffrath, Politikwissenschaftlerin: Constanze Paffrath hat die Dissertation an der Universität Duisburg eingereicht. Sie ist mit der bestmöglichen Note bewertet worden: Summa cum laude. In den Gutachten zu ihrer Arbeit ist die politische und historische Bedeutung hervorgehoben worden. Udo Madaus kämpft seit Jahren gegen diese Enteignungen. Der Unternehmer, dessen Firma seit 1946 in Köln ansässig ist, ist einer von vielem sogenannten Alteigentümern, die sich als Opfer der Regierung Kohl fühlen. O-Ton, Udo Madaus, Unternehmer (in seinem Büro,
Film): Frage: Wie viele Briefe haben Sie denn geschrieben? O-Ton, Udo Madaus, Unternehmer: Die Arzneimittelfabriken Madaus und Co., 1919 gegründet (mehrere Foto- und Filmeinstellungen). Das Unternehmen war führend in der Penicillinherstellung. Das Schicksal der Firma ist beispielhaft für viele der nach 1945 aus ideologischen Gründen enteigneten Betriebe. In der sowjetischen Besatzungszone nutzten kommunistische Funktionäre jede Möglichkeit, Unternehmer zu enteignen. In der DDR wurde die Firma als Arzneimittelwerke Dresden im Volkseigentum weitergeführt. Das alte Madaus-Werk heute, eine Industrieruine. Bis heute werden solche Immobilien zugunsten des Staates verkauft. Die Alteigentümer bekommen nur eine minimale Entschädigung. Die Nicht-Rückgabe enteigneter Unternehmen, wie im Falle Madaus, eine gewaltige Hypothek für den Aufbau im Osten. So sehen es viele der Alteigentümer. Tausende vertriebene Mittelständler, die sich vom deutschen Staat betrogen fühlen, fehlen im Osten als Investoren, so eines der Argumente. O-Ton, Udo Madaus, Unternehmer (in seinem Büro): Doch warum soll die Regierung Kohl 1990 den Bruch eigener konservativer Grundpositionen begangen haben? Warum sollte sie die Rückgabe verhindert haben? O-Ton, Constanze Paffrath, Politikwissenschaftlerin: Frage: Welche Rolle spielten dabei die Ländereien, um die es ging? O-Ton, Constanze Paffrath, Politikwissenschaftlerin: Einen letzten Beweis in Form eines Kronzeugen oder eines Dokuments gibt es für ihre Thesen nicht. Die Arbeit rekonstruiert einen schwierigen politischen Prozeß. Sie fügt Indizien zu einer anklagenden Hypothese zusammen. Sie wird nun von interessierter Seite in die juristischen Auseinandersetzungen eingeführt. Am Max-Planck-Institut für Völkerrecht in Heidelberg berät Professor Karl Doehring, einer von Deutschlands renommiertesten Staatsrechtlern, mehrere Anwälte, die vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in dieser Sache geklagt haben. Die Arbeit von Constanze Paffrath ist den Richtern dort vorgelegt worden. O-Ton, Prof. Karl Doehring, Staatsrechtler: Frage: Was für eine juristische Auswirkung kann sie haben? O-Ton, Prof. Karl Doehring, Staatsrechtler: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg wird in zehn Tagen mit den mündlichen Verhandlungen zu den Klagen der Alteigentümer beginnen. Dies ist juristisch die letzte Chance für die Alteigentümer, nachdem das Bundesverfassungsgericht schon mehrfach Klagen abgewiesen hatte. Doch unabhängig vom Straßburger Urteil. Das Thema ist politischer Sprengstoff, der nicht zuletzt die Politologin Paffrath nachhaltig erschüttert hat. O-Ton, Constanze Paffrath, Politikwissenschaftlerin: In Kürze wird die Arbeit veröffentlicht. Maßgebliche Politiker der Deutschen Einheit haben sich zu ihr bislang nicht geäußert. Weitere Informationen zum Beitrag: Moderation: Fritz Frey; Bericht: Oliver Merz, Thomas Michel; Kamera: Norman Bever, Thomas Schäfer, Frank Schindler; Schnitt: Jörg Hommer, Christian Schreiber © SWR 2004 |
| Datum | siehe auch: | Verweise | |
| Beiträge von Dr. Udo Madaus | |||
| Buch | Macht und Eigentum | Constanze Paffrath | |
| Buch | Allianz des Schweigens | Dr. Udo Madaus | |
| zum Originalreport | SWF-Fernsehen |
| Zur Hauptseite | Inhaltsverzeichnis |